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So managen die Billigairlines die Pandemie

·Lesedauer: 5 Min.

Die US-Airline Southwest ist ein Vorbild für Ryanair. Beide erweisen sich in der Coronakrise als robust – mit prallen Kriegskassen und ähnlichen Strategien.

Der Pionier des Billigflugs leidet unter der Coronakrise, will aber dennoch keine weiteren Staatshilfen in Anspruch nehmen. Foto: dpa
Der Pionier des Billigflugs leidet unter der Coronakrise, will aber dennoch keine weiteren Staatshilfen in Anspruch nehmen. Foto: dpa

In der Luftfahrt kennt die Geschichte fast jeder: Im Jahr 1991 reiste der damals 30-jährige Michael O’Leary nach Texas zur Zentrale der US-Airline Southwest. O’Leary arbeitete bei der in Schieflage geratenen, kleinen irischen Fluggesellschaft Ryanair und sollte sie retten.

Schnell begriff O’Leary das Erfolgsrezept von Southwest: nur ein Flugzeugtyp, um den Wartungsaufwand niedrig zu halten und die Flugzeuge flexibel einsetzen zu können, kaum Service an Bord, die Flughäfen abseits der großen Drehkreuze miteinander verbinden, ein Ticketverkauf ohne großen Vertriebsapparat.

O’Leary fackelte nicht lange, baute Ryanair nach dem Vorbild Southwest um und brachte den Billigflug nach Europa. Der Trip in die USA zahlte sich aus. Ryanair zählt in Europa heute zu den finanziell solidesten Airlines – analog zu Southwest in den USA.

Das zeigt sich besonders in diesen Monaten, in denen sich die Luftfahrt weltweit in ihrer bisher wohl schlimmsten und längsten Krise befindet – ausgelöst durch die Corona-Pandemie. Reisebeschränkungen zwingen die Flugzeuge, am Boden zu bleiben. Es fehlen die Passagiere und damit der Umsatz und die Erträge.

Das ist bei Ryanair und Southwest nicht anders. Die US-Billigairline hatte zuletzt einen satten Quartalsverlust gemeldet. 1,2 Milliarden Dollar (umgerechnet eine Milliarde Euro) betrug das Minus im dritten Quartal. Der Umsatz brach um 68 Prozent auf 1,8 Milliarden Dollar ein. Ähnlich miese Zahlen dürfte Ryanair am 2. November vorlegen.

Die Ergebnisse sind ohne Frage erschreckend, vor allem wenn man bedenkt, dass das dritte Quartal die wichtigen Sommermonate abdeckt, in denen der Luftverkehr zumindest etwas wieder auf die Beine kam. Im zweiten Quartal, das voll in den ersten Lockdown in vielen Ländern auf der Welt fiel, sahen die Wirtschaftsdaten noch katastrophaler aus.

Staatshilfe floss nur in begrenztem Umfang

Beide Airlines machten mehr Verlust, als sie Umsatz erzielten. Southwest verzeichnete ein Minus von 1,5 Milliarden Dollar bei einem Umsatz von einer Milliarde Dollar. Bei Ryanair betrug der Verlust 185 Millionen Euro, der Umsatz erreichte bescheidene 125 Millionen Euro.

Und doch kommen die beiden Billiganbieter bisher besser durch die Krise als die meisten der etablierten großen Fluggesellschaften. Das liegt zum einen an ihren prall gefüllten Kriegskassen. Ryanair hatte Ende Juni 3,9 Milliarden Euro zur Verfügung. Southwest nennt aktuell eine Liquidität von 15,6 Milliarden Dollar, mehr als die Schuldenlast von 10,8 Milliarden Dollar.

Zwar haben sich auch die etablierten Netzwerk-Airlines in den USA und in Europa für die Krise mit Liquidität vollgesogen. Lufthansa etwa hatte Ende des dritten Quartals über zehn Milliarden Euro zur Verfügung. Doch sie musste dafür auf Staatshilfen zurückgreifen, die teilweise zweistellige Milliardensummen erreichten.

Dagegen haben Ryanair und Southwest nur Staatshilfen in deutlich kleinerem Umfang in Anspruch genommen. Ryanair sicherte sich ein Darlehen der britischen Regierung über 600 Millionen Pfund. Southwest erhielt 3,3 Milliarden Dollar an Hilfen, um die Löhne weiter zu bezahlen. Davon muss die Airline 990 Millionen Dollar zurückzahlen.

