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Scheitert die Playstation 5, dann scheitert Sony

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Die Zukunft des Elektronikriesen hängt stark von der neuen Konsole Playstation 5 ab. Scheitert sie, scheitert Sony. In die Schlacht gegen die neue Xbox Series von Microsoft gehen die Japaner allerdings gut gerüstet.

Gähnende Leere in den Läden statt Massenauflauf beim Mitternachtsverkauf: Coronabedingt fiel die launige Premierenfeier für die neue Playstation 5 am Donnerstag in Tokio aus. „Die nächsten drei Tage haben wir keine Geräte, danach ist die Lage offen“, steht auf Plakaten im größten Kaufhaus Yodobashi im Tokioter Elektronikviertel Akihabara. In der Game-Abteilung ist nur eine einzelne Attrappe der neuen Konsole zu sehen. Daneben stapeln sich leere DVD-Hüllen für ein PS5-Spiel mit dem Aufkleber „Jetzt vorbestellen“. Im nahe gelegenen Game-Laden Surugaya, wo alle Playstation-Spiele der letzten 25 Jahre im Regal stehen, sind die Kunden enttäuscht, dass sie das neue Gerät nicht einmal anfassen können. „Ich habe so viel von der neuen Konsolentechnik gehört, aber nichts davon kann ich ausprobieren“, bedauert auch Verkäufer Hiroshi Shirakata.

Der Frust der Gamer verwundert nicht: Schon Mitte September hatte Sony alle verfügbaren Exemplare der Spitzenkonsole binnen weniger Minuten komplett losgeschlagen. Die Vorbestellungen übertrafen das Angebot um das Vielfache, nur auf dem Schwarzmarkt gibt es derzeit einige überteuerte Geräte. In den nächsten Wochen lässt sich die Playstation weiterhin nur online bestellen – zum einen fehlt der Nachschub, weil die Produktion der Prozessoren wohl noch stockt, zum anderen will Sony Gedränge in den Elektronikläden wegen Covid-19 vermeiden. Das gilt auch für Deutschland, wo die Playstation 5 ab dem kommenden Donnerstag (19. November) in den Handel kommt. Dennoch rechnet der japanische Hersteller damit, bis Ende März 7,6 Millionen Spielekisten abzusetzen, so viele waren es auch zum Start des Vorgängermodells, der Playstation 4. Die kam allerdings nicht zur besten Verkaufszeit vor Weihnachten auf den Markt.

Der Launch mit angezogener Handbremse versetzte die Sony-Manager im Hauptquartier im kalifornischen San Mateo und im Entwicklungszentrum in Tokio zunächst in Unruhe. Schließlich ist das Spielegeschäft zum stärksten Antriebsmotor des Konzerns geworden. Die Pandemie, die viele Menschen an die eigenen vier Wände fesselte und so vor die Spielekonsolen brachte, sorgte für zusätzlichen Treibstoff. In den sechs Monaten von April bis September steuerte die Sparte mit Konsolen, Spielen und Abonnements für das Online-Netzwerk Playstation Now mehr als 40 Prozent des operativen Gewinns bei. Damit wächst der Erfolgsdruck: Scheitert die Playstation 5, dann scheitert Sony. Der parallele Verkaufsstart der Konkurrenzkonsole Xbox Series von Microsoft schürte die Nervosität zusätzlich.

Aber inzwischen haben die Manager ihre Zuversicht zurückgewonnen. Die neuen Geräte gehen trotz hoher Frachtkosten aus der Fabrik mit dem Flugzeug sofort in die USA – mit 35 Prozent Absatzanteil der wichtigste Game-Markt des Konzerns. Sobald die Produktion hochgefahren ist, wird Sony die ganze Macht des Game-Imperiums ausspielen können. Denn mit der gestaffelten Phalanx kommender Spieletitel kann der Dauerrivale Microsoft nicht mithalten. „Auch in der neuen Generation wird sich die Playstation gegen die Xbox durchsetzen, weil Microsoft bei der Entwicklung systemexklusiver Spiele noch eine Menge Hausaufgaben vor sich hat“, sagt der deutsche Game-Analyst Serkan Toto.

Schon beim Vorgängermodell hatte Sony die Nase nämlich vorn. Seit dem Start im Februar 2014 setzten die Japaner 114 Millionen PS4-Konsolen und mehr als eine Milliarde Spiele ab. Der Konkurrent Xbox One verkaufte sich nicht einmal halb so gut. Sieben Jahre später machen die Nachfolgemodelle – wie nicht anders zu erwarten – einen großen technologischen Sprung nach vorne und schließen in der Leistung zu hochgezüchteten Spezialcomputern für Gamer auf. Doch über die Hardware wird die neuerliche Konsolenschlacht nicht entschieden, dafür liegen die Leistungen von PS5 und Xbox Series zu nah beieinander.

