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Siemens Energy will von 'Investitionswelle' profitieren

BERLIN (dpa-AFX) -Die Energiewirtschaft befindet sich derzeit im Umbruch. So fordert der Klimawandel neue Lösungen für saubere Energie. Regionen wie die USA und Europa haben sich daher ehrgeizige Ausbauziele gesetzt, welche milliardenschwere Investitionsprogramme nach sich ziehen. Der Energietechnikkonzern Siemens Energy DE000ENER6Y0 will ein Stück vom Kuchen abhaben und sieht sich nach seinem Umbau dafür gut gerüstet. Aber es gibt auch große Herausforderungen, die die Umsetzung der Klimaprogramme erschweren: Das unsichere geopolitische Umfeld, komplizierte Regularien, sich hinziehende Genehmigungsverfahren sowie Sorgen um Engpässe bei der Rohstoffversorgung gehören dazu.

Siemens-Energy-Chef Christian Bruch ist grundsätzlich positiv gestimmt. "Wir stehen am Anfang einer großen Investitionswelle im Energiebereich. Das zeigt sich in allen Auftragsbüchern", sagte er bei einem Pressegespräch. So sitzt Siemens Energy derzeit auf einem Auftragsbestand von insgesamt gut 100 Milliarden Euro.

Dabei blickt der Manager insbesondere auf die USA, die mit ihrem milliardenschweren Förderprogramm "Inflation Reduction Act" (IRA) unter anderem den Klimaschutz in dem Land vorantreiben wollen. Eine Voraussetzung ist dabei eine lokale Wertschöpfung. "Wenn wir da als Europäer mitspielen wollen, werden wir investieren müssen", erklärte Bruch. Die Europäische Union hat als Reaktion auf die Investitionsprogramme der USA ihrerseits ein Förderprogramm angekündigt. Wie das allerdings im Detail ausgestaltet sein wird, ist noch offen.

Im Bereich der Windenergie ist Siemens Energy bereits mit zwei Werken für Landturbinen (Onshore) in den USA vertreten. Diese waren zwischenzeitlich heruntergefahren, laufen nun aber wieder hoch. Aber auch auf den Bereich der Meeresanlagen (Offshore) hat Siemens Energy ein Auge geworfen. So wollen die USA bis 2030 rund 30 Gigawatt zubauen. "Wir denken wie alle Wettbewerber darüber nach, Kapazitäten in den USA aufzubauen, perspektivisch wird man dort nur mit Lokalisierung erfolgreich bestehen können", ist sich Jochen Eickholt, Chef des Windanlagenbauers Siemens Gamesa, sicher. Dabei denke die Tochter von Siemens Energy über den Bau zweier Offshore-Werke nach. Voraussetzung für solche Investitionen ist aber, dass Gamesa erfolgreich bei den Windauktionen abschneide, betonte Bruch.

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Auch der Netzausbau dort ist für Siemens Energy interessant. So wollen die USA ihr Stromnetz erneuern. Auch hier prüft das Unternehmen, seine Fertigungskapazitäten zu erweitern. Das könnten dabei sowohl neue als auch bestehende Standorte sein. Dass sich Kapazitäten von Europa in die USA verlagern, glaubt Bruch nicht: "Europa ist beim Thema Netz unser größter Markt. Nirgendwo sonst wird soviel ins Netz investiert wie in Europa."

Insgesamt sieht sich Siemens Energy nach der Neuorganisation mit seinen vier Bereichen gut aufgestellt. "Grundsätzlich bin ich zuversichtlich, dass wir ein gutes Portfolio auch im Rahmen der Energiewende haben", sagte Bruch. Bei der Verluste schreibenden Siemens Gamesa steht weiter der Turnaround im Fokus. Die Komplettübernahme soll da helfen. "Die Probleme bei Siemens Gamesa zu lösen ist unsere wichtigste Aufgabe und das funktioniert besser, wenn man nah dran ist", so Bruch. Zwar werde Gamesa "auch mal durch ein Schlagloch fahren, das macht uns aber nicht mehr nervös". Wichtig seien dabei kontinuierliche Verbesserungen und "dass sie nicht jährlich eine Milliarde an Cash verbrennen, die Zahlen besser werden", sagte er.

