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So hat das GameStop-Phänomen die Finanzwelt verändert

·Lesedauer: 6 Min.

Bis zum letzten Jahr hatte Gabe Plotkin nicht allzu viel über Day-Trader nachgedacht. Er arbeitete an seinem Aufstieg in der Hedge-Fonds-Branche, bevor er seinen eigenen Fonds, Melvin Capital, gründete. Plotkin hatte eine hervorragende Rendite erzielt (etwa 47 Prozent im ersten Jahr) und ein Vermögen in Milliardenhöhe angehäuft. Nur drei Monate bevor sich Day-Trader verschworen, seine Short-Position beim Videospielhändler GameStop zu zerschlagen, legte der junge Investor 44 Millionen Dollar an, um zwei benachbarte Grundstücke in Miami Beach, USA, zu kaufen. Kleinanleger mit 10.000 US-Dollar auf ihren Trading-App-Konten waren nicht auf seinem Radar. Doch dann wurde die letzte Woche im Januar 2021 zu einer der wildesten Achterbahnfahrten, die der Aktienmarkt je gesehen hat.

Angeführt von Youtuber wie Keith Gill, bekannt als Roaring Kitten, stürzten sich Kleinanleger, die Trading-Apps nutzen, auf Aktien wie GameStop, AMC und Nokia, und trieben deren Kurse in astronomische Höhen – zum Nachteil von Leerverkäufern wie Plotkin. Bei einem Short Squeeze sind die Leerverkäufer gezwungen, ihre Positionen zu schließen, indem sie Aktien des geshorteten Unternehmens zurückkaufen, was die Nachfrage nach der Aktie weiter anheizt und ihren Kurs noch weiter in die Höhe treibt. In nur wenigen Wochen hatte Plotkin Milliarden verloren, und er und seine Familie waren zur Zielscheibe von antisemitischen Morddrohungen geworden, wie er später vor einem Ausschuss des US-Kongresses erklärte. Er war nicht der Einzige an der Wall Street, der sich ernsthafte Sorgen machte. Andrew Left, der berühmte Betrugsermittler und Leerverkäufer von dem Unternehmen "Citron Research", musste ebenfalls Prügel von der Reddit-Mafia einstecken, nachdem er gegen die Aktie gewettet hatte. Er sagte der Nachrichtenagentur Reuters im Vorfeld, dass GameStop "ein altmodischer, gescheiterter Videohändler in einem Einkaufszentrum" sei.

Die "Wall Street Journal" berichtete, dass die Social-Media-Konten von Left gehackt wurden. Er und seine Kinder wurden per SMS mit Drohungen und Schimpfwörtern bombardiert. Er schockierte viele, als er aus dem Geschäft mit Leerverkäufen ausstieg, in dem er ein Jahrzehnt lang erfolgreich war. "Das Risiko ist es nicht wert, ein Leerverkäufer zu sein; es ist für mich und meine Familie nicht wert", sagte Left am 29. Januar.

Die Kleinanleger hatten ihre Muskeln genug spielen lassen, um eine Welle von Veränderungen in der Vermögensverwaltungsbranche auszulösen.

Leerverkäufer änderten die Art und Weise, wie sie gegen Unternehmen wetten, oder stiegen, wie Left, ganz aus dem Spiel aus. Hedgefonds, die einst daran gewöhnt waren, die Vorteile des so genannten "dummen Geldes" auszunutzen, verfolgten jetzt jeden Schritt den Day-Trader – was das Geschäft für Datenanbieter ankurbelte. Trading-Apps wie Robinhood und Market-Maker wie "Citadel Securities", die für die Abwicklung ihrer Geschäfte bezahlen, sind von der Regulierung bedroht. Auch die EU-Kommission will die sogenannten Rückvergütungen von Brokern nach GameStop verbieten.

Und das Unternehmen, das im Zentrum des Geschehens stand, weiß immer noch nicht, wie es dazu kam. "Als wir die Entwicklungen sahen, waren wir fassungslos", sagte ein ehemaliger leitender Angestellter von GameStop. "Basierend auf traditionellen Bewertungsmaßstäben gab es keine denkbare Möglichkeit, dass diese Aktie 200, 300 oder 400 Dollar wert sein könnte", erklärte er.

  • 11. Januar 2021
    GameStop beruft drei neue Direktoren in den Vorstand, darunter Ryan Cohen, den Mitbegründer des E-Commerce-Riesen Chewy.

  • 13. Januar 2021
    Die Aktie des Videospielhändlers steigt um 57 Prozent, da im „WallStreetBets"-Forum auf Reddit viel geplaudert wird.

  • 19. Januar 2021
    Der aktivistische Leerverkäufer Andrew Left's Citron Research twittert, dass GameStop-Käufer "Trottel" sind.

