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Wie die deutsche Wirtschaft von Italien abhängt – und welchen Einfluss Draghi jetzt hat

Wermke, Christian
·Lesedauer: 4 Min.

Italien und Deutschland sind wirtschaftlich eng miteinander verbunden. Doch die zahlreichen italienischen Regierungskrisen belasten das Vertrauen.

Italien ist eben nicht nur das gern bediente Klischee aus Pasta, Wein und Tourismus. Foto: dpa
Italien ist eben nicht nur das gern bediente Klischee aus Pasta, Wein und Tourismus. Foto: dpa

„Buonasera“, ruft Peter Altmaier fast akzentfrei in die Kamera. Es ist Ende Januar, die deutsch-italienische Handelskammer hat zum virtuellen Jubiläums-Auftakt geladen: 100 Jahre gibt es die Mailänder AHK mittlerweile. „Damals brach die erste Globalisierung an“, erinnert Altmaier. Nach dem Ersten Weltkrieg erholte sich Europas Wirtschaft wieder aus den Trümmern und man stellte fest, „dass die internationale Arbeitsteilung uns dabei helfen kann“.

Was damals zaghaft begann, ist heute zur gegenseitigen ökonomischen Verflechtung geworden, vor allem im Norden Italiens. Das Handelsvolumen beider Länder betrug im Jahr 2019 rund 125 Milliarden Euro – für Italien ist die Bundesrepublik damit der größte Handelspartner weltweit.

Italien ist wiederum nach China, den Niederlanden, USA und Frankreich die Nummer fünf für Deutschland. Die gegenseitigen Direktinvestitionen liegen bei mehr als 41 Milliarden Euro, mehr als 16 Prozent der Exporte gehen nach, zwölf Prozent der Importe kommen aus Deutschland.

Allein das Handelsvolumen zwischen der Lombardei (mit Mailand mittendrin) und Deutschland übersteigt mit 44,3 Milliarden Euro das gesamte italienisch-japanische. Das Volumen zwischen Venetien, der Region rund um Venedig, und Deutschland übertraf mit knapp 20 Milliarden Euro das zwischen Italien und Brasilien. Diese Liste ließe sich weiter fortsetzen – und zeigt, welche Dimensionen die Abhängigkeiten haben.

Italien ist eben nicht nur das gern bediente Klischee aus Pasta, Wein und Tourismus. Gerade der Norden ist ein ökonomischer Motor Europas, mit vielen Hidden Champions im Maschinenbau, im Pharmabereich, in der Elektrotechnik. Oft Weltmarktführer in der Nische, mit fundamentaler Bedeutung für deutsche Konzerne und Mittelständler.

Viele deutsch-italienische Partnerschaften

Es gibt viele deutsch-italienische Partnerschaften, erst vor kurzem hat etwa der Betreiber des Hamburger Hafens (HHLA) die Mehrheit an einem Multifunktions-Terminal in Triest übernommen, dem nördlichsten Hafen des Mittelmeers. Auch Duisburg, der größte Binnenhafen Europas, ist bereits dort investiert. Neben der Mailänder Finanzindustrie, der Luxusmode und dem Motor Valley in der Emilia-Romagna rund um Ferrari und Co. haben sich zwischen Turin und Venedig auch Start-ups und Tech-Hoffnungen angesiedelt.

Was oft vergessen wird: In der Lombardei, dem Piemont und Venetien liegt die Produktivität höher als im EU-Mittel. Die Regionen können es ohne Probleme mit deutschen Schwergewichten wie Bayern, Baden-Württemberg oder Hessen aufnehmen.

Stephan Grigolli kennt beide Welten: Seine Mutter ist Kölnerin, sein Vater kommt aus dem Trentino in Norditalien. Der 49-Jährige ist Chef einer zehnköpfigen Anwaltskanzlei in Mailand, er betreut fast nur Mandanten aus Deutschland, die in Italien Tochtergesellschaften betreiben oder neu investieren wollen. Für ihn ist das Verhältnis der beiden Länder „ein Fels in der Brandung“, zwei Partner gegen Protektionismus und Abschottung, vorbildhaft für den Rest Europas.

Doch in den vergangenen Jahren der stetigen Regierungskrisen hat Grigolli auch gemerkt, wie die Skepsis aus Deutschland wuchs. „Wenn solch ein wichtiges Land wie Italien keine Rechtssicherheit und kein Vertrauen mehr bietet, nimmt das Interesse der deutschen Firmen schnell ab“, beobachtet der Wirtschaftsrechtler bei seinen Mandanten. Die Justiz müsse hier im ganzen Land verlässlicher werden. „Wenn ein Prozess am Landgericht Bozen in der ersten Instanz im Schnitt 250 Tage braucht, darf er in Süditalien nicht 800 Tage dauern“, fordert Grigolli.

Die letzte „Ruhephase“ habe es unter Matteo Renzi als Premier gegeben, von 2014 bis 2016. Auch, wenn Renzi innenpolitisch viele Probleme hatte: Nach außen, für Investoren, sei Italiens Standing damals ein besseres gewesen. Grigolli hofft, dass der neue Premier Mario Draghi genau dieses Vertrauen in Italien als Standort zurückbringt. „Er hat große Vorschusslorbeeren bekommen, die muss er jetzt einlösen.“

Draghi muss seine Vorschusslorbeeren einlösen

Das kann Draghi auch, indem er große europäische Zukunftsprojekte vorantreibt. 14 der 42 Firmen, die die europäische Batterie-Allianz formen, stammen aus Italien. Bei Europas Cloud-Vision Gaia X sind 29 italienische Unternehmen involviert.

Luft nach oben sieht Wirtschaftsminister Altmaier bei der Digitalisierung, wie er beim digitalen Treffen der AHK erklärt, die rund 2000 Mitglieds-Unternehmen mit mehr als 190.000 Mitarbeitern zählt: Er kenne Mittelständler in beiden Ländern, die in die ganze Welt exportieren, aber nicht erkannt haben, dass sie „mit Industrie 4.0 ihre Produktionsprozesse grundlegend effizienter machen müssen“. Hier drohten Aufträge langfristig nach China und Vietnam abzuwandern.

Beide Länder stehen vor gleichen Herausforderungen, das macht Altmaier klar. Die Schulen müssten stärker digitalisiert werden, Automobilbranche und Maschinenbau sich transformieren – getrieben durch den Green Deal der EU, mit dem ehrgeizigen Ziel der Klimaneutralität bis 2050.

Vieles davon kann Draghi mit den 209 Milliarden Euro aus dem EU-Wiederaufbaufonds finanzieren, für den ökologischen Wandel hat der Ex-EZB-Chef sogar ein eigenes Ministerium geschaffen – mit einem Physiker an der Spitze. Für das Innovations-Ministerium hat er sich mit dem ehemaligen Vodafone-Chef Vittorio Colao einen erfahrenen Manager aus der Wirtschaft ins Team geholt. Um die Justiz zu reformieren, steht mit Marta Cartabia eine ehemalige Verfassungsrichterin bereit, die das System von innen kennt.

Die deutschen Firmen vor Ort geben sich sehr optimistisch für das aktuelle Jahr, wie eine AHK-Umfrage ergeben hat: 76 Prozent der befragten Unternehmen erwarten eine Verbesserung ihrer Geschäfte. Der Draghi-Effekt ist da übrigens noch gar nicht mit eingerechnet: die Befragung stammt aus dem Herbst des vergangenen Jahres.