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Grenzen der Toleranz: Wenn Details zum Privatleben auf der Dienstreise zum Lebensrisiko werden

Homosexualität ist in vielen Ländern ein Tabu. Wenn ein schwuler Manager dienstlich ins Ausland muss, kann es eine gefährliche Mission werden.

Ernesto Marinelli ist stolz, ein schwuler Manager zu sein. Aber bei einem Kundenbesuch in Dubai merkte er, wie er mit seiner Offenheit plötzlich in Gefahr geriet. Während sie entspannt miteinander speisten, erkundigte sich der einheimische Geschäftspartner nach Marinellis Lebensumständen.

Der Italiener erzählte freimütig wie immer, dass er wegen der Liebe nach seinem Studium in Würzburg geblieben sei. Der arabische Scheich wollte von Marinelli wissen, ob er denn eine deutsche Frau geheiratet habe. Auf sein „Nein, einen deutschen Mann“ folgte überraschtes Schweigen, dann ein abrupter Themenwechsel. Die zuvor joviale Stimmung wandelte sich in klirrende Kälte.

Für Geschäftspartner oder Kollegen ein Pseudo-Privatleben mit einer Freundin zu erfinden kam für Marinelli, der als globaler Personalleiter des Vorstandsbereichs Vertrieb beim Softwareriesen SAP arbeitet, nie infrage. „Ich habe am Anfang meiner Karriere beschlossen, mir einen Arbeitsplatz zu suchen, an dem ich mich nicht verstellen muss“, sagt der homosexuelle Manager.

Um die Toleranz zu testen, erzählte der Manager seinem künftigen Vorgesetzten schon im Vorstellungsgespräch in Walldorf, er gehe anschließend auf Shoppingtour mit seinem Mann. Als der neue Chef dabei nicht zusammenzuckte, sondern einen Arbeitsvertrag anbot, war dem heute 52-Jährigen klar, „hier bin ich richtig“.

Schwul oder lesbisch zu sein ist im Jahr 2019 in Deutschland keine große Sache. Zwar haben auch hierzulande Homosexuelle mit Diskriminierungen in Job und Alltag zu kämpfen. Allerdings schützt das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz die sexuelle Identität eines jeden.

Wenn Firmen homosexuelle Manager oder Angestellte ins Ausland entsenden, gelten jedoch andere Regeln. Ein Vertriebsexperte, der in den Arabischen Emiraten neue Märkte erschließt? Ein Ingenieur, der die saudische Regierung beraten soll? Oder ein Softwarespezialist, der einem pakistanischen Kunden weiterhilft? Für schwule oder lesbische Fach- und Führungskräfte kann das heikel werden.

In zwölf Ländern droht Homosexuellen die Todesstrafe

„Die Risiken sind beträchtlich“, sagt Stuart Cameron von der Uhlala-Gruppe, die sich seit mehr als zehn Jahren für die Rechte von Schwulen, Lesben, Bi- oder Transsexuellen (LGBT) am Arbeitsplatz einsetzt. Bis heute ist die eingetragene Partnerschaft oder auch die Homo-Ehe in vielen Staaten ungültig. Etwa bei wichtigen deutschen Handelspartnern wie China, Indien oder Russland.

Doch damit nicht genug: In etwa 70 Ländern gibt es Gesetze gegen LGBT. In Myanmar können Schwule oder Lesben für öffentliches Händchenhalten lebenslänglich im Gefängnis landen. In zwölf Ländern, darunter der nächste Fußball-WM-Austragungsort Katar, aber auch im Iran oder den Vereinigten Arabischen Emiraten droht sogar die Todesstrafe. Im Sultanat Brunei in Südostasien wird noch gesteinigt.

Eine Orientierung – auch für Dienstreisende – bietet zum Beispiel der jährlich erscheinende „Gay Travel Index“ des Schwulen-Reiseportals „Spartacus“. Dort gelten derzeit Tschetschenien, Saudi-Arabien und Somalia als schwulenfeindlichste Regionen der Welt. „Die meisten deutschen Arbeitgeber haben keine Ahnung. Das Thema ‚sexuelle Orientierung und Identität‘ ist oftmals ein Tabu“, sagt Experte Cameron.

