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So schlägt sich die TeamViewer-Aktie im fundamentalen Vergleich zu Nemetschek

Ralf Anders, Motley Fool beitragender Investmentanalyst

Nenne mir drei große Software-Erfolgsgeschichten aus Deutschland. Viele müssten dafür wahrscheinlich einen Moment nachdenken, denn diese sind bei uns recht rar gesät. Aber wenn, dann gehören Nemetschek (WKN: 645290) und TeamViewer (WKN: A2YN90) bestimmt für viele dazu. Jetzt, wo beide Aktien an der Börse gehandelt werden, wird es Zeit für ein Duell. Dabei zeigen sich viele Ähnlichkeiten, aber auch drastische Unterschiede. Für welche Aktie du dich entscheidest, hängt auch von deinem Anlagestil ab.

Die Zahlen im Vergleich

Lass uns also direkt einmal ein paar Zahlen anschauen. TeamViewer wurde 2014 von Permira für angeblich 870 Mio. Euro übernommen und seither auf beschleunigtes Wachstum getrimmt. Wie man aber aus der Gegenüberstellung erkennen kann, hat Nemetschek auch ohne Private Equity im Rücken eine fast identische Entwicklung hingelegt, und die Bewertung des Unternehmens ist sogar noch schneller gestiegen:

TeamViewer Nemetschek
Wert 07.05.2014 in Mio. Euro 870 627
Wert 04.10.2019 in Mio. Euro 4.896 5.280
Faktor 5,6 8,4
Umsatz 2014 in Mio. Euro 126 224
Umsatz 2019 in Mio. Euro 315 556
Faktor 2,5 2,5
Mitarbeiter aktuell 738 >2.500
Umsatz je Mitarbeiter in Tsd. Euro 427 <222

Anmerkung: Vergleich ausgewählter Kennzahlen zu Nemetschek und TeamViewer; Umsatzangaben bei TeamViewer auf Basis sogenannter Billings, entnommen aus der Investorenpräsentation zum Börsengang

Der Gründer des Bausoftwarekonzerns, Georg Heinz Nemetschek, hat es als Mehrheitsaktionär zu einem großen Vermögen gebracht, wobei die Geldgeber von Permira natürlich trotz der etwas schwächeren Entwicklung auch nichts zu klagen haben. Zu beachten ist allerdings, dass TeamViewer vor dem Börsengang noch eine Eigenkapitalspritze in Höhe von 142 Mio. Euro bekommen hat, die dem Kaufpreis eigentlich zugeschlagen werden muss. Auf dieser Basis wäre der Faktor der Wertentwicklung 4,8.

Auffällig ist daneben, dass Nemetschek viel weniger Umsatz pro Mitarbeiter macht, was sicherlich mit dem völlig anderen Geschäftsmodell zusammenhängt.

Technisch ist nur wenig Gemeinsames erkennbar

In der Tatsache, dass beide schnell wachsende Softwareunternehmen aus Deutschland sind, enden auch schon fast die Gemeinsamkeiten.

Nemetschek
Bei Nemetschek steckt eine Unmenge an Ingenieurswissen aus Architektur, Bauwesen und Gebäudetechnik drin. Zudem besteht das Produktprogramm aus einem Wust aus Einzellösungen, um den kompletten Prozess von der frühesten Planung über die Instandhaltung bis hin zum Rückbau abdecken zu können.

Durch die regelmäßigen Zukäufe müssen die Nemetschek-Informatiker immer wieder aufs Neue dafür sorgen, dass aus den Bausteinen auch eine integrierte Lösung wird. Dahinter steckt eine komplexe Software-Architektur, was ja offenbar gut zu dem Unternehmen passt.

TeamViewer
Ganz anders ist die Lage bei TeamViewer. Hier begann alles mit einem simplen Tool zur Übertragung des eigenen Bildschirminhalts auf einen anderen Rechner. Von diesem universellen Kern aus strebt das Unternehmen danach, über zusätzliche Funktionalität unzählige Anwendungsfälle abzudecken. Da die Software konstant riesige Mengen über das Nutzerverhalten generiert, können die Entwickler bei TeamViewer kontinuierlich lernen, wie das Kundenpotenzial gesteigert werden kann.