  • 22. Januar 2021
    Die Aktien von GameStop werden kurzzeitig angehalten, als der Aktienkurs um fast 70 Prozent ansteigt.

  • 25. Januar 2021 Der Hedgefonds Melvin Capital erhält eine Finanzspritze in Höhe von 2,75 Milliarden US-Dollar von den Hedgefonds-Giganten Citadel und Point72, nachdem er mit Short-Wetten, unter anderem auf GameStop, Geld verloren hat.

  • 26. Januar 2021 Day-Trader Keith Gill veröffentlicht einen Screenshot, aus dem hervorgeht, dass seine 53.000 US-Dollar-Wette auf GameStop im Jahr 2019 auf 48 Millionen Dollar angestiegen ist.

  • 27. Januar 2021 Melvin Capital und Citron geben bekannt, dass sie den Großteil ihrer GameStop-Shorts geschlossen haben. Der Aktienkurs ist in nur zwei Wochen um 1.500 Prozent gestiegen.

  • 28. Januar 2021 Die Trading-App Robinhood schränkt den Handel mit GameStop und anderen bei „Wall Street Bets" beliebten Aktien ein.

  • 4. Februar 2021 GameStop-Aktien fallen um mehr als 40 Prozent, obwohl Robinhood und andere Broker die Handelsbeschränkungen lockern.

  • 18. Februar 2021 Keith Gill nimmt zusammen mit den CEOs von Robinhood, Citadel, Reddit und Melvin Capital an einer Anhörung im US-Kongress teil, bei der es um das Phänomen GameStop geht.

Eine neue Realität für die Wall Street

Auch die professionellen Vermögensverwalter mussten sich auf das Durchhaltevermögen der neuen Kleinanleger-Armee einstellen, die sich auf „Wall Street Bets" und anderen Handelsforen versammelten. Eine Umfrage von "Bloomberg Intelligence" ergab, dass etwa 85 Prozent der Hedge-Fonds und 42 Prozent der Vermögensverwalter die Nachrichten rund um Kleinanleger verfolgen. Und dafür gibt es gute Gründe. Laut der VandaTrack-Plattform von Vanda Research kauften Kleinanleger im vergangenen Jahr US-Aktien und börsengehandelte Fonds im Wert von 292 Milliarden Dollar, wie die „Wall Street Journal" berichtete. Das war mehr als das Siebenfache des Betrags im Jahr 2019, und dieses Tempo scheint sich auch im Jahr 2022 fortzusetzen.

Der Wandel hat Unternehmen wie Vanda Research begehrt gemacht. Der Anbieter alternativer Daten, Thinknum, ein weiterer Datenliebling des Meme-Aktienhandels, verkauft Informationen, die er aus dem Internet abgreift. Das kann für Fondsmanager, die Reddit-Foren verfolgen sollten, entscheidend sein. In jener hektischen Woche im Januar 2021 "hatten wir Dutzende von Anfragen für buchstäblich die gleiche Sache zur gleichen Zeit", sagte Thinknum-CEO Justin Zhen. "Wir haben uns beeilt, unsere Technologie auf Reddit auszurichten." Zhen sagte, dass der Reddit-Datensatz von Thinknum allein mehr als 50 neue Kunden gebracht habe.

Es gab aber auch anderweitige drastische Veränderungen. Plotkin und Sundheim vom D1 Fonds haben im Zuge der Reddit-Rallye auch die Art und Weise geändert, wie sie gegen Unternehmen wetten. Sundheim sagte auf einer Konferenz im letzten Jahr, dass seine Short-Wetten jetzt kleiner sind und dass er sein Team so umorientiert hat, dass es sich mehr auf Long-Positionen und Privatmarktinvestitionen konzentriert. "Wir haben sie nicht aufgegeben, aber wir haben unseren Ansatz geändert", sagte er. Andere Fonds haben Kleinanleger als potenzielle Quelle der Marktvolatilität identifiziert.

So können etwa Fusionsarbitrage-Strategien, die von großen Unterschieden zwischen den Aktienkursen zweier fusionierenden Unternehmen profitieren, die Aufmerksamkeit von Kleinanlegern auf sich ziehen. Als das kanadische Cannabis-Unternehmen Tilray einen 5-Milliarden-Dollar-Deal mit Aphria ankündigte, trug die Liebe der Kleinanleger dazu bei, dass die Tilray-Aktie innerhalb von zwei Monaten um 800 Prozent in zwei Monaten stieg. Moez Kassam, der Gründer von Anson Funds, der eine Fusions-ARB-Strategie verfolgt, sagte, dass Kleinanleger "vor zwei Jahren kein Risiko darstellten. Seitdem hat sich die sorgfältige Prüfung unserer Käufe verändert", sagte er.

Dieser Text wurde von Lisa Ramos-Doce aus dem Englischen übersetzt. Das Original findet ihr hier.

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