Deutsche Märkte schließen in 8 Stunden 25 Minuten
  • DAX

    12.177,18
    -468,57 (-3,71%)
     
  • Euro Stoxx 50

    3.105,25
    -93,61 (-2,93%)
     
  • Dow Jones 30

    27.685,38
    -650,19 (-2,29%)
     
  • Gold

    1.905,80
    +0,10 (+0,01%)
     
  • EUR/USD

    1,1826
    +0,0013 (+0,11%)
     
  • BTC-EUR

    11.132,65
    +37,57 (+0,34%)
     
  • CMC Crypto 200

    262,05
    -1,36 (-0,52%)
     
  • Öl (Brent)

    38,79
    +0,23 (+0,60%)
     
  • MDAX

    26.703,58
    -576,01 (-2,11%)
     
  • TecDAX

    2.920,19
    -108,70 (-3,59%)
     
  • SDAX

    12.069,75
    -302,89 (-2,45%)
     
  • Nikkei 225

    23.485,80
    -8,54 (-0,04%)
     
  • FTSE 100

    5.792,01
    0,00 (0,00%)
     
  • CAC 40

    4.816,12
    -93,52 (-1,90%)
     
  • Nasdaq Compositive

    11.358,94
    -189,34 (-1,64%)
     

Sexismus ohne Ende?

·Lesedauer: 10 Min.

Menschen der Woche: Roland Tichy und Sawsan Chebli, Christian Lindner und Linda Teuteberg, Jens Weidmann und Dorothee Bär, Ludwig Erhard, Sigmund Freud, Judith Butler und Simone de Beauvoir. Dazu letzte Anmerkungen.

«Sexismus» haben Unbekannte auf eine Werbung für Unterwäsche geschmiert in Berlin, aufgenommen im März 2011. Foto: dpa
«Sexismus» haben Unbekannte auf eine Werbung für Unterwäsche geschmiert in Berlin, aufgenommen im März 2011. Foto: dpa

Auch Ludwig Erhard konnte irren. Sogar Goethe. In der Gründungsurkunde der Ludwig-Erhard-Stiftung bezieht sich der Altbundeskanzler im Jahr 1967 auf den großen Dichter, um sich selbst zu feiern: als Fels in der Brandung des Zeitgeistes. Wer schwankenden Mutes in schwankender Zeit sei, so Goethe, so Erhard, der vermehre das Übel statt festen Sinnes die Welt sich zu bilden. Und dann schreibt Stiftungsgründer Ludwig Erhard Sätze, als habe er sie für Roland „Tichys Einblick“ verfasst: „In einer Zeit, in der ein verwerflicher Opportunismus und ein verderblicher Konformismus sich immer weiter ausbreiten“ und die „Zerstörung von Ordnungen zum Selbstzweck erhoben wird“, so Erhard, „scheint es geboten, dieser bedrohlichen Entwicklung mit Klarheit und Entschiedenheit entgegenzuwirken.“ Man denke sich bei diesen Sätzen, was Roland Tichy sich bei ihnen wohl denkt – Merkels zielloses Re(a)gieren nach Maßgabe alternativloser Weltmächtigkeiten (Opportunismus), die Medienherrschaft eines PC-basierten linksgrünen Mainstreams (Konformismus), der Kontrollverlust der Politik während der Euro- und Flüchtlingskrise (Zerstörung der Ordnung) – und erhält: den idealen Vorsitzenden der Ludwig-Erhard-Stiftung im Jahr 2020.

Es ist das Problem aller „Haltung“ in Politik und Journalismus: Sie ist, anders als die „Überzeugung“, auf keinen Inhalt bezogen. Jede Haltung verabsolutiert eine Charaktereigenschaft, eine Tugend oder einen „Wert“, obwohl ein Wert seiner (ökonomischen) Natur nach relational, sprich schwankend ist: Der Wert jedes „Wertes“ hängt davon ab, worauf er sich bezieht. Toleranz zum Beispiel, dem Bösen entgegengebracht, kann ein Verbrechen sein. Solidarität kann man auch Björn Höcke gegenüber bezeigen.

