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Kaesers Vermächtnis: Siemens kommt robust durch die Krise, Dividende sinkt

·Lesedauer: 6 Min.

Ein letztes Mal stellt Joe Kaeser das Zahlenwerk vor. Siemens liegt auf Kurs, allerdings gibt es erstmals seit sieben Jahren eine Dividendenkürzung.

Der Siemens-Chef kann von einer robusten Entwicklung in der Krise berichten. Foto: dpa
Der Siemens-Chef kann von einer robusten Entwicklung in der Krise berichten. Foto: dpa

Das Vermächtnis, das er einmal hinterlässt, war Siemens-Chef Joe Kaeser immer wichtig. Als er seine radikalen Umbaupläne für den Traditionskonzern vorlegte, sagte er: „Ich persönlich stehe Ihnen dafür gerade, dass die nachfolgende Generation ein besseres Unternehmen weiterführen kann. Das ist meine Vision. Das ist meine Verantwortung. Das ist mein Versprechen.“

Viel mehr Pathos geht wohl nicht für den Vorstandsvorsitzenden eines Dax-Konzerns. Für seinen Auftritt hatte er sich die einer byzantinischen Kuppelkirche nachempfundene Mosaikhalle in der alten Berliner Siemens-Zentrale ausgesucht.

Gut fünf Jahre später nun legte Kaeser – „mitten in einer interessanten Zeit“, wie er es nannte – sein Abschlusszeugnis vor. Auf einer digitalen Pressekonferenz präsentierte der scheidende Siemens-Chef die Bilanz des Geschäftsjahres 2019/20 (30. September).

Und die kann sich, auch wenn es Schönheitsfehler gab, insgesamt sehen lassen: Umsatz und operativer Gewinn sanken im Coronakrisen-Jahr nur leicht, schon für das laufende Geschäftsjahr stellte Kaeser wieder moderate Zuwächse in Aussicht.

Gerade noch rechtzeitig, sagte der scheidende Chef, seien die wichtigsten Meilensteine wie die Abspaltung des Energiegeschäfts bewältigt worden. „Der Übergang von einem schwer berechenbaren und undurchsichtigen Konglomerat zu einem fokussierten und transparenteren Unternehmen mit einer klaren Struktur von Verantwortung und Verantwortlichkeit war dringend notwendig.“

Ein finales Urteil über seine Bilanz wollte Kaeser nicht fällen. Es komme ja auch noch die Hauptversammlung im Februar. Dann übergibt er den Vorstandsvorsitz an seinen Vize Roland Busch, der das laufende Geschäftsjahr 2020/21 bereits operativ verantwortet.

Doch hatte Kaeser einen Chart mitgebracht, der den Aktienkurs der Siemens AG seit seinem Amtsantritt als Siemens-Vorstandschef zeigte. Einschließlich Kurszuwachs und Dividenden betrage der Total Shareholder Return für die Aktionäre 98 Prozent, fast doppelt so viel wie der Dax in dieser Zeit. „Hätte es besser sein können? Absolut“, sagte Kaeser. „Aber es hätte auch schlimmer laufen können, viel schlimmer.“

Und so sah Kaesers letztes Jahr konkret aus: Der Umsatz sank 2019/20 um vergleichbar zwei Prozent auf 57 Milliarden Euro. Das operative Ergebnis der industriellen Geschäfte ging um drei Prozent auf 7,6 Milliarden Euro zurück. Damit lag Siemens vor allem beim Gewinn über den Analystenerwartungen.

Dividende wird gekürzt

Im vierten Quartal sanken die Erlöse weniger als von Marktexperten erwartet, um vergleichbar drei Prozent auf 15,3 Milliarden Euro. Das operative Ergebnis verbesserte sich um zehn Prozent auf 2,6 Milliarden Euro. Der Nettogewinn legte auch dank Sondereffekten im Zuge der Abspaltung von Siemens Energy um 28 Prozent auf 1,9 Milliarden Euro zu.

Von Investoren gab es denn auch Lob für das Abschlusszeugnis. „Die Bilanz Kaesers ist absolut positiv. Er war seit Heinrich von Pierer der beste Chef, den Siemens hatte“, sagte Daniela Bergdolt, Geschäftsführerin der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, dem Handelsblatt. Kaeser habe den Mut gehabt, das Unternehmen radikal umzubauen. „Er war bereit zu agieren – und nicht nur zu reagieren.“ Die Konkurrenz müsse mit Siemens rechnen: „Da wird nicht mehr geschlafen.“

Dass die Siemens-Aktie am Donnerstag mit einem Minus von knapp vier Prozent auf 113 Euro zwischenzeitlich Tagesverlierer im Dax war, dürfte an einigen Makeln in der Bilanz liegen. So musste der Konzern mehr als 450 Millionen Euro auf ein Elektromotoren-Gemeinschaftsunternehmen mit Valeo abschreiben.

