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So gelingt das Vorstellungsgespräch per Video

Normalerweise ist ein Jobinterview per Webcam die Ausnahme – nicht jedoch in Zeiten der Coronakrise. Worauf Personaler und Jobsuchende achten sollten.

Per Video bekommen Personaler ganz ungewohnte Einblicke in das Leben ihrer Bewerber: In einem Vorstellungsgespräch etwa, daran erinnert sich Anja Michael, Personalerin beim Softwarehersteller Avira, stand der Kandidat auf, weil seine Frau ihn rief. Hatten die Fragesteller bis dato Gesicht und Ausschnitte des T-Shirts gesehen, blickten sie nun auf seine Boxershorts. Den Job hat er nicht bekommen.

Das Beispiel zeigt: Bei Vorstellungsgesprächen per Video können Bewerber in ganz neue Fallen tappen. Auch für viele Personaler ist das eine ungewohnte Situation, wenn die anhaltende Coronakrise sie zum Einsatz von Techniklösungen zwingt. Zwar haben viele Industriekonzerne derzeit einen Einstellungsstopp, aber es gibt durchaus Firmen, die noch rekrutieren – per Video.

Das gilt auch für Avira. Der Softwarehersteller führe seit vielen Jahren zunächst mit jedem Kandidaten ein Auswahlgespräch per Video durch, sagt die globale Personalchefin Michael. Und urteilt positiv: „Gerade bei Bewerbern aus dem Ausland hilft das, einen ersten Eindruck zu gewinnen.“

Der Flug fällt weg, die Firma spart Geld, der Kandidat Zeit. Für die finalen Interviews lädt Avira dann in einem zweiten Schritt vielversprechende Bewerber in die Zentrale ein.

Ein Jobinterview per Webcam – das ist in normalen Zeiten eher die Ausnahme. In Zeiten von Corona muss nun aber vielerorts funktionieren, was bei Avira längst erprobte Praxis ist. Das sei aber kompliziert, räumt Michael ein. „Durch die Webcam sehe ich nur einen Ausschnitt des Bewerbers, kann seine Mimik schlechter einschätzen und bekomme nicht mit, wie er aufs Team zugeht.“

Auch für die Jobsuchenden ist es ungewohnt, sich per Webcam vorzustellen. Gerade für höherrangige Manager sei das exotisch, sagt der Berliner Bewerbungsexperte Jürgen Hesse. „Viele Bewerber sind ohnehin nervös und vor der Kamera zusätzlich gehemmt.“

Was hilft: sich besonders gut vorzubereiten. Dazu zählt auch die Technik. Laufen die Programme? Ist das Internet stabil? Funktioniert die Webcam? Inhaltlich gelte das Gleiche wie beim realen Treffen, sagt Hesse: „Bewerber sollten sich überlegen, was sie schon geleistet haben, was sie der neuen Firma bringen können, und sie sollten deutlich machen, aus welchem Holz sie geschnitzt sind.“

Auf den Punkt kommen

Was im virtuellen Jobinterview sehr wichtig ist: auf den Punkt zu kommen. Dazu rät der Kölner Karrierecoach Bernd Slaghuis nachdrücklich. „Bewerber tendieren schon im realen Gespräch dazu, zu sehr ins Erzählen zu kommen“, sagt er.

Slaghuis sieht aber auch Vorteile: So könnten sich Kandidaten Notizen zurechtlegen. Die fallen auf dem Schreibtisch liegend eben nicht so auf wie in einem realen Gespräch.

Um den Bewerbern die zusätzlichen Techniksorgen zu nehmen, versucht Personalerin Michael, für eine gute Atmosphäre zu sorgen: „Wir weisen die Bewerber vorsorglich darauf hin, dass es zu technischen Unterbrechungen kommen kann und sie ihnen nicht zum Nachteil ausgelegt werden.“

Im Gespräch erwartet die 53-Jährige dann volle Professionalität. Dazu zählen auch Äußerlichkeiten, etwa dass der Hintergrund aufgeräumt, die Kamera richtig eingerichtet – und der Bewerber auch angemessen gekleidet ist.