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„Schwarzarbeit hat unseren Wohlstand erhöht“

Losse, Bert
·Lesedauer: 3 Min.

Eine Branche profitiert gerade besonders: die Schattenwirtschaft. Milliarden werden in Deutschland durch Schwarzarbeit erwirtschaftet, sagt Ökonom Schneider – und dass findet er in Krisenzeiten gar nicht so schlimm.

Friedrich Schneider ist emeritierter Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Linz. Der 71-Jährige gilt als einer der führenden Schwarzarbeitsexperten in der deutschsprachigen Wirtschaftswissenschaft.

WirtschaftsWoche: Herr Schneider, die Coronakrise hat Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit nach oben getrieben, viele Betriebe stehen wegen des Lockdowns vor dem Aus. Wie verlockend ist für Betroffene ein Ausweichen in die Schattenwirtschaft?
Friedrich Schneider: Sehr. Corona hat in Deutschland zum stärksten Anstieg der Schattenwirtschaft seit über 20 Jahren geführt. Der Umfang der Schwarzarbeit dürfte 2020 bei rund 339 Milliarden Euro gelegen haben – gegenüber 325 Milliarden im Jahr 2019. Viele Arbeitnehmer und Selbständige müssen derzeit massive Einkommensverluste durch Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit oder das vom Staat verordnete Zusperren ihrer Betriebe hinnehmen. Da ist es doch verständlich, dass viele schauen, wo sich was hinzuverdienen lässt, um einen Teil der Verluste zu kompensieren. Für mich ist das ein Beleg, dass die Menschen nicht lethargisch im Lehnstuhl sitzen und auf staatliche Transfers warten, sondern die Ärmel aufkrempeln.

Das klingt, als sei Schwarzarbeit für Sie ein Akt der ökonomischen Notwehr. Diese Haltung dürfte dem Bundesfinanzminister nicht besonders gefallen.
Es nützt doch nichts, sich in die Tasche zu lügen. Je strenger der Lockdown, umso größer die Schattenwirtschaft! Wenn der Staat dir den Laden dicht macht, musst du schauen, wie du die nächste Miete zusammenbekommst. Ich sage ganz klar: Auch Schwarzarbeit ist eine Form der volkswirtschaftlichen Wertschöpfung. Die stark gestiegene Schwarzarbeit hat 2020 den Wohlstand in Deutschland erhöht und viele Menschen vor dem Abgleiten in die Armut geschützt. Das heimlich verdiente Geld wurde sofort in der offiziellen Wirtschaft wieder ausgegeben und hat die Konjunktur stabilisiert. Natürlich sind Tätigkeiten in der Schattenwirtschaft nicht legal. Trotzdem finde ich, dass der Staat, der vielen Menschen ihre wirtschaftliche Betätigung verbietet, beim juristischen Verfolgen der Schwarzarbeit derzeit nicht übertrieben rigoros vorgehen sollte. Zumindest bis die Krise vorbei ist.

In welchen Branchen hat die Schwarzarbeit besonders stark zugenommen?
Das liegt auf der Hand: in Gastronomie und Catering und bei haushaltsnahen Dienstleistungen. Da fängt bei der Nachhilfe an und geht über Massagen bis hin zu Haarschnitten. Es ist kein Zufall, dass man in diesen Tagen verdächtig viele Leute mit schönen Frisuren herumlaufen sieht, obwohl alle Friseurläden dicht sind. Der Friseur, der arbeiten will, braucht nur eine gute Schere, einen Föhn und ein paar Lockenwickler.

Nun wird der Lockdown aber nicht ewig dauern. Geht die Schwarzarbeit danach wieder zurück?
Ja, sofern die Wirtschaft im zweiten, spätestens im dritten Quartal wieder ordentlich wächst. Nach Prognosen, die ich soeben mit meinem Tübinger Kollegen Bernhard Boockmann erstellt habe, wird das Ausmaß der Schattenwirtschaft 2021 um drei Milliarden auf dann 336 Milliarden Euro sinken. Dabei spielt auch die Abschaffung des Solidaritätszuschlags eine Rolle. Wir wissen aus der Vergangenheit: Wenn das verfügbare Einkommen der Menschen steigt, sinkt automatisch der Anreiz zur Schwarzarbeit.

Wie kommen Sie zu Ihren Zahlen? Das Kennzeichen der Schattenwirtschaft ist doch, dass sie im Verborgenen stattfindet.
Es gibt wissenschaftlich mehrere Möglichkeiten. Wir machen Befragungen, arbeiten aber auch mit aufwendigen statistischen Verfahren. Dazu nutzen wir historische Zeitreihen zur Bargeldnutzung und zum Bargeldumlauf und betrachten diese in Zusammenhang mit Beschäftigungsdaten, Steuerlast und Regulierungen. So kommt man der Sache näher. Jede Schätzung der Schattenwirtschaft hat allerdings ein Fehlerpotenzial von zehn Prozent - nach unten und nach oben.

Was wäre generell geboten, um die Schattenwirtschaft einzudämmen?
Die Politik muss möglichst schnell für Wirtschaftswachstum sorgen. Wegen der hohen Schulden dürfte zwar aktuell kein Geld für Entlastungen der Bürger und Unternehmen vorhanden sein. Mittelfristig sollte die Bundesregierung aber die Lohnnebenkosten senken und die Verdienstgrenze für Minijobber erhöhen. Das sind bessere Werkzeuge gegen die Schwarzarbeit als Mehrwertsteuersenkungen – deren Effekte werden gemeinhin überschätzt.

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