Mehr soll es nach bisherigen Planungen auch nicht werden. Ryanair-Chef O’Leary hat mehrfach deutlich gemacht, keine weiteren Staatshilfen in Anspruch nehmen zu wollen. Das Southwest-Management wiederum hat kürzlich sogar neuerliche Hilfen von 2,8 Milliarden Dollar abgelehnt.

Die Begründung ist dies- und jenseits des Atlantiks gleich: Staatshilfen erschweren den künftigen Zugang zum Kapitalmarkt, den man sich unbedingt offenhalten will.

Bisher geht die Strategie auf. Während die Manager vieler Airlines im Sommer davon berichteten, dass ihnen der Kapitalmarkt wegen der miesen Aussichten in der Luftfahrt verschlossen war, konnte Southwest seit Jahresbeginn fast 19 Milliarden Dollar aufnehmen. Ryanair sammelte Anfang September 400 Millionen Euro ein.

Die eher kleine Summe bei Ryanair mag irritieren, wird sie doch das Finanzpolster nur marginal verbessern. Doch Daniel Röska von Bernstein Research interpretiert sie vor allem als Signal an die Investoren: „Es ist genug, um dem Anleihemarkt zu zeigen, dass sich die Aktionäre weiterhin mit Kapital engagieren.“ Das schaffe bei anderen Investoren das Vertrauen, das Gleiche zu tun. Unter anderem werden bei Ryanair im kommenden Jahr Anleihen fällig, die – so hat es das Management betont – man trotz der Coronakrise wie geplant ablösen will.

Unterschiedlich ist dagegen bisher das Vorgehen der beiden Airlines beim Thema Jobabbau. Southwest hat in seiner Geschichte – der Pionier des Billigflugs wurde 1967 gegründet – noch nie Kündigungen aussprechen müssen. Die Fluggesellschaft ist vielmehr für den fairen Umgang mit der Belegschaft bekannt.

Auch in der aktuellen Krise hat man bisher auf Kündigungen verzichtet. Stattdessen schaffte es das Management, über Freiwilligenprogramme gut 17.000 Mitarbeiter dazu zu bewegen, vorübergehend unbezahlten Urlaub zu nehmen, in den vorzeitigen Ruhestand zu gehen oder mit einer Abfindung auszuscheiden.

Ryanair ist dagegen für einen eher ruppigen Umgang mit dem Personal bekannt. Das spüren die Mitarbeiter auch in der aktuell schwierigen Lage. Nachdem O’Leary wegen der sich wieder zuspitzenden Corona-Lage den Winterflugplan vor einigen Tagen massiv zusammenstreichen musste, ist die Rede von einem Stellenabbau – zumindest dort, wo man bisher mit den Arbeitnehmervertretern noch keine Einigung über die Arbeitszeit- und Lohnkürzung erreicht hat. Angeblich soll es um bis zu 3000 Stellen gehen.

Southwest will Kündigungen vermeiden

Allerdings könnte auch Southwest am Ende nicht um Kündigungen herumkommen. Aktuell laufen Gespräche mit den Gewerkschaften über Gehaltsverzicht und andere Maßnahmen. Sollten die nicht zu einem Ergebnis führen, seien Kündigungen im Laufe des kommenden Jahres unvermeidbar, machte Airline-Chef Gary C. Kelly am vergangenen Donnerstag deutlich.

Fest steht: Southwest und Ryanair werden zu den Airlines gehören, die die aktuelle Krise überleben werden. Southwest hat dabei gegenüber Ryanair sogar einen Vorteil: Die Airline fliegt ausschließlich in Nordamerika. Der inländische Verkehr, vor allem der mit Privatreisenden, ist derjenige, der am schnellsten und am stärksten wieder wachsen wird.

Der Heimatmarkt von Ryanair ist Europa. Die Staaten dort sind sich bisher äußerst uneinig darüber, wie man mit der Pandemie umgehen sollte. Was Ryanair-Chef O’Leary schier zur Weißglut treibt: „Wir bedauern diese Kürzungen des Winterflugplans zutiefst, die uns durch die Misswirtschaft einiger Regierungen in Bezug auf den EU-Flugverkehr aufgezwungen wurden.“

Weil die Infektionszahlen deutlich steigen, hat die irische Fluggesellschaft ihren Flugplan in Deutschland zusammengestrichen. Foto: dpa
Weil die Infektionszahlen deutlich steigen, hat die irische Fluggesellschaft ihren Flugplan in Deutschland zusammengestrichen. Foto: dpa