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Temasek-Europachef: „Die Performance von Bayer ist nach wie vor stark“

Zum Start ins Studium sollte auch ein Blick auf den Versicherungsschutz geworfen werden. Foto: dpa

Europachef Tan bevorzugt Konsumwerte und Technologie aus dem Reich der Mitte. Trotz Kursverlusten bleibt die Bayer-Aktie aber ein wichtiger Baustein im Portfolio.

Asien ist ein schwieriger Markt geworden. Den Investoren macht der Dauerstreit zwischen den USA und China im Handel zu schaffen. Auch wenn es hier eine erste Entspannung mit dem Teilabkommen gab, ist den meisten Insidern klar, dass neue Reibereien programmiert sind, etwa beim Ringen um die Vorherrschaft im pazifischen Raum.

Gleichzeitig leiden immer mehr Firmen und Geldgeber unter den seit Monaten andauernden Protesten in Hongkong, die sich gegen eine zu starke Einflussnahme Chinas richten. In diesem Spannungsfeld passen die Profianleger ihre Strategien an. „Ganz klar, die Unruhen in Hongkong werden wahrscheinlich langfristige Auswirkungen auf den Finanzstandort und das Vertrauen der Anleger haben“, betont Tan Chong Lee, der Europachef des Staatsfonds Temasek aus Singapur, im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Was der 57-Jährige sagt, hat Gewicht. Als ehemaliger Topmanager bei Banken wie Goldman Sachs und BNP Paribas ist er ein Bindeglied zwischen westlicher und asiatischer Welt. Derzeit gilt Hongkong noch als wichtige Drehscheibe in der asiatischen Finanzwelt.

Aber Singapur wird ganz eindeutig von den Problemen Hongkongs profitieren, schreibt der „Economist“. Schon Ende 2018 sei hier mehr Geld verwaltet worden als in der ehemaligen Kronkolonie – also Monate vor Beginn der Proteste. Temasek dürfte aus den jüngsten Entwicklungen seinen Vorteil ziehen.

Er zählt bereits jetzt zu den wichtigsten Staatsfonds weltweit. Nach den Berechnungen des Informationsanbieters Pitch Book verwalten die Manager in den Staatsfonds weltweit über acht Billionen Dollar. Der größte sogenannte Sovereign Wealth Fund (SWF) ist der norwegische Staatsfonds Norges, der über eine Billion Dollar managt.

Große Spieler sind auch Abu Dhabi Investment Authority (ADIA) und Kuwait Investment Authority (KIA). Und Saudi Arabiens Public Investment Fonds (PIF) will mit dem geplanten Börsengang des profitabelsten Konzerns der Welt, dem Ölförderer Saudi Aramco, in eine neue Dimension vorstoßen.

Nach der Analyse von Pitch Book machen die beiden Staatsfonds aus Singapur, der GIC Private Limited (GIC) und Temasek, den besten Job beim Managen der Gelder von zusammen rund 800 Milliarden Dollar. Temasek allein verfügt über einen Portfoliowert von 227 Milliarden Dollar. Bei dem Fonds liegt die jährliche Gesamtrendite seit der Gründung vor 44 Jahren im Schnitt bei 15 Prozent. Singapur versucht derzeit den eigenen Haushalt mit der Hälfte der erwarteten Gewinne der beiden Staatsfonds aufzupolstern.

Beteiligung in Hongkong

Doch das wird schwieriger angesichts der Handelsstreitereien in einer Welt, die sich ohnehin in einem späten Konjunkturzyklus befindet. „Wir denken, dass die Spannungen zwischen Peking und Washington wahrscheinlich noch einige Zeit anhalten werden“, erwartet Tan.

Obwohl für ihn das schwierige Verhältnis im Handel ein „klarer Spannungspunkt“ ist, sieht Temasek auch andere Faktoren, die zu den Dissonanzen zwischen den USA und China führen. Als Beispiel nennt er den Zugang zu Technologien. Trotz der vielen Probleme sieht Temasek als größter ausländischer Finanzinvestor in China weiterhin Möglichkeiten, in Unternehmen zu investieren, die künftig vom inländischen Konsum und von technischen Innovationen profitieren.

Titel, die stark vom Export abhängig sind, werden dagegen weniger stark gewichtet. „Wir haben uns auch intensiv mit Biotech und der Gesundheitsbranche beschäftigt“, ergänzt Tan. Dabei hilft die Erfahrung von über 20 Jahren Investments in China. Zu den großen Engagements gehört etwa die A.S. Watson Group aus Hongkong.

Sie ist der weltweit größte Einzelhandelskonzern für Gesundheits- und Schönheitspflege mit über 14.100 Geschäften weltweit, die mehr als 28 Millionen Kunden pro Woche bedienen. Temasek hält hier einen Anteil von 25 Prozent. „Die am Binnenmarkt orientierten Unternehmen in China dürften mittelfristig deutlich profitieren. Sie ziehen auch Vorteile aus der Neuausrichtung der Lieferketten, weil inländische Anbieter stärker berücksichtigt werden“, sagt Bin Shi, Leiter für China-Aktien bei der Großbank UBS.

Bayer als Chance

In Deutschland ist Temasek im Agrarchemiekonzern Bayer investiert. Zufrieden kann der Staatsfonds mit seinem Investment von drei Milliarden Euro für einen Anteil von gut vier Prozent nicht sein. Seit dem Einstieg ging es mit dem Kurs bergab. Doch der Fonds will an dem Dax-Wert festhalten.

„Wir glauben daran, dass unsere Investmentthese für Bayer nach wie vor gültig ist“, sagt Tan. Die Singapurer hatten Bayer als Chance gesehen, nach der Übernahme des US-Saatgutherstellers Monsanto in den Weltmarktführer im Pflanzenschutzsektor zu investieren.

Die Überlegung: Die verfügbare Ackerfläche weltweit wächst nicht. Deshalb wird Nutzpflanzenanbau bei steigenden Bevölkerungszahlen in den kommenden Jahrzehnten immer wichtiger. Temasek denkt in Generationen. Für den Staatsfonds ist die „zugrunde liegende Performance des Unternehmens nach wie vor stark, ungeachtet der laufenden Rechtsstreitigkeiten“.

In den USA klagen Tausende wegen des Pflanzenschutzmittels Glyphosat, das möglicherweise Krebs auslöst. Die Kosten werden von Analysten auf bis zu zehn Milliarden Dollar geschätzt. Bislang haben sich die Klagen stark auf den Aktienkurs ausgewirkt. Deswegen ist auch der Aktivist Elliott eingestiegen und drängt beim Leverkusener Konzern auf einen Vergleich mit den Klägern.

Entscheidend für die Singapurer ist laut Vermögensmanager Tan, dass „der Aufsichtsrat und das Management sich verpflichtet haben, die Probleme anzugehen, mit denen das Unternehmen konfrontiert ist.“ Für die kommenden Jahre stellt sich Temasek auf einen weltweit zunehmenden Wettbewerb um lukrative Investments ein.

„Die Staatsfonds sind nach wie vor einflussreich, aber die Konkurrenz nimmt zu, da große private Vermögensverwalter und Private-Equity-Fonds ebenfalls einen langfristigen Ansatz verfolgen“, gibt Tan zu bedenken. „Temasek ist sich darüber bewusst, dass wir uns in einer Welt mit wenig Inflation, niedrigen Zinsen, niedrigem Wirtschaftswachstum und niedriger Rendite befinden. Deshalb gewinnen etwa Private-Equity-Investments an Bedeutung, wenngleich bei diesen Unternehmensbeteiligungen die Gefahr einer kurzfristigen Blasenbildung besteht.“