Führungsstärke hat auch Josef Stalin bewiesen. Und Standfestigkeit gegenüber dem, was man als Zeitgeist empfindet, kann sich nun mal auch borniert und hässlich gerieren. Etwa im Fall von Roland Tichy, vormals Chefredakteur dieses Blattes. Tichy pflegt in seiner Publikation das Ressentiment, so wie der Soziologe Max Scheler es einmal bestimmt hat, als „Negativismus gegen jede positive Lebens- und Kulturgestaltung“, womöglich auch als Ausdruck einer „seelischen Selbstvergiftung“. Jedenfalls wird vieles, was Tichy und seiner Redaktion nicht gefällt, nicht (nur) kritisiert, sondern (auch) sachgrundlos geschmäht. Die Grünen-Politikerin Claudia Roth spricht daher von einem „Geschäftsmodell“, das „auf Hetze und Falschbehauptungen“ beruht. Bundesbank-Präsident Jens Weidmann von einem „zuspitzenden, oft polemischen Debattenstil“ und von „wiederholt beleidigenden und verletzenden Äußerungen“.

Weidmann hat Tichys Journalismus mit diesen Worten als Mitglied der Ludwig-Erhard-Stiftung rezensiert, in Sorge um die „Ideale der Stiftung“. Tichy amtiert seit mehr als sechs Jahren als ihr Vorstandsvorsitzender. Und „seine Rolle als Herausgeber“ von „Tichys Einblick“, schreibt Weidmann nüchtern, „verträgt sich nicht mit seiner Rolle als Vorsitzender der Stiftung“. Er sei daher froh, dass Tichy jetzt den Weg für einen „personellen Neuanfang“ frei gemacht habe. Tichy und sein Stellvertreter Oswald Metzger, der für „Tichys Einblick“ als Hauptstadt-Korrespondent arbeitet (und auf den Weidmanns Unverträglichkeitsdiktum daher ebenfalls zutrifft), hatten zuvor angekündigt, sich im Oktober nicht erneut ihrer Wiederwahl stellen zu wollen. Für die Stiftung ist es eine Chance. Sie erweckt, ähnlich wie die Friedrich-August-von Hayek-Gesellschaft vor fünf Jahren, den Eindruck einer Rosenkranzrunde gläubiger Frömmler, die sich wechselseitig für ihre Gestrigkeit auszeichnen – und versagt als moderne, breitenwirksame Denkfabrik, die Themen wie Machtdiffusion und Preisstabilität, Eigentumsbildung und „Wohlstand für alle“ auf der Höhe der Zeit diskutiert – also etwa im Hinblick auf Plattformkapitalismus und Systemkonkurrenz (Machtdiffusion), Niedrigzinspolitik und Schuldentheorie (Preisstabilität), auf Wohnungskauf und Mietenwahnsinn (Eigentumsaufbau), auf Thomas Pikettys Formel r›g und Wilhelm Röpkes altes Wort von der „Reservenlosigkeit“ des neuen Dienstleistungsproletariats („Wohlstand für alle“). Beiden, Hayek wie Erhard, ist nicht mit konservierender Denkmalpflege am besten gedient, sondern mit kritischer Reflexion.

Und keinesfalls mit einem Vorsitzenden wie Roland Tichy, da sind sich viele einig, die seinen Rückzug begrüßen, etwa der CDU-Politiker Friedrich Merz („Die einzig richtige Entscheidung!“), der FDP-Politiker Alexander Lambsdorff („Es ist ganz einfach: Tichy weg oder raus da.“) und natürlich Staatsministerin Dorothee Bär (CSU): „Bei Tichy hat der verbale Ausfall System.“ Schließlich hat Bär die Demission Tichys durch ihren Austritt aus der Erhard-Stiftung provoziert: als Reaktion auf einen offenbar satirisch gemeinten Beitrag in „Tichys Einblick“. Bleibt die Frage: War der Grund für Bärs Ausscheiden aus der Erhard-Stiftung angemessen?

Ja, das war er. Nicht zuletzt, weil einmal mehr Begriff und Stil dessen, was „Humor“ und „Satire“ auszeichnet, mit Füßen getreten wurden. Gewiss, das tun auch andere, permanent: die Böhmermanns, Somuncus, Yaghoobifarahs und Welkes, die sich in bruchloser Übereinstimmung mit dem Common Sense ihrer Peer Groups auf billigst mögliche Weise mit dem Allerselbstverständlichsten gegen das Allerselbstverständlichste verbünden – und ihren aggressiven Regressionshumor „Satire“ nennen. In deren Humor kommen etwa Menschen, die sich der katholischen Kirche verbunden fühlen, die Permissivität der Gesellschaft als aufdringlich empfinden oder auch nur die Reproduktionsmedizin auf Krankenschein kritisieren, nur noch als „Vollpfosten“ vor. Sie kultivieren einen „Humor“, der keine Fronten aufbrechen will wie die „Satire“, sondern der die Reihen schließt gegen alles, was nicht auf der Höhe der Zeit ist. Ärmer geht’s nicht.

