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Siemens Energy schreibt wieder schwarze Zahlen – will aber trotzdem Tausende Stellen streichen

Witsch, Kathrin Höpner, Axel
·Lesedauer: 5 Min.

Siemens Energy sieht die Notwendigkeit zu einem tiefgreifenden Umbau. Das Unternehmen will 7800 Jobs im Geschäft mit fossiler Energie abbauen.

Siemens Energy setzt seinen radikalen Sparkurs fort und kündigt den Abbau von weltweit 7800 Stellen an – 3000 davon in Deutschland. Bis 2025 könnte damit jeder zwölfte Job bei dem Börsenneuling wegfallen. Betroffen ist die Sparte Gas and Power, erklärte Siemens Energy am Dienstag bei der Vorlage der Ergebnisse für das erste Quartal.

Das fiel überraschend gut aus: Zum Start ins neue Geschäftsjahr hat Siemens Energy den Sprung in die Gewinnzone geschafft. Unterm Strich verdiente das Unternehmen im ersten Quartal 2020/21 (30. September) 99 Millionen Euro. Im Vorjahreszeitraum machte die Siemens-Abspaltung noch einen Verlust von 195 Millionen Euro.

„Der Energiemarkt verändert sich rasant. Das bietet uns Chancen, stellt uns aber gleichzeitig vor große Herausforderungen“, sagte Siemens-Energy-CEO Christian Bruch. Mit dem Sparprogramm will er die Wettbewerbsfähigkeit steigern.

Der geplante Stellenabbau mache 20 Prozent der Effizienzmaßnahmen aus und sei damit „zwar nur ein kleiner Teil, aber ein extrem schmerzvoller Einschnitt“, sagte Bruch am Dienstag. „Wir sind uns bewusst, dass unsere Pläne Teilen der Belegschaft viel abverlangen. Daher ist es unser Ziel, diese Maßnahmen so sozialverträglich wie möglich durchzuführen.“

Dabei sollen in Deutschland keine ganzen Standorte geschlossen werden. Noch vor der Abspaltung der Energietechnik hatte Siemens vor gut drei Jahren die Schließung des Werks im strukturschwachen Görlitz angekündigt. Nach heftigen öffentlichen Protesten nahm Siemens-Chef Joe Kaeser die Entscheidung zurück. Das Werk durfte auf Bewährung weitermachen.

Siemens Gamesa mit guten Zahlen

Erst vor wenigen Tagen hatte sich Siemens Energy mit den Arbeitnehmervertretern auf eine Zukunftsvereinbarung zum Umbau des Unternehmens geeinigt. Die sieht unter anderem vor, „möglichst keine Standorte schließen zu müssen“ und „notwendige Personalanpassungen“ über freiwillige Maßnahmen zu ermöglichen. Zahlen hatte das Unternehmen damals aber noch nicht genannt.

Bei Siemens gibt es unter dem Stichwort „Radolfzell II“ eine ähnliche Vereinbarung. Diese war bei der Abspaltung nicht für Siemens Energy übernommen worden. Daher bestand Handlungsbedarf.

IG-Metall-Hauptkassierer Jürgen Kerner sagte, er erwarte, „dass wir die geplanten Restrukturierungsmaßnahmen im Sinne der Beschäftigten und einer nachhaltigen Zukunftsperspektive ohne Kündigungen gestalten“. Die Zukunftsvereinbarung sei „eine solide Grundlage für die Transformation von Siemens Energy in Deutschland“.

Dass die Geschäfte im ersten Quartal gut liefen, ändere nichts an der Notwendigkeit des Umbaus, hieß es von Siemens Energy. Zu den guten Zahlen von November bis Januar trugen vor allem operative Verbesserungen bei der Krisensparte Gas and Power und bei der Windkrafttochter Siemens Gamesa bei.

Obwohl die Auftragseingänge des Hamburger Turbinenherstellers im ersten Quartal um mehr als die Hälfte einbrachen, stieg der Umsatz von Siemens Gamesa um fast 15 Prozent auf 2,2 Milliarden Euro und brachte damit die Marge des Windriesen wieder nach oben.

Aber auch die kriselnde Gas-and-Power-Sparte zeigt sich verhältnismäßig stabil trotz weniger Aufträge. Insgesamt konnte Siemens Energy seinen Umsatz um 2,6 Prozent auf 6,5 Milliarden Euro steigern.

„Die Gewinnspanne ist sehr beeindruckend. Der Sparkurs scheint schneller Wirkung zu zeigen als gedacht. Aber natürlich müssen die pandemiebedingten Sondereffekte wie Homeoffice und wegfallende Dienstreisen bedacht werden“, sagte Berenberg-Analyst Philip Buller zu den überraschend positiven Ergebnissen der Siemens-Tochter.

CEO Bruch hatte den Investoren vor dem Börsenstart versprochen, die Kosten um nochmals 300 Millionen Euro zu drücken. Siemens Energy will den Aktienkurs mit einer Doppelstrategie steigern: Zum einen will Bruch eine Restrukturierungsstory schreiben, zum anderen soll vor allem das Zukunftsthema Wasserstoff Wachstumshoffnungen wecken.


Aktie stieg seit der Erstnotierung um knapp 50 Prozent

Die Siemens Energy-Aktie legte zum Börsenstart zwar nur moderat zu, stieg seither allerdings um beachtliche 48 Prozent. Das liege zum einen an den grundsätzlich gestiegenen Börsenbewertungen, „zum anderen wurden die Aktien von Siemens Energy am Anfang zu niedrig bewertet“, erklärt Buller. Ob der Konzern auch langfristig seine Wachstumsziele erreicht, könne man allerdings erst absehen, wenn sich die Corona-Sondereffekte wieder normalisieren.

Bruch betonte, dass sich das Geschäft des Energietechnik-Konzerns an den sich stark verändernden Energiemarkt anpassen werde: „Wir beobachten einen Trend in Firmen, sich deutlich stärker nach ESG-Kriterien auszurichten. Und das soll auch die Richtschnur unseres Handelns sein“, bekräftigte Bruch die Ausrichtung auf das Geschäft mit erneuerbaren Energien wie Wind und Wasserstoff. Auch wenn „wir beim Thema Wasserstoff noch einen langen Atem brauchen, um daraus einen kommerziellen Markt zu gestalten“, so Bruch.

Gleichzeitig macht der Konzern einen großen Teil seines Umsatzes noch mit Service-Aufträgen für fossile Kohlekraftwerke und liefert Elektrik für Ölprojekte. Auch an dem Geschäft mit Gasturbinen wolle man trotz eines aktuell rückläufigen Marktes weiter festhalten, bekräftigte Bruch.

Die Energietechnik von Siemens war in früheren Jahren ein stabiler Ertragsbringer. Dann brach allerdings der Markt für große Gasturbinen ein, bei denen der Konzern traditionell stark war. In Zeiten der Energiewende sind vor allem kleinere, dezentrale Lösungen gefragt. Da eine Besserung nicht in Sicht war, entschied sich Kaeser, das margenschwache Energiegeschäft abzuspalten.

Mit dem guten Start ins neue Geschäftsjahr steht Siemens Energy in der Siemens-Familie nicht alleine da. Der Medizintechnikspezialist Healthineers profitierte im ersten Quartal 2020/21 von einer hohen Nachfrage nach Coronatests und hob die Prognose für das Gesamtjahr an. Auch Siemens übertraf die Erwartungen der Analysten und prüft nun eine Erhöhung der Prognose.