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Shell-Vorstand: „Die Bedeutung des Öl- und Gassektors wird weltweit abnehmen“

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Mehr Wasserstoff, mehr Windenergie, mehr Ladesäulen: Shell-Manager Vigeveno erklärt, warum Deutschland für den Ölkonzern zum Testobjekt bei der Energiewende wird.

Der Ölindustrie steht der wohl größte Umbruch ihrer Geschichte bevor. Auch Shell-Vorstand Huibert Vigeveno weiß, dass das Zeitalter von Big Oil seinem Ende entgegengeht. Öl und Gas werden durch Wind, Solar und Wasserstoff ersetzt. „Das heißt, wir müssen sukzessive neue Geschäftsmodelle entwickeln und kosteneffizienter werden“, sagt Vigeveno im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Shell, einer der größten fossilen Energiekonzerne der Welt, muss sich deshalb komplett neu positionieren. Der britisch-niederländische Ölkonzern kündigte in der vergangenen Woche einen umfangreichen Sparkurs an. Insgesamt müssen in den nächsten beiden Jahren bis zu 9000 Stellen gestrichen werden.

Gleichzeitig sollen in der bislang wichtigsten Sparte, der Förderung und Produktion von Öl und Gas, die Kosten gesenkt werden. Geplant ist, frei werdendes Kapital aus diesem sogenannten Upstream-Bereich zum Ausbau des Geschäfts mit erneuerbaren Energien und Strom zu investieren.

„Während wir früher das Augenmerk auf die Entwicklung von Öl- und Gasreserven gesetzt haben, liegt der Fokus künftig auf dem Kunden“, betont Vigeveno. Für den milliardenschweren Ölkonzern bedeutet das eine regelrechte Kehrtwende.

Schon 25 Jahre arbeitet Vigeveno in den verschiedensten Positionen für Shell. Im Januar wurde der gebürtige Niederländer Chef der Downstream-Sparte, also der Verarbeitung und des Verkaufs von Öl- und Gasprodukten, und rückte in den Vorstand auf. Dann kam Corona und das Geschäftsmodell der Ölkonzerne, das ohnehin schon unter Druck stand, brach über Nacht in sich zusammen.

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Jetzt sind die fossilen Energiekonzerne zum Wandel gezwungen. Die europäischen Granden wie Shell, BP, Total, Equinor und Eni geben sich geläutert, stellen Klimaziele auf und wollen mehr Geld in den Ausbau von Erneuerbaren stecken.

Das Deutschland-Geschäft soll für Shell jetzt zu einer Art Testobjekt für den Umbau des globalen Ölriesen werden. Mehr Wasserstoff, mehr Windenergie und mehr Ladesäulen. „Als Schlüsselmarkt für die Shell-Gruppe ist der Umbau des Geschäfts in Deutschland entscheidend für unsere Ambitionen, bis 2050 oder früher ein Netto-null-Emissions-Energieunternehmen zu werden“, sagt Vigeveno.

Vielen Klimaschützern und aktivistischen Investoren reicht das nicht. Denn die Öl- und Gasförderung soll trotzdem weiterlaufen - auch bei Shell.

Lesen Sie hier das komplette Interview:

Herr Vigeveno, im Januar haben Sie Ihre neue Stelle angetreten, kurz danach ließ Corona die Ölnachfrage auf ein historisches Tief stürzen. Jetzt streicht Shell bis zu 9000 Stellen und kündigt ein massives Sparprogramm an. Wie ernst ist die Situation?
Die Umstrukturierung ist notwendig, weil die Coronakrise erhebliche und in einigen Bereichen auch nachhaltige Auswirkungen auf den Öl- und Gaspreis und die Nachfrage nach Kraftstoffen haben wird. Gleichzeitig erfordert die Energiewende eine andere Art von Geschäft. Während wir früher das Augenmerk auf die Entwicklung von Öl- und Gasreserven gelegt haben, liegt der Fokus künftig auf dem Kunden. Statt über die Zukunft unserer Vermögenswerte nachzudenken, müssen wir uns mehr an den Bedürfnissen unserer Kunden ausrichten.