Die maßgeschneiderten Chipsysteme zum Beispiel stammen jeweils von AMD, die Arbeitsspeicher liegen jeweils bei 16 Gigabyte und die Massenspeicher laden ungefähr gleich schnell. Immerhin verschafft sich Sony mit dem Dualsense-Controller einen kleinen Vorteil. Die sensorischen Effekte der Steuertasten beim Bewegen von Figuren oder Abfeuern von Waffen lassen den Spieler über seine Finger viel intensiver als bei früheren Vibrationen am Spielegeschehen teilhaben und ziehen ihn tiefer in die Gamewelt hinein.

Doch der langfristige Wirtschaftserfolg einer Konsole in der 150 Milliarden Dollar schweren Game-Industrie beruht darauf, dass während ihrer gesamten Lebenszeit immer wieder neue, attraktive und exklusive Spiele erscheinen – mit Einzelpreisen von neuerdings bis zu 70 Dollar. Hier wird der Konsolenkrieg gewonnen – und hier besitzt Sony eindeutig das überlegene Arsenal. So kommt zum Launch der PS5 das neue Spiel „Spiderman: Miles Morales“. Es orientiert sich inhaltlich am gleichnamigen Blockbuster-Kinofilm von 2018 und schöpft die Möglichkeiten der neuen Konsole und ihres Controllers voll aus.

Zum Wochenanfang legte Sony nach und gab einen Ausblick auf die Palette im kommenden Jahr. In der ersten Hälfte starten das lange überfällige Update des Autorennspiels Grand Turismo 7 und die Fortsetzung „Rift Apart“ des Dauerbrenners „Ratchet & Clank“. In der zweiten Jahreshälfte erscheint die neue Folge „Forbidden West“ des Action-Rollenspiels „Horizon“. Unterdessen hat Microsoft keine einzige Spielepremiere zum Start der Xbox Series vorbereitet, mit „Halo Infinite“ kommt 2021 nur ein möglicher Hit.

Das sind schwere Versäumnisse, denn exklusive Spiele, die nur auf einem System laufen, kurbeln den Verkauf der Konsolen an und bringen ihren Herstellern das eigentliche Geld ein. Die Spielekisten selbst verkaufen sie nämlich mit Verlust, zumindest solange, bis bei einer genügend hohen Stückzahl ein Skaleneffekt eintritt. Auch Sony zahlt bei jeder verkauften PS5 erst einmal drauf, damit die Konsole zur Ertragsperle wird. „Am Beginn ihres Lebenszyklus besteht das vorrangige Ziel darin, möglichst viele Käufer in sein Ökosystem zu integrieren und dem Konkurrenten das Leben schwer zu machen“, erläutert Analyst Toto.

Die sorgfältige Staffelung solcher „System-Seller“ spiegelt Sonys überlegene Entwicklungsstrategie wider. Diese Titel verschlingen bis zu dreistellige Millionen-Budgets und beschäftigen Tausende Designer, Programmierer und Schauspieler über viele Monate. Die Kunst von Sony besteht darin, diese Game-Studios als Partner mit Geld und Technik zu hegen und zu pflegen, bis sie unter das Konzerndach wandern. Bekannte Namen sind Naughty Dog, Guerilla Games und Sucker Punch. „Still und leise haben wir etwas sehr Spezielles mit diesen Studios aufgebaut“, berichtete Jim Ryan, Chef der Spiele-Sparte Sony Interactive Entertainment, dem Fachmagazin Gamesindustry.biz im Oktober.

Als einer der größten Musikverwalter der Welt und durch das eigene Hollywood-Filmstudio besitzt Sony ein Fingerspitzengefühl im Umgang mit Kreativen und Künstlern, was die Herangehensweise an Game-Studios prägt. Im Gegensatz dazu vertraut Microsoft auf den Kauf von Entwicklerunternehmen, was nicht immer reibungslos funktioniert. Das ursprüngliche Xbox-Premierenspiel Halo Infinite verzögert sich bis 2021. Auch weil der Geschäftsführer in zwei Jahren zwei Mal wechselte. Daher betrachten Analysten den im September angekündigten Kauf des Spielestudios Bethesda Softworks mit Skepsis. Für 7,5 Milliarden Dollar erhält Microsoft die drei Game-Lizenzen Starfield, Fallout und Elder Scrolls. Aber die nächsten Spiele unter diesen Labeln erscheinen erst in einigen Jahren. Dann droht die Xbox Series schon so weit hinter der Playstation zu liegen, dass sich der Rückstand in der sechs- bis siebenjährigen Lebenszeit der Konsole nicht mehr aufholen lässt.

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