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Was sich Schulen in Sachen Digitalisierung von der Wirtschaft abschauen können

·Lesedauer: 7 Min.

Deutschlands Pisa-Päpstin Kristina Reiss und Post-Personalchef Thomas Ogilvie über den Segen der Digitalisierung, Mut zum Scheitern und die Frage, ob man Informatikunterricht braucht.

Kristina Reiss und Thomas Ogilvie sind sich einig: Die Digitalisierung kann ein Segen sein, um gerade schwächere Schüler besser individuell zu fördern. Reiss, die Dekanin an der School of Education der TU München ist und durch die Organisation der Pisa-Studien deutschlandweit bekannt wurde, und der Personalvorstand der Deutschen Post Ogilvie sind Mitglieder der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften. Das Gespräch mit dem Handelsblatt führen sie per Videokonferenz.

Nicht nur beim Videochat setzen Schulen auf Methoden, die in der freien Wirtschaft schon länger üblich sind: Die Corona-Pandemie hat die Digitalisierung der Schulen beschleunigt. Doch damit sie langfristig tatsächlich glückt, müssten Lehrer viel besser geschult werden, fordert Reiss, deren School of Education als beste Lehrerausbildungsstätte der Republik gilt. Digitalisierungsfortbildung muss Pflicht werden, fordert sie deshalb.

Uneins sind sich die beiden Personal-Experten bei der notwendigen Ausstattung für Schulen: Reiss fordert, der Staat müsse Schul-Laptops für alle Schüler stellen. Ogilvie findet, das sei nur für bedürftige Schüler notwendig – die übrigen Schüler sollten ihre Privatgeräte nutzen.

Lesen Sie hier das vollständige Interview

Herr Ogilvie, verstehen Sie als Manager eines Weltkonzerns, dass die Digitalisierung unserer Schulen so schleppend und unprofessionell läuft?
Ogilvie: Als Vater und Personalvorstand sage ich: Viele Lehrer haben einen tollen Job gemacht. Um die Digitalisierung in den Schulen voranzutreiben, müssen wir die Stärken des Föderalismus nutzen. Wir brauchen eine kluge Kombination aus Freiheit vor Ort, der nötigen IT-Ausstattung und allgemein verbindlichen Leitlinien. Blended Learning, also die Kombination aus Präsenz und Onlineunterricht, ist meiner Meinung nach ein wichtiger Baustein in zukünftigen Lernumwelten. Aber dafür müssen Lehrer noch besser geschult werden.

Frau Reiss, Sie sind eine der Top-Lehrer-Ausbilderinnen Deutschlands. Was ist das größte Problem?
Reiss: Bisher lief die Digitalisierung viel zu bürokratisch. Wir sind halt eine Nation von Bedenkenträgern, die auch die Digitalisierung skeptisch sieht. Wir haben auch viel zu lange die Strategie „Bring-your-own-Device“ verfolgt, also Geräte zu nutzen, die die Schüler ohnehin besitzen. Ich bin strikt dagegen, denn dann haben Lehrer keine Kontrolle, was auf diesen Geräten stattfindet. Wir brauchen also nicht nur Leih-Laptops für ärmere Schüler, sondern müssen selbstverständlich alle Schüler ausstatten. Es geht auch nicht, dass fast alle Lehrer mit ihren privaten Geräten arbeiten müssen. Das wäre in jedem Unternehmen undenkbar.

Das kostet deutlich mehr Geld ...
Reiss: Natürlich. Aber nur dann können wir flächendeckend die wunderbaren digitalen Programme einsetzen, die im Lockdown teilweise schon super funktioniert und motiviert haben. In Singapur etwa gibt es überall Wagen voller Laptops, die Schüler und Lehrkräfte bei Bedarf nutzen. Wir haben das in einem Projekt in Bayern ausprobiert, alle waren begeistert. Das muss wie bei Büchern selbstverständlich werden.