Zum Portfolio gehört auch das Zukunftsthema Wasserstoff. In Berlin baut Siemens Energy eine Fertigungslinie für Wasserstoff-Elektrolyseure. Dazu hat das Unternehmen ein Joint Venture mit dem französischen Gasehersteller Air Liquide FR0000120073 gegründet. Die Produktion soll im Herbst beginnen, zunächst mit einem Gigawatt pro Jahr, bis 2025 soll die jährliche Produktionskapazität auf drei Gigawatt hochgefahren werden. Berlin soll dabei die Kernmodule herstellen. Bruch zufolge hat Siemens Energy hier bereits erste Vorreservierungen aus den USA für Fertigungskapazitäten.

Neben Windkraft, Netzausbau und Wasserstoff als wichtige Themen reüssiert auch ein früheres Problemkind wieder: Die Gasturbine. Hier hatte Siemens Energy noch vor wenigen Jahren wegen eines Nachfrageeinbruchs massiv die Kapazitäten abgebaut. Nun gelten Gaskraftwerke als Überbrückungstechnologie bei der Energiewende. In Deutschland will die Bundesregierung neue Gaskraftwerke bauen, die dann einspringen sollen, wenn nicht genug Strom aus erneuerbaren Energien erzeugt wird. Die ersten Ausschreibungen stehen an. Da diese auch "wasserstofffähig" sein sollen, steckt Siemens Energy viele Kapazitäten in diesen Aspekt hinein. "Ich hoffe, dass wir auch bei den deutschen Ausschreibungen bei Gasturbinen erfolgreich sind", sagte Bruch.

Das ändert jedoch nichts an der Strategie des Unternehmens, im Gasturbinengeschäft verstärkt auf den Service zu setzen, auch wenn die Phase, in der neue Aufträge für Turbinen hereinkommen, laut Bruch nun länger ist als gedacht. Das in Gas Services umgetaufte Geschäft verzeichnete allein im zweiten Quartal einen Anstieg der Auftragseingänge um fast ein Viertel, die Erlöse legten noch etwas stärker zu. Dabei ist es dem Manager zufolge eine Herausforderung, "das schöne Umsatzwachstum, das wir sehen, profitabel abzuarbeiten". Das Werk in Berlin ist dabei gut ausgelastet, so bekommt ein Kunde den Angaben zufolge bei einer Bestellung zum jetzigen Zeitpunkt einen Slot erst 2026 bis 2027.

Es werde sehr unterschiedliche Werkzeuge geben, wie man die Energiewende gestalten könne, so Bruch. Jedoch sieht er die Branche insgesamt großen Herausforderungen ausgesetzt. Eine Problematik sind die Lieferketten und die Abhängigkeiten von Rohstoffen.

Für Übertragungsnetze etwa würden große Mengen Kupfer gebraucht. So sind für bis 2035 geplanten Projekte in Deutschland zur Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung, welche On- und Offshore-Windfarmen mit einer Leistung von 80 Gigawatt ans Netz anbinden soll, rund eine Million Tonnen Kupfer nötig, rechnet Vorstandsmitglied Tim Holt vor. Dies entspreche dem Bedarf für 19 Millionen Elektroautos. Und mit dem erwarteten Stahlbedarf von rund 15,6 Millionen Tonnen könnte man 2600 Eiffeltürme bauen.

Für den Bau von Windturbinen kommen die benötigten seltenen Erden und Permanentmagneten bislang zu 100 Prozent aus China. Jüngst hat Gamesa einen Lieferantenvertrag über seltene Erden in Australien unterzeichnet. Dies koste jedoch mehr Geld, so Eickholt. Kunden müssten daher auch bereit sein, dies zu finanzieren.

Weiter monieren sowohl Bruch als auch Eickholt insbesondere in Europa und Deutschland lange und komplizierte Genehmigungsverfahren bei der Windkraft und bei den Netzen sowie unterschiedliche Ausschreibungskriterien. Eickholt fordert für die Windenergie eine Vereinfachung und Vereinheitlichung der Regeln in den verschiedenen EU-Staaten. Zwar sei Bewegung in allen Stellen der Politik erkennbar, aber nicht genug.