Ärmer geht’s nicht? Leider doch. Etwa im „etwas anderen Monatsrückblick“ von Tichy-Autor Stephan Paetow, der in der Person von Sawsan Chebli nur eine Qualifikation verkörpert sieht: die der Frau. Und der es offenbar für sprachwitzig hält, den angeblichen Gender-Vorteil der SPD-Politikerin mit expliziten Hinweisen auf das Lustzentrum des weiblichen Körpers herauszustreichen. Das ist nicht nur entblößter Altmänner-Maskulinismus. Sondern nackter Sexismus, definitionsgemäß: die bewusste Verächtlichmachung einer Person auf der Basis ihres Geschlechts. Und das ist niederschmetternd. Weil sich etwa Hass allein gegenüber Frauen in den sozialen Netzwerken immer noch oft ad sexum entlädt. Weil Frauen immer noch nicht Frauen „sind“, sondern „werden“, so Simone de Beauvoir (vor 70 Jahren!), weil Frauen Rollen aufgedrängt werden und sie Rollen annehmen, sie performativ festgelegt werden auf ihre Identität als Frau und sich performativ festlegen lassen (müssen), so Judith Butler. Weil Frauen immer noch nicht die gleichen Zugänge zu Macht, Ansehen und Reputation besitzen. Weil sie als Prostituierte noch immer als Ware behandelt werden, als Untergebene immer noch als Objekt. Und allgemein gesprochen: Weil der Sexismus á la Paetow das Paradox der pluralen Identität eines Menschen ausblendet, um ihn auf ein einziges Merkmal zu reduzieren, ihn zu klassifizieren, ihn zu degradieren – ganz so wie es auch Rassisten tun.


Am besten kommt man Lindner wohl mit Sigmund Freud auf die Spur

Abgesehen davon: Muss man wirklich noch einmal darauf hinweisen, dass es sich beim Feminismus eben nicht um das Partikularinteresse einer Menschheitshälfte handelt, sondern um die Vollendung des zwei, drei Jahrhunderte alten Aufklärungsversprechens? Bis 1918 durften Frauen nicht wählen in Deutschland, bis 1958 kein Bankkonto eröffnen, bis 1977 nicht ohne Erlaubnis des Gatten arbeiten – und bis heute müssen allein sie sich für ihre eingeschlagenen Privat- und Karrierewege rechtfertigen. Warum fällt es vor allem Männern so schwer, die historischen Erfolge der Moralisierung von Politik und einer emanzipativen Political Correctness anzuerkennen, genauer: eines das Gleichheits- und Gerechtigkeitsempfinden bewirtschaftenden Gefühlsregimes, das die körperliche Unversehrtheit und seelische Gesundheit des Individuums, mithin seine Menschenwürde in den Mittelpunkt stellt? Eine Welt, in der Sklaverei, Rassismus, Antisemitismus, Xenophobie und Misogynie sanktioniert werden, ist in diesem Sinne nicht nur eine inklusivere, sondern auch schlicht bessere Welt – ein „Segen für die Menschheit“ (Hedwig Richter).

Niederschmetternd also. Und das nicht zuletzt, weil sich in den überspannten Diskussionen um identitätspolitische Fragen zuletzt bereits eine Konsens angedeutet hatte. In Debatten über die strukturelle Benachteiligung von Gruppen, so der Philosoph Thomas McCarthy, müssen ihre Sprecher stets das „erste Wort“ haben – was nicht bedeute, dass ihnen auch das „letzte Wort“ zukomme. Dahinter stehen zwei einfache Gedanken. Erstens: Weiße müssen unbedingt erfahren, wie es sich anfühlt, als Schwarzer beargwöhnt zu werden. Heterosexuelle müssen wissen, wie diskriminiert sich Homosexuelle vorkommen. Männer müssen zuhören, wie übergriffig Frauen ihre Pavianhaftigkeit empfinden. Ob aber zweitens alle Nicht-Schwarzen auch strukturelle Rassisten sind, homosexuelle Eheleute Steuervorteile genießen sollen oder Quoten für Frauen in Unternehmen und Parteien eingeführt werden müssen – darüber müssen in einer offenen, liberalen Gesellschaft immer auch Weiße, Heteros und Männer mitbefinden dürfen. Ein solcher Konsens ist immer von zwei Seiten gefährdet: von denen, die Rassismus und Sexismus erwittern wollen. Und von denen, die rassistisch und sexistisch sind.