Ein Teil dieser Umstrukturierung ist auch, mehr Geld in erneuerbare Energien zu investieren und weniger in die Förderung von Öl und Gas. Ist das der Abschied von den fossilen Energien?
Langfristig wird die Bedeutung des Öl- und Gassektors weltweit abnehmen, und andere Energieformen werden sie ersetzen. Das heißt, wir müssen sukzessive neue Geschäftsmodelle entwickeln, um daraus vermehrt Umsätze zu generieren. Das heißt aber nicht, dass wir uns schlagartig von den alten Geschäftsfeldern verabschieden sollten.

Ihr Konkurrent BP hat immerhin schon angekündigt, dass er die Produktion in den nächsten zehn Jahren um 40 Prozent senken will. Wie viel weniger Öl und Gas wird Shell in den nächsten Jahren produzieren?
Ich bitte um Verständnis, dass ich die Zahlen, die BP vor Kurzem bekanntgegeben hat, nicht kommentieren werde. Wir haben im Februar unseren sogenannten Strategy Day, wo wir einen tieferen Einblick in die Neuausrichtung unseres Unternehmens geben werden.

„Wir unterstützen die Klimaziele der EU voll und ganz“

Aber hat die Ölnachfrage ihren Höhepunkt nicht schon längst überschritten?
Auf der Basis unserer Shell-Szenarien haben wir bereits vor drei Jahren gesagt, dass die Nachfrage nach Öl in diesem Jahrzehnt ihren Höhepunkt erreichen könnte, mit den entsprechenden Folgen, die dies für das Angebot haben wird. Aber das wird auch von Land zu Land anders sein. Ich glaube, dass die Energiewende auf der ganzen Welt stattfindet, aber die Länder sind an unterschiedlichen Punkten in diesem Prozess.

Beschleunigt Corona diese Entwicklung?
Ich denke, Covid-19 stellt sicher, dass wir nicht aus dem Fokus verlieren, was wirklich wichtig ist: nämlich, dass unsere Ziele mit denen des Pariser Klimaabkommens übereinstimmen. Und ich denke, dafür gibt es einen großen Konsens bei Unternehmen, in der Politik und in der Gesellschaft. Das zeigt auch der Green Deal der Europäischen Union.

Sie unterstützen also das neue Ziel von 55 Prozent weniger CO2 bis 2030?
Ja, wir unterstützen die Klimaziele der EU voll und ganz. Als wir unsere Ziele für 2050 festgelegt haben, haben wir uns das vorher ganz genau überlegt. Einerseits geht es darum, Ziele zu formulieren, aber es geht auch darum, eine Kultur zu etablieren, die es dem Unternehmen erlaubt, sich anzupassen.

Das heißt also nicht Windparks statt Raffinerien und Ladestation statt Zapfsäule?
In der Tat werden wir auch unser Raffineriegeschäft stark umbauen. Wir werden am Ende weniger als zehn Raffinerien haben, verglichen mit 55 vor etwa 15 Jahren. Bei den verbleibenden Standorten schauen wir uns ganz genau an, wie wir diese so verändern können, dass wir sie auf CO2-ärmere Produkte ausrichten, die unsere Kunden möchten. Eine Raffinerie wird in Zukunft zum Energiepark werden. Mit Bio-LNG, Wasserstoff und so weiter.

Genau das haben Sie für Shell Deutschland schon angekündigt: viel grünen Wasserstoff, Windkraft und E-Mobilität. Ist Deutschland ein Testobjekt für den gesamten Konzern?
Als Schlüsselmarkt für die Shell-Gruppe ist der Umbau des Geschäfts in Deutschland entscheidend für die Ambition von Shell, bis 2050 oder früher ein Netto-null-Emissions-Energieunternehmen zu werden. Daher ja, Deutschland ist definitiv unser Testobjekt.

