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So schlagen sich digitale Vermögensverwalter in der Coronakrise

Die Turbulenzen an den internationalen Märkten stellen auch Robo-Advisors auf die Probe. Die Wertentwicklung der Anbieter ist indes höchst unterschiedlich.

Alles Robo oder was? Am Ende entscheiden noch immer Menschen über die Portfolien. Foto: dpa

Es könnte der erste wirkliche Lackmustest für die digitalen Vermögensverwalter sein. Mit der Verbreitung des Coronavirus sind die internationalen Börsenbarometer in den vergangenen drei Wochen auf Talfahrt gegangen. Eine nachhaltige Erholung ist nicht in Sicht.

Branchenexperten warten seit Jahren auf eine solche schwierige Lage an den Kapitalmärkten: Werden den sogenannten Robo-Advisors die Kunden davonlaufen? Liegt ihr Neugeschäft nun auf Eis? Eine Umfrage des Handelsblatts zeigt: Die Bestandskunden erweisen sich als überraschend nervenstark, und es kommen weiter neue Anleger hinzu. Bei der kurzfristigen Performance klafft das Bild allerdings weit auseinander.

Seit sieben Jahren gibt es Robo-Advisors in Deutschland. Nach Schätzungen von Analysten der Deutschen Bank verwalten die deutschen Anbieter aktuell vier Milliarden Euro von Privatkunden. Inzwischen gibt es rund 30 solcher Anbieter am deutschen Markt. Sie alle haben eins gemein: Die angehenden Kunden klicken sich via Internet durch einen Fragenkatalog, geben Antworten zur Vermögenssituation, Risikoneigung, Erfahrung an den Kapitalmärkten und erhalten dann einen Vorschlag für ein Portfolio.

Alles digital? Kein persönlicher Kontakt? „Dann sind die Kunden schnell weg, wenn es an den Märkten kracht“, unkten in der Vergangenheit manche traditionellen Vermögensverwalter und Banker. Doch die Robos sind gar nicht so unnahbar. Ihren Kundenservice per Telefon, E-Mail oder Chat haben viele in den vergangenen Jahren ausgebaut. Das macht sich jetzt offenbar bezahlt, denn alle Anbieter berichten von vermehrten Kundenanfragen.
Nach Angaben von Erik Podzuweit, Co-Gründer des deutschen Marktführers Scalable Capital, haben sich in den vergangenen zwei Wochen zehn Prozent seiner Kunden mit Anfragen gemeldet. Bei Moneyfarm haben sich die Anrufe laut Deutschlandchef Thomas Völker etwa verdoppelt. Auch der erst kürzlich integrierte Chat werde merklich häufiger von Kunden genutzt. Und Ginmon verzeichnet seit Anfang Februar rund ein Drittel mehr Kundenanfragen als üblich.

Zum Teil haben die Kunden den ersten Schock demnach schon überwunden: „In der letzten Februarwoche, als das Thema Coronavirus an den Börsen erstmals für Turbulenzen sorgte, hatten wir durchaus vermehrte Anrufe von verunsicherten Kunden“, berichtet Salome Preiswerk von Whitebox. Doch bereits in der vergangenen Woche habe das Interesse deutlich abgenommen, und das Coronavirus sei bei Anfragen zu einem Randthema geworden.

Unterm Strich haben relativ wenige Anleger ihre Strategie verändert, wie die Anbieter darlegen: Seit dem 20. Februar hätten 1,1 Prozent der Kunden die Aktienquote reduziert, während 0,7 Prozent sie erhöhten, sagt Liqid-Chef Christian Schneider-Sickert. Ähnlich bei Moneyfarm: Deutschlandchef Völker beobachtete in den vergangenen vier Wochen bei etwa einem Prozent der Kunden einen Strategiewechsel. „Zwei Drittel von ihnen wechseln in weniger riskante Strategien, ein Drittel in riskantere“, sagt er.

Panikverkäufe scheinen bei den Robos auszubleiben. Laut Schneider-Sickert haben „mehr als acht Prozent“ der Liqid-Kunden ihr Portfolio zuletzt aufgestockt. Dagegen hätte nur insgesamt rund ein Prozent es verkleinert oder das Geld ganz abzogen.

Ähnlich äußert sich Preiswerk von Whitebox: Mittelzuflüsse waren dort ihrer Aussage nach um ein Vielfaches höher als Abflüsse. Sie spricht von „vielen großen Tickets“ von bis zu siebenstelligen Summen. Bei Scalable haben „etwa sieben Prozent das Risiko reduziert oder Geld entnommen“, sagt Podzuweit. Auch dort übertrafen die Zuflüsse die Abflüsse.

Ginmon-Chef Lars Reiner berichtet, dass seit Anfang Februar 1,5 Prozent der Kunden ihr Geld komplett zurückgezogen hätten, im selben Zeitraum hätten aber 17 Prozent der Kunden neues Geld eingezahlt. Auch eine Quirion-Sprecherin bemerkt: „Es gab natürlich Verkäufe, aber deutlich mehr Aufstockungen.“

Das Neukundengeschäft leidet nach Angaben der Anbieter mitunter leicht. Sebastian Hasenack, Vertriebschef von Solidvest, etwa sieht etwas weniger Nachfrage. „Zuletzt haben wir pro Woche im Schnitt zwei Millionen Euro von neuen Kunden erhalten, in der vergangenen Woche vorerst weniger.

