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Der Konzernumbau hinterlässt Spuren in der Bilanz der Schweizer ABB


Für Ulrich Spiesshofer war das vergangene Jahr ein Erfolg: „ABB ist zum Wachstum zurückgekehrt“, sagt der ABB-Chef am Donnerstag bei der Vorstellung der Konzernzahlen. Doch die Bilanz des Industriekonzerns für das Jahr 2018 fällt gemischt aus.

Zwar konnte der Schweizer Siemens-Konkurrent seinen Umsatz um vier Prozent auf 27,7 Milliarden US-Dollar steigern. Nach Jahren, in denen ABB das selbst gesteckte Wachstumsziel verfehlt hat, hat der Konzern es damit diesmal erreicht. Und in allen Regionen und Geschäftsbereichen legten die Order zu. Doch unterm Strich verdiente der Konzern mit 2,17 Milliarden Dollar rund zwei Prozent weniger als im Vorjahr.

Belastet wird das Ergebnis vor allem vom Konzernumbau. Im Dezember hatte Spiesshofer angekündigt, dass sich ABB von der Stromnetzsparte trennt. Mit dem Schritt kommen die Schweizer einer langjährigen Forderung ihres Investors Cevian nach. Das Netzgeschäft, das 2017 noch rund 29 Prozent zum Umsatz des Konzerns beitrug, geht an die japanische Hitachi. Laut ABB-Chef Spiesshofer läuft der Deal nach Plan. Die künftigen Schritte seien „kristallklar.

Die Ergebnisse des Konzerns lassen sich durch den Umbau allerdings nur schwer vergleichen. Vontobel-Analyst Panagiotis Spiliopoulos spricht von einer „Vielzahl von Sonderfaktoren und Einmalposten, die eine korrekte Einschätzung erschweren“. Er lobt aber die starke Nachfrage im Bereich der industriellen Aktivitäten und die solide Umsetzung.

Bei der Präsentation der Ergebnisse richtete ABB-Chef Spiesshofer den Blick nach vorne. "Die neue ABB ist ein auf digitale Industrien fokussierter globaler Technologieführer", sagte der Konzernchef und lobte die "enormen Wachstumsmöglichkeiten". Die mittelfristigen Ziele des Konzerns bleiben jedoch weitgehend unverändert.


ABB gibt mit der neuen Aufstellung die bisherige Matrixstruktur auf und will vier möglichst unabhängige Geschäftsbereiche bei einer schlankeren Zentrale schaffen. Ziele seien „niedrigeres Risiko, geringere Volatilität, höheres Wachstum“.

Der neue Konzern kommt nach dem Verkauf der Stromnetze mit den vier Geschäftsbereichen Elektrifizierung, Industrieautomation, Antriebstechnik und Robotik & Fertigungsautomation auf etwa 29 Milliarden Dollar Umsatz und 110.000 Beschäftigte.

Die neue Struktur erinnert in Teilen stark an die „Vision 2020+“ von Siemens, die ebenfalls am 1. April an den Start geht. Unter Vorstandschef Joe Kaeser hat sich in den vergangenen Jahren stärker in Richtung einer operativen Holding bewegt. Mit der neuen Struktur wird dieser Kurs fortgesetzt.

Den industriellen Kern bilden künftig die drei „operativen Unternehmen“ Digitale Industrien, Intelligente Infrastruktur und das Kraftwerksgeschäft. Daneben stehen die drei „strategischen Unternehmen“. Darunter versteht Kaeser die Mehrheitsbeteiligungen an den börsennotierten Healthineers und Siemens Gamesa sowie die Zugsparte, deren Fusion mit Alstom gerade geplatzt ist. Die Geschäfte sollen möglichst viel unternehmerische Freiheit bekommen, bei einer deutlich verschlankten Zentrale. Die Zukunft gehöre agilen, fokussierten Spezialisten, nicht trägen Konglomeraten, sagte Kaeser zur Begründung. „Nicht die größten Unternehmen werden überleben, sondern die anpassungsfähigsten.“

Auch Kaeser hat seinen neuen Einheiten ehrgeizige Renditeziele verordnet. Über den Zyklus soll die Kraftwerkssparte eine Umsatzrendite von acht bis zwölf Prozent, die Intelligente Infrastruktur von zehn bis 15 Prozent und die Digitalen Industrien von 17 bis 23 Prozent erreichen. Bei der Marge im industriellen Geschäft will Siemens elf bis 15 Prozent schaffen, bei einem vergleichbaren Umsatzwachstum von vier bis fünf Prozent. Bei der Kapitaleffizienz strebt Siemens weiter 15 bis 20 Prozent an – ein Wert, den der Konzern unter Kaeser in den vergangenen Jahren allerdings regelmäßig verfehlt hat.

Noch hat Kaesers neue Strategie an der Börse nicht so richtig gezündet. Die Investoren warten den Kapitalmarkttag im Mai ab, auf dem die konkreten Pläne für die Geschäfte vorgestellt werden sollen. Spannend wird vor allem, wie Kaeser die versprochenen Einsparziele erreichen will. Er hat eine Effizienzsteigerung der sogenannten Supportfunktionen von 20 Prozent angekündigt. Dies wird nur mit einer schlankeren Zentrale und Verwaltung in den Einheiten möglich sein.


Siemens war mit durchwachsenen Zahlen in das erste Quartal des Geschäftsjahres 2018/19 gestartet, das dem vierten Quartal von ABB entspricht. Die Umsätze stiegen um vergleichbar zwei Prozent auf 20,1 Milliarden Euro. Das operative Ergebnis im industriellen Geschäft sank um sechs Prozent auf knapp 2,1 Milliarden Euro- Dies entsprach einer Umsatzrendite von 10,2 Prozent.

Verantwortlich für das schwächere Ergebnis waren die anhaltende Krise im Kraftwerksgeschäft und Sonderbelastungen im Energiemanagement. Hoffnung macht der starke Auftragseingang, der um vergleichbar 13 Prozent auf 25,2 Milliarden Euro zulegte.

Von den klassischen Konkurrenten am stärksten in der Krise ist derzeit das einst in vielerlei Hinsicht führende General Electric. Auch der US-Konzern schneidet derzeit, teilweise aus der Not geboren, sein Portfolio zurecht. 2018 hatte das Unternehmen unter anderem wegen Problemen in der Kraftwerkssparte einen Verlust von knapp 23 Milliarden Dollar eingefahren.

Die Struktur sei zu komplex gewesen, ist der neue Chef Larry Culp überzeugt. „Ein fokussierteres Portfolio ist die richtige Struktur für GE“, sagte er. Nach langer Talfahrt konnte er vor wenigen Tagen an der Börse mit dem Verkauf eines Teils der Gesundheitssparte für 21,4 Milliarden Dollar an den US-Industriekonzern Danaher punkten. Die Sparte GE Biopharma soll als eigenständige Firma in das Gesundheitsgeschäft von Danaher etabliert werden.

Auch operativ machte GE zuletzt wieder Fortschritte. Im vierten Quartal schrieb der ABB-Rivale einen überraschend hohen Gewinn von 574 Millionen Dollar. Auch mit den Amerikaner wird wieder zu rechnen sein, wenn sie ihre tiefe Krise überwunden haben.

Mehr: Dass ABB, seine Netzsparte verkauft, ist sinnvoll. Doch den Erlös sollten nicht nur Aktionäre einstreichen, findet Handelsblatt-Korrespondent Michael Brächer.