In Sachen Wasserstoff will Shell sogar zur Nummer eins in Deutschland werden. Ein sehr ambitioniertes Ziel.
Wir haben schon heute rund 90 Wasserstoff-Tankstellen hier, aber es gibt noch nicht genug Nachfrage. In unserer Rheinland-Raffinerie bauen wir gerade die weltgrößte PEM-Elektrolyse zur Herstellung von grünem Wasserstoff. Wir haben außerdem gerade die Ausschreibungen für einen der größten Windparks vor den Küsten der Niederlande gewonnen. Da werden wir dann einen Elektrolyseur in den Hafen Rotterdam stellen, um aus dem Windstrom Wasserstoff zu machen.

Ab wann wird sich mit grünem Wasserstoff Geld verdienen lassen?
Das weiß im Moment niemand. Die EU geht davon aus, dass Wasserstoff 2050 einen Anteil von 13 bis 14 Prozent am Gesamtenergiemarkt haben könnte. Die Frage ist: Wie schnell bekommen wir es hochskaliert? Aber da ist gerade einiges in Bewegung, und wir wollen am Start sein, wenn die Nachfrage anzieht.

Shell fängt jetzt auch mit dem Ausbau von Ladestationen an. Steht das Elektroauto vor dem Durchbruch?
Wir sind auf einem guten Weg, aber die Reichweitenangst kann ich nachvollziehen. Das muss sich noch verbessern. Aber ich denke, dass die Anzahl der Elektroautos jetzt sehr schnell und sehr stark wachsen wird.

Braucht es dann überhaupt noch Tankstellen? 80 Prozent der Ladevorgänge für E-Autos finden immerhin zu Hause oder am Arbeitsplatz statt.
Da bin ich mir sicher. Aber die Tankstellen werden anders aussehen. Je mehr sich die Antriebe innerhalb der Flotte verändern, desto mehr alternative Energien werden wir an unseren Tankstellen anbieten. Wir sind permanent dabei, unser Angebot weiterzuentwickeln. Auch im Shop. Bis 2025 wollen wir 50 Prozent unserer Margen aus dem erweiterten Shop-Geschäft generieren.

Gleichzeitig hat Shell viel Geld in den Ausbau seiner Petrochemie-Sparte gesteckt. Länder wie China oder Indien mit Plastik zu fluten passt allerdings nicht besonders gut in das Bild eines geläuterten Ölkonzerns, oder?
In meinen Augen spielt die Petrochemie eine Schlüsselrolle für die Dekarbonisierung der Weltwirtschaft und damit für eine erfolgreiche Energiewende. Sie ist im Vergleich weniger ressourcenintensiv und leichter, was eine höhere Energieeffizienz ermöglicht. Chemikalien werden von Kunden zur Herstellung von Tausenden von Endprodukten wie Möbeln, Kleidung, Haushaltsgeräten und Verpackungen, Shampoo und Smartphones verwendet. Viele von ihnen verbrauchen weniger Ressourcen und haben einen geringeren CO2-Fußabdruck als die Glas-, Papier- oder Metallprodukte, die sie ersetzen.

Plastik soll uns also vor dem Klimawandel retten?
Zunächst einmal sprechen wir bei Petrochemikalien über vielmehr als nur Plastik. Wenn man sich bei dem Rohstoff Öl mal anschaut, wo die meisten CO2-Emissionen entstehen, dann ist es, wenn man das Produkt tatsächlich benutzt beziehungsweise verbrennt. Petrochemische Produkte werden nicht verbrannt, also ist ihr absoluter CO2-Ausstoß deutlich geringer.

Für die Umwelt bleibt Plastikmüll aber auch unabhängig vom CO2-Ausstoß ein großes Problem.
Recycling und Wiederverwendbarkeit sind Themen, die gerade viel Aufmerksamkeit bekommen. Das Tempo, mit dem Politik und Gesellschaft gerade ihre Gewohnheiten ändern, nimmt zu. Es geht darum, wie das Produkt genutzt wird und wie man eine Kreislaufwirtschaft in den Ländern unterstützen kann, in denen wir unsere Produkte verkaufen. Und das machen wir in jedem Land.

Herr Vigeveno, vielen Dank für das Interview.