Ogilvie: Ja, Lehrer brauchen Dienst-Laptops, da stimme ich völlig zu. Aber bei den Schülern sollte man meiner Meinung nach die ohnehin vorhandenen Geräte durchaus nutzen – egal ob Smartphone, Tablet oder Notebook. Wichtig ist, dass niemand zurückbleibt: Für Kinder ohne Laptops müssen wir Lösungen finden, für die Schule und für zu Hause.

Warum hinken wir bei der Fortbildung der Lehrer so sehr hinterher?
Reiss: Fortbildung ist zwar in allen Bundesländern Pflicht – die Wahl des Themas ist aber frei. Bei der Digitalisierung hätte es schon lange Pflicht-Fortbildungen geben müssen. Aber durch Corona haben wir alle verstanden, wie nützlich digitale Technologien sein können und haben inzwischen auch schon deutlich mehr Übung – jetzt können Fortbildungen auf viel fruchtbareren Boden fallen. Wir brauchen generell verbindliche Regeln, wie die Fortbildung von Lehrkräften nach dem Examen weitergeht.

Sie fordern, Schüler bräuchten nicht nur Ausstattung, sondern auch „digitale Mündigkeit“ .
Reiss: Ja, Schüler müssen auch den kritischen Umgang lernen. Sie müssen wissen, dass alle Daten aufgezeichnet werden können – jeder einzelne Touch auf einem Tablet. Dass gemessen werden kann, wann sie was tun, und ob sie vielleicht ein Gerät stundenlang gar nicht angefasst haben. Und sie müssen lernen, zuverlässige Quellen von anderen zu unterscheiden. Das geht in jedem Fach, da brauchen wir kein Pflichtfach Informatik.

Ogilvie: Auch ich finde, Digitalkompetenz sollte fester Bestandteil jedes Schulfachs sein. Und es ist wichtig, logische Strukturen zu vermitteln, dies ist die Grundlage für die Digitaljobs von heute und von morgen. Digitalkompetenz bedeutet aber auch, Demokratiekompetenz und Mündigkeit im digitalen Raum zu vermitteln. Dies ist wertvolles Alltagswissen, was junge Menschen weniger anfällig für Filterblasen und Echoräume werden lässt.

Die Post gilt als führend in der Weiterbildung – was ist das Besondere?
Ogilvie: Wir haben weltweit rund 550.000 Mitarbeiter in mehr als 1000 Berufen, vom Paketzusteller zum Flugzeugmechaniker, Netzwerkplaner oder Finanzexperten. Wir wollen, dass sie alle „zertifizierte Spezialisten“ sind, die ständig dazulernen. Dafür erhält jeder Mitarbeiter beim Eintritt ins Unternehmen einen Bildungspass, in dem jede formelle und informelle Fortbildung bestätigt wird. Hier wollen wir in Zukunft in den Formaten noch vielfältiger werden und eine gute Mischung aus Präsenz-, Hybrid- und Onlineformaten anbieten.

Was kann Schule davon lernen?
Reiss: Bei der Lehramtsausbildung waren wir durchaus schon weit mit dem Einsatz des Blended Learning. Nun kam der gewaltige Corona-Schub dazu. Die Resonanz an den Hochschulen ist sehr positiv. Aufgezeichnete Vorlesungen etwa bieten Studierenden einen Riesenvorteil. Aber in der Weiterbildung gibt es noch viele ungenutzte Möglichkeiten.

Was würden Sie als Kultusminister tun, Herr Ogilvie?
Ogilvie: Lebenslanges Lernen ist im digitalen Zeitalter mehr denn je der Schlüssel zum Erfolg. So muss sich meiner Meinung nach auch die Didaktik weiterentwickeln und dazulernen. Lehrer müssen zu Lern-Ermöglichern werden, indem sie den angeborenen Entdeckergeist und die Begeisterung für das Lernen erhalten und fördern. Neben dem Ausprobieren, Entdecken und Reflektieren dürfen wir aber die Basiskompetenzen, also Grammatik, Mathematik und reine Fakten, nicht vernachlässigen.