In seinen 14 Jahren bei SAP war Marinelli viel unterwegs. Oft verbringt er nicht nur ein paar Tage außerhalb Deutschlands, sondern ist auch schon mal deutlich länger weg. Hat er aus seiner sexuellen Orientierung in der Zentrale nie ein Geheimnis gemacht, bereitete sie ihm im Ausland immer wieder Probleme – selbst in scheinbar sicheren Gefilden.

So etwa, als er bei der Eingliederung des amerikanischen Softwareunternehmens Success Factors helfen sollte, das SAP 2011 gekauft hatte. Und Marinelli dazu für ein Jahr von Walldorf nach San Francisco umziehen sollte. Natürlich wollte er seinen Mann mitnehmen. Von der großen Wohnung für Paare bis zur Extra-Krankenversicherung für seinen Partner hatte SAP für die beiden alles genauso wie für einen heterosexuellen Mitarbeiter vorbereitet, der mit seiner Frau ins Ausland zieht.

Bis der große Knall kam: Marinellis Partner könne kein Visum als Ehemann erhalten, hieß es. Denn auch wenn das deutsch-italienische Paar hierzulande als Lebensgemeinschaft eingetragen war, gab es damals die „Ehe für alle“ in den Vereinigten Staaten noch gar nicht.

Miguel Castro, Leiter des Bereichs Kultur und Identität im globalen Büro für Vielfalt und Inklusion bei SAP sagt: „Wir kennen die lokalen Gesetze und finden individuelle Lösungen.“ Das könnte für einige asiatische Länder zum Beispiel ein Tarn-Visum als Hausangestellter sein.

Dass Ausländer ihre eigenen Köche, Kindermädchen oder Chauffeure mitbringen, ist etwa in Thailand üblich. Ein weiterer Kniff: Arbeitet der Partner selbst nicht im Ausland, kann er sich als Student an einer örtlichen Uni einschreiben, um ein Bleiberecht zu erwirken. Mit Unterstützung von SAP konnte auch Ernesto Marinelli seinen Mann den kalifornischen Kollegen auf der Willkommensparty vorstellen.

So viel Hilfe vom Arbeitgeber erhalten homosexuelle Mitarbeiter selten. Im Gegenteil. 25 Jahre ist es jetzt her, dass der Paragraf 175 aus dem Strafgesetzbuch ersatzlos gestrichen und Homosexualität in Deutschland legalisiert wurde, doch eine aktuelle Studie des Karrierenetzwerks LinkedIn unter LGBT zeigt große Zurückhaltung: 32 Prozent der Befragten gaben an, eher nicht oder überhaupt nicht offen am Arbeitsplatz mit ihrer Sexualität umzugehen.

Insgesamt sind etwa fünf bis zehn Prozent aller Beschäftigten in einem Betrieb homosexuell. Klar, es geht den Chef grundsätzlich nichts an, ob ein Mitarbeiter Männer mag oder eine Kollegin Frauen. Das ist Privatsache. Doch so manch einer hält sich aus gutem Grund bedeckt: 23 Prozent der Befragten haben nämlich schon am Arbeitsplatz Benachteiligung aufgrund ihrer sexuellen Orientierung erlebt, waren also Zielscheibe für Schwulenwitze oder gar körperlicher Attacken ausgesetzt.

Und zwölf Prozent der Umfrageteilnehmer erduldeten das sogar aktuell. Das Motto: „Bloß nicht unangenehm auffallen.“ Das gilt umso mehr, wenn Fach- oder Führungskräfte beruflich ins Ausland reisen: Bei einer internationalen Befragung des US-Marktforschers Wakefield Research in diesem Sommer gaben 97 Prozent der LGBT-Geschäftsreisenden an, die eigene sexuelle Identität auf Businesstrips verborgen zu haben. Insgesamt hatten 7850 Personen aus 22 Ländern an der Umfrage teilgenommen.

