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Siemens-Chef Kaeser bietet Klimaaktivistin Neubauer Aufsichtsposten an

Joe Kaeser hätte den umstrittenen Australien-Auftrag im Nachhinein lieber nicht angenommen. Ob Siemens ihn erfüllt, ist noch nicht entschieden.

Eineinhalb Stunden lang hat Joe Kaeser mit der Klimaaktivistin Luisa Neubauer über die Beteiligung von Siemens an dem umstrittenen Kohleprojekt in Australien diskutiert. Ob sich Siemens aus dem Auftrag zurückzieht, ist noch nicht entschieden.

Doch sagte Kaeser dem Handelsblatt: „Ich habe ihr einen Sitz in einem Aufsichtsgremium in der neuen Siemens Energy AG angeboten.“ Sie wolle darüber nachdenken. „Es sollen nicht nur alte, weiße Männer das Ganze leiten.“

Dem Handelsblatt sagte Luisa Neubauer, es gehe derzeit überhaupt nicht um ihre Person oder irgendwelche Aufsichtsposten. „Wir fordern Siemens weiterhin auf, den Auftrag sein zu lassen.“ Der Konzern wisse, welch desaströse Konsequenzen das Projekt in Australien und die Siemens-Beteiligung daran hätten.

Siemens sei nie um Worte verlegen, wenn es um das Thema Klima gehe. „Nun hat man die Gelegenheit zu demonstrieren, dass man es ernst meint.“ Es gebe immer Möglichkeiten, aus so einem Vertrag wieder herauszukommen. Auch Kaeser räumte ein, dass es womöglich besser gewesen wäre, sich gar nicht erst an der Ausschreibung zu beteiligen.

Der indische Industriekonzern Adani will in Australien eines der größten Kohlebergwerke der Welt errichten, das jährlich bis zu 60 Millionen Tonnen Kohle fördern soll. Das Projekt wird von Umweltschützern seit Jahren bekämpft. Siemens ist zwar nur mit einem vergleichsweise kleinen Auftrag beteiligt – knapp 20 Millionen Euro für eine Zugsignalanlage.

Neubauer hatte persönlich an Kaeser appelliert, die Beteiligung zu stoppen. „Wir hatten einen angenehmen Dialog. Sie ist eine angenehme Persönlichkeit, sie hört zu“, sagte Kaeser dem Handelsblatt. Er finde es sehr gut, dass es Fridays for Future als Bewegung gibt. „Viele Forderungen kann ich unterstützen.“ Alt und Jung müssten aber gemeinsam nach Lösungen suchen.

Der Siemens-Vorstand soll nun am Wochenende entscheiden, wie es weitergeht. „Es gibt aber einen unterschriebenen Vertrag. Wir haben dort eine Verpflichtung“, sagte der Siemens-Chef. Die Verlässlichkeit von Kundenbeziehungen sei wichtig, ebenso gebe es rechtliche Verpflichtungen. Geschäftlich sei der Auftrag nicht entscheidend. „Wegen 18 Millionen Euro Umsatz weniger gehen keine Arbeitsplätze verloren.“

Klimaaktivisten kritisierten, dass sich Siemens nicht sofort gegen die Beteiligung entschied. „Kaesers Zaghaftigkeit ist enttäuschend“, sagte Regine Richter von der Initiative urgewald. „Sich an einem solchen Klimakiller-Projekt beteiligen und gleichzeitig als klimafreundliches Unternehmen auftreten wollen, das ist unvereinbar.“

Auch Greta Thunberg hat sich nun in die Kontroverse eingeschaltet. Es erscheine so, dass Siemens die Macht besitze, den Bau zu stoppen, zu verzögern oder zumindest zu unterbrechen, schrieb die 17 Jahre alte Schwedin am Samstag auf Twitter. „Am Montag werden sie ihre Entscheidung bekanntgeben. Bitte helft dabei, sie dahin zu bringen, dass sie die einzig richtige Entscheidung treffen.“

Kaeser deutete an, dass die Entscheidung, sich an der Ausschreibung zu beteiligen, ein Fehler war. Er selbst habe erst im Dezember von der Beteiligung seines Konzerns gehört. „Wenn ich vorher davon erfahren hätte, wäre ich dagegen gewesen, dass wir uns an der Ausschreibung beteiligen.“

Das Thema war im Sommer durch ein sogenanntes Sustainability-Board von Siemens gegangen. Dort wurden auch Bedenken geäußert. „Das Thema wurde aber nicht so eskaliert, wie es hätte eskaliert werden sollen“, sagte Kaeser. Allerdings hat das Gremium bislang keine Möglichkeit, bei Reputationsbedenken den Prozess aufzuhalten, bis offene Fragen geklärt sind. Dies wurde geändert.

Während Kaeser und Neubauer in Berlin sprachen, gab es Demonstrationen an mehreren Siemens-Standorten. Vor der Zentrale in München hielt eine Aktivistin im Känguru-Kostüm ein Plakat mit der Aufschrift „Siemens schür keine Feuer“ hoch, eine Abordnung der Demonstranten versuchte, eine Petition zu übergeben.

Für Kaeser war das Thema heikel. Der Auftrag ist so klein, dass er anfangs gar nichts von der Siemens-Beteiligung gewusst. Doch gerade er wird bei solchen Themen persönlich in die Pflicht genommen. Schließlich hatte er immer wieder betont, dass es Unternehmen nicht nur um die Rendite gehen dürfe.

„Wir sind der Meinung, dass ein Unternehmen nur eine Existenzberechtigung hat, wenn es nachhaltig und langfristig Wert für die Gesellschaft schafft“, ließ er zum Beispiel in einen Nachhaltigkeitsbericht von Siemens schreiben.

Solche Aussagen fallen immer wieder auf ihn zurück, wenn die Schließung eines Werks droht oder Geschäfte mit Auftraggebern in China oder Saudi-Arabien in die Kritik geraten.

In den vergangenen Woche holte er die Einschätzungen von den Top-Managern ein, die zuständig sind – von den Verantwortlichen für Australien vor Ort und im Vorstand bis hin zu den Verantwortlichen in der Bahntechnik-Sparte. Doch eine Entscheidung, ob Siemens den Auftrag erfüllen oder sich zurückziehen wird, fällte er auch am Freitag noch nicht. Dies soll spätestens bis Montag geschehen.

Julien Vincent, Geschäftsführer der australischen Umweltschutzorganisation Market Forces, sagte, die Mine sei das umstrittenste fossile Projekt in der Geschichte Australiens. „Eine Unterstützung würde Siemens bereuen. Was der Konzern in dem Fall erntet, sind weltweite Empörung und ein verschärfter Klimawandel.“