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Schämen wir uns bald fürs Massen-Schlachten?

·Lesedauer: 6 Min.

Eingesperrte Tiere, katastrophale Klima-Bilanz, Schlachthäuser als Corona-Hotspots. Es gibt nur einen Grund, Fleisch zu essen: Es schmeckt. Jetzt steht bald echtes Fleisch aus dem Labor zur Verfügung. Steigen Sie um?

Beim Thema Fleisch liegen die Nerven traditionell reihum blank. Foto: dpa
Beim Thema Fleisch liegen die Nerven traditionell reihum blank. Foto: dpa

Heute können wir es uns kaum mehr vorstellen, dass Taxifahrer vor einigen Jahren noch während der Fahrt geraucht haben. Umdenken geht so schnell. Werden wir es bald als unfassbar rückständig empfinden, Tiere zu schlachten, um sie dann aufzuessen?
Dieser Text ist kein Fleischesser-Bashing. Es ist eine Jubelschrift über den Fortschritt in der Lebensmittelforschung.

Denn dieser Fortschritt wird mit Sicherheit ein Befreiungsschlag für Tiere und uns Menschen. Und ich unterstelle mal: Fast keiner hätte etwas dagegen, wenn wir bei gleichem Fleischgenuss keine Tiere mehr töten müssten. Und ich betone: Fleisch. Kein Fleisch-Imitat aus Pflanzen (die auch lecker sein können, aber anders lecker).

Beim Thema Fleisch liegen die Nerven traditionell reihum blank. Und damit meine ich erstmal nur die Menschen:

1. Die Landwirte. Sie fühlen sich oft zu Unrecht an den Pranger gestellt. Mein Tipp aus Kommunikations-Sicht deshalb: die große Versöhnungs-Offensive. Ein Ansatz wäre Fleisch ohne Tierleid. Das geht. Dazu gleich.

Bislang haben die Bauern aber eine Fürsprecherin, die ihnen keinen Gefallen tut, was die Akzeptanz in der Bevölkerung angeht: Ich sag nur Klöckner. Die aktuellste Blamage der Landwirtschaftsministerin: Sie will die von der Rechtsprechung längst als tierquälerisch und deshalb rechtswidrig bezeichneten kleinen Käfige für Schweine („Kastenstand“) sogar per Gesetz noch länger erlauben. Das ist ihr jetzt erstmal schön im Bundesrat um die Ohren geflogen. Dann gleich noch hinterher die Klatsche vom Ethikrat: Die rechtswidrig kleinen Käfige und auch die verlängerte Erlaubnis der betäubungslosen Kastration bei Ebern seien „nicht hinnehmbare“ Zustände. Bäng!

Heißt: Die Politik der Landwirtschaftsministerin ist unethisch. Himmel! So kann man weder mit Tieren noch mit Landwirten umgehen. Es ist einfach eine Schande. So geht das nicht weiter. Wie wäre es stattdessen mit einer Lebensmittelrevolution zugunsten von Mensch und Tier?

2. Blanke Nerven haben auch die Massenschlachter. Ihre Art zu wirtschaften, ist gescheitert. Dieses zigtausendfache Abschlachten von Tieren ist auch schlecht für die Menschen. Arbeiter infizieren sich mit Corona, Kinder dürfen im Kreis Gütersloh nicht zur Schule, Eltern können nicht arbeiten, Verbraucher bundesweit haben Angst, dass das Virus jetzt auf dem rohen Tönnies-Fleisch sitzt, das sie kaufen. Wer kulturelle Massenveranstaltungen wie Konzerte verbietet und Kindern die Schulen schließt, muss in selber Sekunde auch die Fleischmassenproduktion umkrempeln, durchschütteln und neu zusammenbauen. Das würde alles teuer. Und passiert ist – wahrscheinlich deshalb – bislang wenig. All das Leid, diese Demütigung, diese Freiheitsbeschränkungen wegen billigem Fleisch. Doch da bahnt sich ja eine Alternative an.

3. Dünnhäutig sind auch wir Verbraucher. Aufgewachsen mit Fleisch plus zwei Beilagen müssen wir erstmal kapieren: Das, was wir da in uns rein lassen, hat vorher viel Unheil angerichtet: Die CO2-Bilanz, die Methan-Bilanz, die Gülle, der Flächenverbrauch, Antibiotika, Muttertiere, denen die Kinder weggenommen werden, und die laut Experten sichtbar trauern. Verletzungen, Krankheiten, Schmerzen, Stress, Frust, Aggression, Todesangst, Hitze, Durst. All das gehört auch zur Massentierhaltung und -schlachtung.

Unglückliche Tiere, kranke Arbeiter, stocksaure Anwohner, frustrierte Bauern, die unter ihrem Image leiden, angeekelte Verbraucher, und eine Landwirtschaftsministerin mit unethisch wenig Herz für Tiere. Kann man das nicht einfach alles wegwischen?