Daher muss hier abschließend auch noch von FDP-Chef Christian Lindner die Rede sein und seiner Bloßstellung Linda Teutebergs, der geschassten Generalsekretärin. Lindner hat sich inzwischen dafür entschuldigt, Teuteberg auf dem Parteitag als Objekt sexueller Männerfantasien ausgestellt und der Lächerlichkeit preisgegeben zu haben. Das muss man anerkennen. Das Problem: Er bezichtigt sich einer „missverständlichen Formulierung“, obwohl seine Formulierung genau das nicht war, im Gegenteil: „300 Mal den Tag zusammen beginnen“ ist vollkommen unmissverständlich – und sollte es wohl auch sein: nämlich genau, „was ihr jetzt denkt“.

Am besten kommt man Lindner wohl mit Sigmund Freud auf die Spur. Der Meister der Psychoanalyse hat 1905 ein hübsches kleines Buch über den „Witz und seine Beziehung zum Unbewussten“ geschrieben. Freud liebte Witze. Und er war davon überzeugt, dass „die prüde Welt“, in der er lebte, gerade „den lüstern-aggressiven Witz beinahe unentbehrlich machte“, so der deutsch-amerikanische Historiker Peter Gay. Der „tendenziöse Witz“, so Freud, arbeite am Rückbau der bourgeoisen „Zensur in uns“, lege „unzugänglich gewordene Lustquellen“ frei, erschließe uns „Genussmöglichkeiten“, die uns durch die „Verdrängungsarbeit der Kultur“ ansonsten nicht mehr offen stünden.

Wie aber würde Freud den lüstern-aggressiven Witz unter umgekehrten gesellschaftlichen Vorzeichen, in einer durchsexualisierten Welt beurteilen? Darüber steht uns kein Urteil zu. Es reicht, ihn einfach zu Wort kommen zu lassen; seine Reflexionen über den „obszönen Witz“, die „Zote“ sind zeitlos: „Die Zote ist ursprünglich an das Weib gerichtet und einem Verführungsversuch gleichzusetzen… Wer über die Zote lacht, lacht wie ein Zuschauer bei einer sexuellen Aggression… Die Zote ist wie eine Entblößung der sexuell differenten Person, an die sie gerichtet ist…“ Dabei sei die Anwesenheit eines Dritten nötig, so Freud: „Beim Landvolk oder im Wirtshaus des kleinen Mannes kann man beobachten, dass erst das Hinzutreten der Kellnerin oder der Wirtin die Zote zum Vorschein bringt; auf höherer sozialer Stufe erst tritt das Gegenteil ein, macht die Anwesenheit eines weiblichen Wesens der Zote ein Ende; die Männer sparen sich diese Art der Unterhaltung, die ursprünglich ein sich schämendes Weib voraussetzt, auf, bis sie allein ‚unter sich‘ sind.“ So gesehen, hat Lindner die Zote zurück gebracht unters Landvolk der Freien Demokraten.

Liest man nur ein wenig weiter bei Freud, schließt sich auch der Kreis zu Paetow und „Tichys Einblick“, denn gleich anschließend kommt dieser großartige Stilist auch auf den „feindseligen Witz“ zu sprechen: „Indem wir den Feind klein, niedrig, verächtlich, komisch machen“, schreibt Freud, „schaffen wir uns auf einem Umwege den Genuss seiner Überwindung, den uns der Dritte, der keine Mühe aufgewendet hat, durch sein Lachen bezeugt.“ Und weiter: Der feindselige Witz verwandelt den „anfänglich indifferenten Zuhörer in einen Mithasser oder Mitverächter und schafft dem Feind ein Heer von Gegnern, wo erst ein einziger war“. Treffender kann man das Prinzip Schmähwitz wohl kaum in Worte fassen.

Mehr zum Thema: Die FDP braucht einen personellen Neustart. Parteichef Christian Lindner ist eine One-Man-Show, die sich überlebt hat.