Reiss: Völlig richtig. Es gibt rund 20 Prozent Schüler, denen grundlegende Kompetenzen fehlen. Hier gibt es dringenden Nachholbedarf, das wissen wir seit dem Pisa-Schock von 2000 – und da bieten die digitalen Werkzeuge eine ungeheure Chance. Moderne Software hilft, viel besser auf einzelne Schüler einzugehen und vor allem gezielter zu üben. Das kann ein Lehrer analog oft schlechter leisten. Wir müssen die Digitalisierungsdebatte auch nutzen, um ein Grundproblem der Schule in Deutschland anzugehen: dass der Bildungserfolg und die Chancen der digitalen Teilhabe insgesamt stark vom sozialen Status der Eltern abhängen. Wir können es uns weniger denn je leisten, so viele Kinder zurückzulassen.

Ogilvie: Die Digitalisierung kann ein Segen für individualisiertes Lernen sein. Aber nur, wenn auch Schwächere die nötigen Geräte haben.

Die Post setzt explizit auf „Fehlerkultur“. Warum?
Ogilvie: Man muss Fehler machen dürfen, um zu lernen, wie es richtig geht. In unseren Teamseminaren lassen wir Mitarbeiter gern einen Turm aus Strohhalmen bauen. Entscheidend sind das gemeinsame Ausprobieren und die Reflektion, was man aus Rückschlägen lernt. Damit fördern wir Kreativität, Unternehmergeist und Mut zu Innovationen.

Reiss: Theoretisch ist auch in der Schule die Fehlerkultur extrem wichtig. Das haben die Kultusminister auch in den Bildungsstandards verankert. Die Praxis ist aber oft noch nicht so weit. Ich fand es etwa erschreckend, dass im Lockdown die größte Frage nicht war, wie Schule die Inhalte weitervermittelt – sondern wie die Prüfungen ablaufen. Da ist noch viel Luft nach oben. Früher hatten die Lehrer Angst, Fehler zu diskutieren. Sie dachten, dass sich die Kinder dann das Falsche merken würden. Diese Sorge gilt inzwischen als unberechtigt.

Bisher kooperieren die Länder bei der Lehrer-Weiterbildung kaum …
Reiss: Da brauchen wir sehr viel mehr Kooperationen und abgestimmte Formate – auch weil Digitalisierung so teuer ist. Auf die Schulbuchverlage können wir uns nicht verlassen, da kam viel zu wenig in den letzten Jahren. Ich habe kürzlich online einen Vortrag für peruanische Lehrkräfte gehalten, da waren landesweit 300 Kollegen zugeschaltet, und es gab anschließend eine sehr gute Diskussion. Solche Formate über Grenzen hinweg nutzen wir hier noch viel zu wenig.

Was kann der Staat tun, um das lebenslange digitale Lernen voranbringen?
Reiss: Mehr gezielte Möglichkeiten schaffen, mehr Lehr-Lern-Einrichtungen aufbauen. Dazu müssten sich Schule, Hochschule und Wirtschaft stärker vernetzen – das sind ja fast völlig getrennte Räume. Dann lernen wir auch besser, welche Theorie im realen Leben wirklich hilft.

Wann nehmen unsere Hochschulen ihren Weiterbildungsauftrag endlich ernst?
Reiss: Das ist schlicht eine Geldfrage. Wir an der School of Education der TU München haben das Wissen, Lehrer fortzubilden – aber nicht immer ausreichend Personal. Vielleicht bieten auch hier digitale Formate mehr Möglichkeiten, Lehrveranstaltungen zu nutzen.

Ogilvie: Unser System fokussiert sich immer noch auf den ersten Abschluss, dann endet die Lernreise. Digitale Geräte werden dauernd aktualisiert – so müssten auch die Hochschulen das Wissen ihrer Absolventen regelmäßig updaten. Das müssen wir dringend konzeptionell und institutionell verankern.