Sebastian Stoffregen ist als Autospezialist bei McKinsey oft beruflich im Ausland unterwegs. Etwa gegenüber der Hälfte seiner Kunden außerhalb von Deutschland will der schwule Consultant sein Privatleben aber lieber nicht thematisieren. Zunächst leitete der heute 33-Jährige für 13 Monate ein Projekt in New York, danach ging es Mitte 2016 für ein Dreivierteljahr weiter nach Schanghai

Nach dem Laisser-faire im Schmelztiegel New York unterschied sich die Situation in Schanghai deutlich. Stoffregen sagt, in China blühe die Schwulenszene zwar nicht im Verborgenen. Aber von öffentlichen Pride-Paraden „ist man sogar in den freizügigsten Metropolen noch ein ganzes Stück entfernt“, berichtet der Manager.

Die chinesische Regierung wünscht Stabilität und propagiert einen traditionellen Lebensstil: arbeiten und heiraten, Kinder bekommen, Ahnen ehren. Diese konfuzianischen Klassiker können gleichgeschlechtliche Paare kaum erfüllen. Leihmütter, aber auch Umpolungskliniken haben daher in der Volksrepublik Konjunktur.

Als Mitglied des firmeneigenen LGBT-Netzwerks „Glam“ geht es Stoffregen darum, „Courage zu zeigen und ein Vorbild zu sein“. An Veranstaltungen, wie sie McKinsey, aber auch andere engagierte Arbeitgeber im Ausland in ihren Räumlichkeiten abhalten, nimmt Stoffregen darum bewusst teil. Sozusagen „auf neutralem Boden“ sollen Diskussionen für mehr Offenheit im jeweiligen Land angeregt werden und weitere Unterstützer gewonnen werden.

Trotzdem stößt der Berater mit seiner progressiven Einstellung in der als konservativ geltenden Autoindustrie oft an Grenzen. Deshalb überlege der Manager auch genau, „wann ich offen sein kann und wann ich besser Distanz wahre“.

Beim eigenen Arbeitgeber mit offenen Karten spielen

Immerhin, Homosexualität ist in China keine Straftat mehr. Und es gibt auch keinen ausgeprägten Schwulenhass wie in Russland, der Türkei oder vielen arabischen Ländern. Soll es dienstlich in diese Regionen gehen, ist die gezielte Information des Arbeitgebers noch deutlich wichtiger. LGBT-Personalexperte Cameron rät homosexuellen Fach- und Führungskräften vor Auslandsaufenthalten in konservativen Ländern: „Kein Risiko eingehen, sondern offen mit der privaten Situation umgehen und sich bei der Geschäftsführung oder einer Vertrauensperson im Unternehmen outen.“

Schon um schikanöse Situationen wie bei der Einreise zu vermeiden. Gerade an Flughäfen werden immer öfter Smartphones und Notebooks genauestens gefilzt. Durch einschlägige Apps, Fotos oder Videos könnten Homosexuelle ungewollt ins Visier von Sicherheitspersonal und Behörden geraten. Und sich ihrer Willkür oder Repressalien ausgeliefert sehen. Dass schlicht die Einreise verweigert wird, zählt da oft noch zu den günstigen Fällen. „Dass man sich 2019 als Homosexueller noch in vielen Teilen der Welt verstecken muss, ist nicht akzeptabel“, sagt SAP-Manager Ernesto Marinelli.

Umso mehr schätzt er einen Service, den ihm sein Arbeitgeber spendiert. Damit er in Ländern wie Saudi-Arabien die Einreiseformalitäten schnell hinter sich bringen kann, holt ihn ein einheimischer Begleiter direkt am Flugzeug ab und lotst ihn zum Fast-Track-Schalter für Geschäftsleute. Unangenehme Kontrollen und Fragen bleiben ihm so erspart.