Nemetschek wächst also, wie sich das für eine Architekten- und Bauingenieursoftware gehört, nach einem klaren Plan, während TeamViewer irgendwie eher wild wie Unkraut wächst.

Am Ende zählt, was unterm Strich steht

Beide Kontrahenten können noch auf viele Jahre hinaus wachsen, wenn sie ihre Sache weiterhin gut machen. Es gibt noch so viel zu digitalisieren rund um die Bauwirtschaft, während die Potenziale etwa des Internets der Dinge oder der Überlagerung von Realität und Digitalem (Augmented Reality) gerade erst beginnen, sich zu entfalten.

Das Gute dabei ist, dass beide mittlerweile hochprofitabel wirtschaften und daher aller Voraussicht nach ihr zukünftiges Wachstum aus eigenen Barmittelüberschüssen finanzieren können. 2018 hatte Nemetschek mit 76,5 Mio. Euro Nettogewinn noch klar die Nase vorn. Bei TeamViewer fielen noch Verluste an. Im ersten Halbjahr 2019 jedoch wuchs der Umsatz viel stärker als die Kosten und es blieben 45,7 Mio. Euro übrig. Damit werden für das Gesamtjahr Gewinne im Bereich von 100 Mio. Euro realistisch, ein ähnlicher Wert, wie Nemetschek nach dem erfolgreichen ersten Halbjahr (41,4 Mio. Euro Nettogewinn) erreichen will.

Da sowohl die Wachstumsrate über die kommenden Jahre als auch die Skalierbarkeit bei TeamViewer nach meinem Eindruck höher ist, sollte es dem Cloud-Unternehmen gelingen, den Gewinn deutlich schneller zu steigern und somit an Nemetschek vorbeizuziehen. Unter diesen Bedingungen wäre die TeamViewer-Aktie billiger, da Nemetschek höher bewertet wird, aber mittelfristig geringere Gewinne erwirtschaftet.

Zu beachten ist allerdings, dass sich Nemetschek als Marktführer auf einem sehr stabilen Wachstumspfad befindet, während es beim gerade erst auf dem Börsenparkett gestarteten TeamViewer schon noch ein paar offene Fragen gibt, auf die erst die kommenden Quartalsberichte vielleicht Antwort geben können. Vieles ist noch im Umbruch. Im ersten Halbjahr spielte die Umstellung des Lizenzmodells auf Abo-Entgelte eine wichtige Rolle. Außerdem läuft die Einführung von cloudbasierten Systemen für die eigene Verwaltung noch bis Mitte 2020.

Schlussurteil

Ob die noch relativ jungen Vorstöße in neue Anwendungsfelder wirklich so große Früchte tragen, wie erhofft, ist ebenfalls alles andere als sicher. Aber genau diese Unsicherheit macht diese Aktie auch so spannend. Es könnte nämlich genauso auch noch viel besser kommen, wenn die eine oder andere Initiative so richtig einschlägt. Bei Nemetschek fällt es mir hingegen schwer, noch zusätzliche Aufwärtspotenziale zu entdecken.

Die Nemetschek-Aktie ist daher eher etwas für Planer, die schon im Voraus wissen wollen, was sie von ihrem Investment erwarten können. Die TeamViewer-Aktie wiederum ist eher eine Story-Aktie, die einerseits aufgeblasen wirkt, während andererseits an allen Ecken versteckte Chancen lauern. Wer Letztere visualisieren kann, der setzt auf TeamViewer. Wer nicht mal entfernt daran glaubt, sollte sich vielleicht doch eher den Visualisierungssoftwarekonzern Nemetschek mal genauer anschauen.

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Ralf Anders besitzt keine der erwähnten Aktien. The Motley Fool besitzt keine der erwähnten Aktien.

Motley Fool Deutschland 2019