Ja, bald. Mit Fleisch, wegen dem kein Tier geschlachtet werden muss. Ich nenne es bewusst nicht Fleisch aus dem Labor, weil das klingt so wissenschaftlich und das stößt ja einige ab. Laut einiger Umfragen würden bislang rund die Hälfte von uns kein Fleisch aus dem Labor essen. Aber wieso eigentlich?

In einer Geflügelwurst von Wiesenhof etwa sind neben Fleisch zum Beispiel Truthahnfett mit Haut, Wasser, Speisesalz, Kaliumiodat, Dextrose, Diphosphate, Rauch, Zucker, Antioxidationsmittel Rosmarinextrakt und das Säuerungsmittel Zitronensäure. Das ist hohe Designkunst.

Was wäre, wenn auch die Zutat Fleisch designt würde? Nicht als Fleisch-Imitat aus Soja oder Weizen. Sondern aus echtem Tierprotein. Mit echtem Fleischgeschmack. Weil es Fleisch ist. Aber eben nicht vom lebendigen Tier mit all den Nachteilen am eigenen Leib aufgebaut, sondern in einem Tank. In einem „Reaktor“.

Weltweit kämen wir mit wenigen hunderten Nutztieren aus, die ihre Zellen als Anlaufhilfe für die Massenproduktion hergeben würden. Selbst die Nährlösung für das hygienisch und ohne Krankheiten – und damit ohne Medikamente – im Reaktor wachsende Fleisch stammt mittlerweile aus Pflanzen (und nicht mehr aus lebenden Tierföten). Kein Blut, kein Kot, kein Rotz, kein Urin, kein Eiter, keine Fliegen – und kein Corona.

Fleisch so sauber und friedlich erzeugt wie Tomaten im Gewächshaus. Aber mit mehr Geschmack. „Clean Meat“ eben. Ja, es ist dann ein Stück weniger reine Natur. Aber wir ersparen der Natur damit ja gerade echtes Leid. Schweine, Rinder und Geflügel in Ställen und Käfigen sind auch nicht natürlich. Das ist Massen-Industrie mit fühlenden Lebewesen. Der Respekt vor Tieren, Natur und Klima wäre der beste Grund für Fleisch aus dem Tank. Fleischverzicht nicht nötig.

Noch klappt es nicht, das perfekte Steak in einer Petrischale wachsen zu lassen. Die faserige Struktur ist das Problem. Weil die Schwerkraft die Zellstrukturen erdrückt (im Weltall würde es gehen, sagen Experten). Aber Fleisch, dass für Nuggets und Würstchen ohnehin zermahlen wird, geht offenbar schon. Was, wenn zumindest Wurst, Aufschnitt und Nuggets erstmal ohne Tierschlachtungen auskämen?

Vor Jahren hat der berühmte erste In-Vitro-Burger der Uni Maastricht noch 250.000 Euro gekostet. Heute liegt der Preis bei unter zehn Euro. Für eine Frikadelle ist das immer noch vergleichsweise teuer. Aber immerhin eine Preissenkung um 99,996 Prozent. Das am Black Friday – wir würden alle im Dreieck springen.

Bald wollen die ersten Firmen den Sprung auf den Endverbraucher-Markt wagen. Das Karlsruher Institut für Technologie hat der ARD im Herbst gesagt: In zwei bis fünf Jahren könnte es losgehen. Machen Sie dann mit? Würden Sie probieren?

Das Gute ist ja: Wenn wir wollen, können wir schnell umdenken und uns umgewöhnen. Beispiele gibt es genug!

Rauchen im Taxi oder Restaurant: heute einfach asozial.

Kinder körperlich züchtigen: heute eine Straftat.

Gleichgeschlechtliche Ehe: heute erlaubt.

Niesen in die Hand: heute abstoßend.

Mohrenstraße umbenennen: heute endlich diskutiert.

Glühbirnen mit Glühdraht: heute antik.

Jeans mit Bündchen bis zum Bauch: bei Frauen heute plötzlich wieder hip.

Getötetes Tier essen: bald unerträglich?

Wir können auch beim Fleisch umdenken. Einfach sauberes Laborfleisch probieren, merken, dass es schmeckt, daran denken: Ein lachendes Schwein oder Rind wie auf dem sich drehenden Schild auf dem Dach vom Tönnies-Betrieb in Rheda-Wiedenbrück wäre mit Clean Meat zum ersten Mal seit Menschengedenken keine Heuchelei.

Noch sind Spanier, Niederländer und Israelis in der Clean-Meat-Forschung vorne. Vielleicht kapiert ja auch unsere Fleischindustrie rechtzeitig, dass ihre Schlachttradition nichts wert ist, wenn sie unglücklich und krank macht. Seit Tönnies wissen wir: Auch ein lachender Mensch wäre beim Clean-Meat-Etikett keine Untertreibung.

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