Deutsche Märkte geschlossen

Siemens-Vize Busch: „Führung in der Krise muss mehr Freiräume geben“

·Lesedauer: 4 Min.

Experten sind überzeugt, dass die Coronakrise die Unternehmenskultur nachhaltig verändern wird. Flache Hierarchien und weniger Bürokratie seien gefragt.

Die disruptiven Veränderungen in vielen Technologien und die Auswirkungen der Coronakrise erfordern nach Einschätzung von Siemens-Vize Roland Busch einen neuen Führungsstil. Man müsse heutzutage weniger hierarchisch lenken und interne Silos niederreißen, sagte Busch bei der Ehrung der Vordenker des Jahres 2020 von Handelsblatt und BCG. „Sie müssen in der Organisation Freiräume schaffen für Menschen, die neue Themen angehen.“

Die Coronakrise habe diese Entwicklung beschleunigt, sagte Busch. Neue Technologien und Geschäftsmodelle setzten sich schneller durch. Während der Pandemie habe Siemens zudem die Geschäfte vor allem aufrechterhalten können, weil man den Landesorganisationen viel Freiraum für eigene Entscheidungen gelassen habe. Er wolle den Konzern weniger hierarchisch führen, wenn er im Februar den Vorstandsvorsitz von Siemens-Chef Joe Kaeser übernimmt.

Die 2016 gestartete Vordenker-Initiative von Handelsblatt und Boston Consulting Group (BCG) zeichnet junge Führungskräfte, Gründer und Visionäre aus und bringt sie mit Top-Entscheidern und -Entscheiderinnen von heute zusammen. In diesem Jahr war unter dem Leitgedanken „Vordenker für die neue Realität“ die Coronakrise das dominierende Thema.

In einer solchen Krise sei es wichtig, immer nach vorn zu sehen, sagte Douglas-Chefin Tina Müller. „Die Krise hatte auch etwas Gutes.“ So sei Douglas zwar im stationären Geschäft stark betroffen gewesen, doch habe man E-Commerce und Digitalisierung noch schneller ausgebaut. Wichtig sei es, intensiv und regelmäßig mit den Mitarbeitern zu kommunizieren. „Jeder wusste: Niemand kann etwas für diese Pandemie.“

Auch Patrick Staudacher, CFO bei LH Airlines der Lufthansa, sagte, man müsse „wahnsinnig viel kommunizieren“ und selbst in schweren Zeiten den Mitarbeitern Hoffnung geben. Man müsse sagen: „Ja, das ist die größte vorstellbare Krise für unsere Industrie. Aber wir schaffen das.“

Die Experten sind überzeugt, dass Corona die Welt nachhaltig verändern wird. Die Krise wirke in Sachen Digitalisierung wie ein Brandbeschleuniger, sagte Mattias Tauber, Deutschlandchef von Boston Consulting. Bei den Lieferketten habe es schon vor Corona den Trend zur Lokalisierung gegeben. „Corona hat da noch einmal einen draufgesetzt.“

Liefersicherheit sei plötzlich entscheidend geworden. „Das wird uns erhalten bleiben.“ Bleiben werde auch manche Entbürokratisierung, die Unternehmen gut getan habe.

Auch Giovanni Liverani, Deutschlandchef von Generali, ist überzeugt, dass künftig viele Prozesse stärker digitalisiert werden. Die Kunden wollten aber auch weiterhin eine emotionale Nähe. „Das ist die größte Herausforderung“, sagte er. Automation und Human Touch seien in Zukunft entscheidend.

Birgitta Wolff, Präsidentin der Goethe-Universität in Frankfurt warnte: Die Bildungsbereiche müssten noch stärker den Mut fördern, selbst zu denken und Entscheidungen zu fällen: „Wir haben gesehen, dass Leute, die bereit waren, sich schnell auf etwas einzustellen, besser mit der Krise zurechtgekommen sind.“

Heikles Thema Homeoffice

Auch der Trend zum Homeoffice wird wohl nach der Krise anhalten. Wie weit man dabei gehen könne, hänge stark von der Firmenkultur und den Menschen ab, sagte Douglas-CEO Müller: „Es gibt kein Patentrezept.“ Vertrauen bilde sich durch persönlichen Kontakt. Daher sei das Topmanagement derzeit oft im Büro.

Kion-Aufsichtsrätin Christina Reuter meinte, es komme auf die Tätigkeit an. Bei kreativen persönlich emotionalen Themen sei es schwierig, das rein virtuell zu gestalten. „Da würde ich mir den persönlichen Kontakt wünschen.“ Das sei aber gerade in der internationalen Zusammenarbeit derzeit nicht möglich.

Die Riege der 29 Vordenker des Jahrgangs 2020 reicht von Ana-Maria Balan, Head of Strategy Development bei Infineon, bis Daniel Terzenbach, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit.

Einer der Geehrten ist André Berchtold, Head of Strategic & Corporate Services bei SAP. Der Softwarekonzern hat unter anderem die Corona-App mitentwickelt. „Es ist wichtig, dass wir agil bleiben und uns stetig weiterentwickeln“, sagte er. Er ermutige seine Teams, schnell, pragmatisch und ohne allzu langwierige Diskussionsrunden an die Themen heranzugehen.

Nach Einschätzung von Veronika Schweighart hat die Coronakrise in vielen Beispielen gezeigt, dass man auch als kleine Firma mit Mut und Optimismus sehr viel bewirken könne. Das Softwareunternehmen Climedo, das sie mitgegründet hat, hatte bereits zu Beginn der Corona-Pandemie eine webbasierte Plattform für klinische Datenerhebung in Verbindung mit Patiententagebüchern entwickelt und kostenlos Praxen, Kliniken, Forschungsinstituten und gemeinnützigen Organisationen, die zu Covid-19 forschen, zur Verfügung gestellt.

Auch Vordenker Steffen Roser, CFO von Fresenius Kabi Deutschland, hat seine Lehren aus Corona gezogen. Zu Beginn der Pandemie sei die Nachfrage nach Narkosemitteln für Beatmungspatienten geradezu explodiert, sagte er. Man habe dies früh antizipiert – und manchmal „Abkürzungen in der Konzernbürokratie“ genutzt. Von dieser Erfahrung könnte man womöglich auch in Nicht-Krisenzeiten profitieren.

Die Vordenker-Community umfasst derzeit rund 300 junge Führungskräfte, Gründer und Visionäre. Ausgewählt werden sie von einer unabhängigen Jury. Die Talente vernetzen sich auf regelmäßigen Treffen und tauschen sich zu Zukunftsthemen aus.