Bei Weltinvest, dem Fondsangebot von Weltsparen, liegt es „unter den aktuellen Marktbedingungen erwartbar hinter unserer Planung“, sagt Investmentchef Kim Felix Fomm. Allerdings habe es an den Tagen nach kräftigen Einbrüchen bereits überdurchschnittlich hohe Ordervolumina gegeben.

Performance variiert stark

Die Aktienmärkte haben im Zeitraum vom 20. Februar bis 9. März bisher am stärksten auf die Coronakrise reagiert. Bei der Performance der Robos zeigen sich in diesem Zeitraum deutliche Unterschiede, allein dem Faktor passive oder aktive Strategie lassen sie sich aber nicht zuschreiben.

So hat ein Portfolio mit mittlerem Risiko bei Robin, dem digitalen Vermögensverwalter der Deutschen Bank, im Vergleichszeitraum gerade mal 7,5 Prozent nachgegeben. Durch die aktuell erhöhten Marktschwankungen seien Portfolios von rund 20 Prozent der Kunden umgeschichtet worden, heißt es dort.

Dabei sei es auf breiter Linie zu Verkäufen von ETFs gekommen, die Aktienindizes abbilden. Erhöht wurde der Anteil an ETFs, die in Anleihen oder Rohstoffe investiert sind, sowie die Liquiditätsquote. Aktuell liege die Aktienquote in dem Portfolio mit mittlerem Risiko noch bei 35 Prozent.

Nur wenig schlechter steht Cominvest da, der Robo der Comdirect. Das mittlere Portfolio habe 8,1 Prozent eingebüßt. Cominvest hat seit Herbst 2019 die Aktienquote angepasst, wie eine Sprecherin sagt: „Jetzt waren kaum Anpassungen notwendig.“ Aktuell liege die Aktienquote in einem Portfolio mit mittlerem Risiko bei 20 Prozent.

Zum Vergleich: Ein Anleger, der ein mittleres Risiko eingehen will, könnte sein Depot – in einer sehr vereinfachten Darstellung – zur Hälfte mit dem MSCI World und zur Hälfte mit europäischen Staatsanleihen bestücken, etwa mit dem FTSE Euro Broad Investment-Grade Bond Index. Dann ergäbe sich im Betrachtungszeitraum ein Verlust von 10,6 Prozent.

Auch Solidvest, der Robo des Vermögensverwalters DJE Kapital, hat zuletzt aktiv umgeschichtet. „Wir haben schon im Januar begonnen, Kundendepots angesichts absehbarer Auswirkungen defensiver zu positionieren, indem wir Aktien aus derzeit vom Abschwung besonders betroffenen Branchen wie der Tourismusbranche verkauft haben“, sagt Vertriebschef Hasenack.

Mit Bekanntwerden der hohen Fallzahlen in Italien sei zudem die Kasse-Position weiter aufgebaut worden. DJE hat die Aktienquoten temporär gesenkt auf 28 Prozent in der Strategie mit mittlerem Risiko und hat 25 Prozent des Kapitals nicht investiert – „als taktischen Risikopuffer für mehr Flexibilität“.

Der Verlust bei Solidvest beträgt 10,5 Prozent. Nahezu gleich schnitt Whitebox ab (minus 10,6 Prozent). Hier gab es jedoch keine Verkäufe. Lediglich im Rahmen des regulären Rebalancings, um gewünschte Quoten etwa von Aktien und Anleihen wiederherzustellen, habe es Umschichtungen gegeben, sagt Chefin Preiswerk. „Nur weil Panik herrscht, werden wir ganz sicher nicht aktiv“, sagt sie.

Auch bei Scalable Capital hat es laut Podzuweit „noch keine größeren Umschichtungen“ gegeben. „Das System wartet bewusst erst mal ab, da die sehr schnellen, scharfen Korrekturen meist nicht von Dauer sind“, erklärt er. Erst wenn das Risiko über mehrere Wochen und Monate erhöht bleibe, würden Aktien stark abgebaut. Die beliebtesten Portfolios mit je 32 Prozent und 59 Prozent Aktienquote hätten um 9,8 beziehungsweise 14,5 Prozent nachgegeben.

Growney (minus 9,8 Prozent), Ginmon (minus 12,2 Prozent) und Quirion (minus 11,3 Prozent) gehören zu jenen Anbietern, die ETF-Portfolios lediglich über das Rebalancing steuern. Auch bei Liqid, das unterschiedliche Strategien anbietet, wurde ein passives Depot in den Vergleich aufgenommen (minus 9,3 Prozent). Moneyfarm ist noch zu jung am deutschen Markt, veröffentlicht daher noch keine Zahlen zur Performance.

Klar ist, die Performancevergleiche beziehen sich nur auf einen kurzen Zeitraum. Auch Podzuweit sagt: „Wir sind noch mittendrin – wie die Coronakrise gemeistert wird, weiß man wirklich erst in ein paar Monaten.“ Langfristig wird es für die Kunden der Robo-Advisors darauf ankommen, dass die Anbieter nicht nur Verluste reduzieren, sondern auch die irgendwann folgenden Kursanstiege nicht verpassen.

Hinzu kommt: Für einen detaillierten Vergleich müssen Anleger auch die Gebühren der Angebote vergleichen. Auch hier ist die Bandbreite groß: Sie bewegt sich zwischen 0,4 und mehr als einem Prozent des verwalteten Vermögens, schwankt je nach Anlagesumme – und meist kommen noch Produktkosten für die Fonds hinzu.