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Warum Shopify-Investoren hoffen sollten, dass Amazon nicht aufgesplittet wird

Brian Stoffel, Motley Fool beitragender Investmentanalyst

Lange Zeit sah es so aus, als würde niemand an die E-Commerce-Dominanz von Amazon (WKN: 906866) herankommen. Doch in den vergangenen fünf Jahren hat sich Shopify (WKN: A14TJP) zum Dorn im Auge entwickelt.

Shopify hat keinen Marktplatz wie Amazon, aber das Software-as-a-Service-Unternehmen hilft jedem Kunden, eine E-Commerce-Website zu erstellen. Shopify ist von 140.000 Händlern im Jahr 2014 auf derzeit über 820.000 angewachsen. Die Aktie ist seit dem Börsengang vor vier Jahren um 1.400 % gestiegen.

Oberflächlich betrachtet sieht es so aus, als könnte es nur noch besser werden. Und manche wollen in den USA sogar, dass Amazon aufgesplittet wird. Das sollte die Anleger von Shopify doch erfreuen, oder?

Moment. Das könnte nämlich langfristig ein Problem für Shopify sein. Die Investoren sollten eher hoffen, dass es nicht dazu kommt. Aber warum?

Amazons Dominanz in allen Bereichen

Amazon ist durch mehrere extrem breite Gräben geschützt.

Die kostengünstigste Produktion ist davon der wohl breiteste Graben. Das Netzwerk des Unternehmens mit 162 Fulfillment-Zentren innerhalb der Vereinigten Staaten – und weiteren 193 im Ausland – ist ein Vorteil, der nicht zu übertreffen ist. Amazon kann Pakete schneller und billiger als jeder andere versenden.

Der Marktplatz (sprich: die Website) wird ebenfalls durch den Netzwerkeffekt unterstützt. Da immer mehr Menschen die Website besuchen, werden Drittanbieter dazu angeregt, ihre Produkte bei Amazon zu listen und Fulfillment by Amazon für den Versand zu nutzen. Je mehr Händler auf Amazon listen, desto mehr Käufer kommen auf die Seite. Ein beneidenswerter Effekt.

Und die Menge der Artikel, die Amazon verkauft und die von Drittanbietern stammen (Amazon stellt die Produkte nicht her, sondern versendet sie nur), ist über die Jahre hinweg stark gestiegen. CEO Jeff Bezos hat kürzlich verlauten lassen, dass 58 % der 277 Milliarden USD, die über die Website verkauft werden, von Dritten stammen.

Obwohl Amazon normalerweise solche Zahlen nicht offenlegt, hier ein Blick auf das Umsatzwachstum, das aus Listung und Versand der Artikel von Drittanbietern stammt.

Quelle: SEC-Einreichungen. Chart vom Autor

Amazons Einnahmen aus der Unterstützung anderer beim Verkauf von ihren Artikeln sind um 35 % pro Jahr gestiegen.

Wo Shopify glänzen kann

Aber es ist nicht alles eitel Sonnenschein.

Nehmen wir an, du bietest ein neues Produkt an – etwa einen bestimmten Batterietyp –, das sehr beliebt ist. Weil Amazon alle Daten über deine Verkäufe sammelt, sieht es, dass du damit Geld verdienst. Dann nutzt Amazon sein schier unerschöpfliches Vermögen, um eine etwas billigere Version deiner Batterie herzustellen und sie als eigenes Produkt zu verkaufen. Und damit sind deine Einnahmen weg.

Bezos hat oft gesagt: „Deine Gewinnspanne ist meine Chance.“ Das mag eine schöne Nachricht für die Verbraucher sein, aber das bedeutet auch, dass am Ende die gesamte Macht bei einer einzigen Stelle gebündelt ist.

Und an der Stelle sieht der CEO und Gründer von Shopify, Tobi Lütke, seine Chance. Im vergangenen Sommer kündigte er an, dass Shopify seinen Händlern ein eigenes Fulfillment-Netzwerk anbieten wird. Hier ist das wichtigste Zitat des Chief Product Officer von Shopify: „Wir sind nicht daran interessiert, mit unseren Händlern zu konkurrieren. Wir werden also nicht nachgemachte Produkte zu niedrigeren Preisen und geringerer Qualität herstellen, um direkt zu konkurrieren.“

Das ist mit der wichtigste Grund, warum immer Händler sich für Shopify entscheiden.

Was könnte eine Aufspaltung bedeuten?

Es gibt viele Möglichkeiten, wie eine regulatorische Aufspaltung von Amazon ablaufen könnte. Es könnte einfach eine Trennung zwischen den Amazon Web Services (AWS) und der E-Commerce-Plattform von Amazon sein (obwohl ich bezweifle, dass das für die meisten Gesetzgeber von Interesse wäre).

Was genau könnte das aber bedeuten? Hier ist ein denkbares Szenario:

  • Amazons Marktplatz: Das ist im Wesentlichen die Website des Unternehmens. Kunden können die Adresse eingeben, nach Dingen suchen, Bewertungen lesen und am Ende auf „Kaufen“ klicken.
  • Amazons Produktion: Amazon „produziert“ nicht wirklich seine Markenprodukte. Aber hier werden unter dem Dach von Amazon Produkte hergestellt, die mit beliebten Produkten konkurrieren sollen.

Wir können sogar die Logistik außer Acht lassen. Wenn Amazons „Produktion“ von seinem Marktplatz getrennt werden müsste, hätte dieser Bereich keinen Zugang mehr zu den Daten, was sich gut verkauft. Ohne diese Daten würde es für Amazon wenig Sinn machen, etwas Eigenes herzustellen.

Das wären natürlich großartige Neuigkeiten für Drittanbieter. Aber es könnte Probleme für Shopify bedeuten. Es würde den Reiz von Shopifys Strategie zunichtemachen und den Vorteil möglicherweise wieder hin zu Amazon verlagern.

Aber mach dir nicht zu viele Gedanken

Investieren benötigt ja bekanntlich ein bisschen Köpfchen. Man versucht immer, verschiedene Szenarien durchzuspielen. Allerdings weiß man nie, was am Ende passiert. Das musste ich im letzten Jahrzehnt immer wieder auf die harte Tour lernen.

Früher hat mich das gestresst. Heute bin ich entspannter und weiß, dass ich eben nicht alles wissen kann. Ich spiele verschiedene Szenarien in meinem Kopf durch – als mögliche Vorbereitung. Das hilft mir zu wissen, worauf ich achten muss, auch wenn manche Dinge dann eben nie eintreten werden.

Daher denke ich, dass man Shopify und Amazon besitzen kann – beide. Tatsache: Zusammen machen sie satte 28 % meines Portfolios aus. Man sollte unbedingt die Entwicklung von beiden Aktien beobachten, am Ende lohnt es sich aber, beide zu halten.

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The Motley Fool besitzt und empfiehlt Aktien von Amazon und Shopify. Brian Stoffel besitzt Aktien von Amazon und Shopify. Dieser Artikel erschien am 19.12.19 auf Fool.com und wurde für unsere deutschen Leser übersetzt.

Motley Fool Deutschland 2019