Weniger glücklich schätzen konnte sich dagegen der schottische Elektriker Jamie Harron. Sein Fall hatte vor zwei Jahren für internationales Aufsehen in der Community gesorgt. Ein arabischer Manager einer deutschen Öltechnologiefirma hatte den damals 27-Jährigen angezeigt. Der Vorwurf: Der Brite habe ihn in einer überfüllten Bar in Dubai unsittlich an der Hüfte berührt. Nach eigenen Angaben wollte der junge Mann mit der Geste aber nur verhindern, dass sein Bier im Vorbeigehen verschüttet wird.

Nach seiner Verhaftung verbrachte der Handwerker fünf Tage im Gefängnis, ein Gericht verurteilte den Briten zu drei Monaten Haft wegen unzüchtigen Verhaltens. Laut der Organisation „Detained in Dubai“, die sich für in den Emiraten verhaftete Ausländer einsetzt und Berufung einlegen wollte, war Harron „wütend, enttäuscht und voller Angst, was als Nächstes passiert“. Er sagte damals: „Ich habe meinen Job verloren, ich könnte ins Gefängnis kommen – und das alles wegen eines zweitägigen Kurzurlaubs. Das ist unglaublich.“

Harron, der damals als Expat in Afghanistan angestellt war, musste laut Medienberichten mehr als 40.000 Euro an Anwalts- und Prozesskosten aufbringen. Zwar wurde die Anzeige später zurückgezogen, woraufhin der Herrscher des Emirats Dubai, Muhammad bin Raschid Al Maktum, persönlich angeordnet haben soll, das Verfahren gegen Harron einzustellen. Aber der Vorfall zeigt deutlich, welche schweren Strafen in konservativen Ländern drohen, wenn auch nur der Anschein von homosexuellem Verhalten erweckt wird.

Im Smartphone- und Social-Media-Zeitalter verschärft sich die Situation für Lesben und Schwule noch einmal. In einigen Ländern überwacht laut Auswärtigem Amt die Polizei Webseiten, mobile Dating-Apps oder andere Online-Treffpunkte. Die Sicherheitskräfte einiger Staaten wie Ägypten nehmen Lesben, Schwule, Bi- oder Transsexuelle sogar gezielt über Fake-Accounts ins Visier. Zudem können öffentlich zur Schau gestellte Gesten gleichgeschlechtlicher Liebe, auch wenn sie von einem Ausländer ausgehen, Einheimische in Gefahr bringen – und auch deren Jobs und Familien gefährden.

Dass das Internet nicht so schnell vergisst, bekam auch ein schwuler Industriemanager aus Deutschland zu spüren, der 2018 zu einem Arbeitgeber in die Vereinigten Arabischen Emirate wechselte. Weil sein neuer Arbeitgeber auf keinen Fall mit der LGBT-Community in Zusammenhang gebracht werden darf, sollen weder der Manager noch seine Firma hier namentlich erwähnt werden. Schließlich könnten Aufträge und religiös-konservative Kunden aus dem arabischen Land und anderswo verloren gehen.

In seinem alten Job war der damals noch geoutete Mittvierziger zum Beispiel gern auf LGBT-Karriereveranstaltungen aufgetreten, um dem Nachwuchs ein Beispiel zu geben. Auch mit Fotos im Rahmen von solchen Events hatte der Manager kein Problem. Doch schon im Bewerbungsgespräch verlangte sein neuer arabischer Chef, der ihn wegen seines Know-hows in den erzkonservativen Wüstenstaat holte, äußerste Diskretion. Um seine Sicherheit und Karriere nicht zu gefährden, ließ der Manager die Onlinespuren löschen – ein immenser Aufwand.

Schon in Deutschland habe er sich oft „als Fremdkörper“ in den überwiegend heterosexuellen Managementkreisen gefühlt, sagt der Single. Aber mit dem lukrativen Jobwechsel an den Persischen Golf habe sich die Lage noch mal verschlimmert. Was, wenn ein missgünstiger Kollege Gerüchte streut oder ein verärgerter Geschäftspartner etwas ahnt? Oder ein neidischer Nachbar ihn beobachtet? Darüber möchte der deutsche Manager gar nicht nachdenken. Und sagt nur als Tipp für andere: „Überleg dir jeden Schritt gründlich.“