Zudem fiel die Rendite auf das eingesetzte Kapital (ROCE) wegen der Übernahmen der vergangenen Jahre mit 7,8 Prozent so niedrig aus wie seit vielen Jahren nicht mehr. Manchen Analysten war zudem der Ausblick zu vorsichtig.

Vor allem aber kürzte Siemens erstmals seit Kaesers Amtsantritt vor sieben Jahren die Dividende – von 3,90 Euro auf 3,50 Euro je Aktie. Kaeser hatte den Konzern radikal umgebaut und fokussiert. Mit der Abspaltung der margenschwachen Energietechnik als Siemens Energy an die Börse vollendete Kaeser seine Umstrukturierung weitgehend.

Ein Vergleich mit seinem glücklosen Vorgänger Peter Löscher, der nach mehreren Gewinnwarnungen gehen musste, ist schwierig. Operative Kennziffern haben sich verändert, das Portfolio ebenso. In Löschers letztem vollen Geschäftsjahr hatte der Konzern 78,3 Milliarden Euro Umsatz erzielt bei einer operativen Rendite von 9,5 Prozent. Die Tendenz ging deutlich nach unten.

Operativ gelang es Kaeser und seinem Finanzvorstand Ralf Thomas vor allem, die alte Siemens-Krankheit – hohe Belastungen aus schlecht gemanagten Großprojekten – abzustellen. Auch deshalb steht Siemens derzeit besser da als so mancher Konkurrent.

Das vielleicht trostloseste Beispiel ist der einstige Erzrivale General Electric (GE). Die US-Industrieikone hat mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen, auch weil die Kraftwerksaktivitäten anders als bei Siemens noch zum Portfolio gehören. Bei GE sanken die Umsätze im dritten Quartal um 17 Prozent auf 19,4 Milliarden Dollar. Unter dem Strich machte der US-Konzern einen Verlust von 1,2 Milliarden Dollar.

Besser präsentiert sich der Siemens-Rivale ABB. Im dritten Quartal sanken die Erlöse der Schweizer um vergleichbar vier Prozent auf knapp 6,6 Milliarden Dollar. Das operative Ergebnis ging um fünf Prozent auf 787 Millionen Dollar zurück.

Neue Konkurrenz statt alter Rivalität

Dies entsprach einer Marge von zwölf Prozent. ABB-CEO Björn Rosengren zeigte sich insgesamt zufrieden mit der Entwicklung. Die Kostensenkungen und eine Erholung in China hätten zu einer starken Performance beigetragen. Mit ABB konkurriert Siemens unter anderem auf dem Feld der Industrieautomation.

Ein fokussierter Wettbewerber, auf den sie in München genau blicken, ist auch Rockwell Automation. Das Geschäftsjahr des US-Konzerns endete wie bei Siemens am 30. September. Im vierten Quartal sanken die Umsätze um vergleichbar zwölf Prozent auf 1,6 Milliarden Dollar.

Im gesamten Geschäftsjahr 2019/20 gingen die Rockwell-Erlöse um 5,5 Prozent auf 6,3 Milliarden Euro zurück. Mit einer operativen Umsatzrendite von zuletzt 20,2 Prozent ist Rockwell sehr profitabel. Für das laufende Geschäftsjahr prognostizierten die Amerikaner ein Umsatzwachstum von 3,5 bis 6,5 Prozent auf organischer Basis.

Zum Vergleich: In seiner Sparte Digitale Industrien, die mit Rockwell konkurriert, verzeichnete Siemens im Geschäftsjahr 2019/20 einen Umsatzrückgang um vergleichbar sechs Prozent auf knapp 15 Milliarden Euro. Die operative Marge verbesserte sich von 17,9 auf 21,7 Prozent. In den übrigen Geschäftsfeldern, also bei den Healthineers, der Bahntechnik und den Intelligenten Infrastrukturen mit der Gebäudetechnik verzeichnete Siemens sinkende Renditen.

Kaesers Nachfolger Roland Busch sagte, für Siemens habe am 1. Oktober ein neues Kapitel begonnen. Damit meint er vor allem die Neuaufstellung mit der Abspaltung von Siemens Energy. Die Aufstellung sei nun „sehr, sehr gut“, aber auch noch nicht ideal. „Unser Anspruch ist es, führend zu werden in allen Branchen, die wir bedienen.“ Er kündigte die Verselbstständigung der Einheit Intelligent Traffic Systems (ITS) an. Der Umbau von Siemens wird wohl nie ganz beendet sein.

Und Kaeser? Der will als Chefkontrolleur von Siemens Energy darüber wachen, dass sich die Abspaltung positiv entwickelt. Ob er sich vorstellen kann, nach einer Abkühlphase in zwei Jahren auch in den Aufsichtsrat der Siemens AG einzuziehen? Um diese Frage drückte sich der scheidende Vorstandschef am Ende seiner letzten Bilanzvorlage.