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Rocket-Internet-CEO Samwer weist Kritik an Börsenrückzug zurück: „Es gab keinen Masterplan“

·Lesedauer: 4 Min.

Aktionärsschützer geben nicht auf: Der Gründer von Rocket Internet muss sich auf der Hauptversammlung zum Thema harscher Kritik am Delisting stellen.

Oliver Samwer hat sich bei einer eigens für den geplanten Rückzug von der Börse einberufenen Hauptversammlung gegen Vorwürfe gewehrt, die Kleinaktionäre des Start-up-Konzerns Rocket Internet gezielt zu benachteiligen. Das Vorhaben sei im Interesse des Unternehmens und der Aktionäre – und denen stehe es frei, ihre Aktien zu behalten, sagte Samwer. „Einen Masterplan gab es nicht.“

Mit der Mehrheit des Gründers und Großaktionärs Samwer hat das Aktionärstreffen die Voraussetzungen für den Börsenabschied geschaffen. Das Unternehmen unterbreitet Aktionären ein Pflichtangebot über 18,57 Euro, falls sie ihre Aktien abgeben wollen.

Denn unklar ist, wie gut die vor sechs Jahren für 42,50 Euro ausgegebenen Papiere nach dem Delisting noch handelbar sein werden. Zudem kündigte Samwer an, Rocket Internet werde künftig auf Quartals- und Halbjahresberichte verzichten und die Investor-Relations-Abteilung schließen.

Da die Hauptversammlung wegen der Corona-Pandemie nur im Video-Stream stattfand, mussten sich Aktionärsvertreter auf Kritik innerhalb ihrer 180 zuvor eingereichten Fragen beschränken. „In der Öffentlichkeit herrscht die Meinung vor, dass Rocket Internet zu einem überhöhten Preis an die Börse gegangen ist, ein paar dividendenlose Jahre mit dem Geld aus der damaligen Kapitalerhöhung gearbeitet hat – und nun den freien Aktionären ihre Anteile im Delisting zu einem Schnäppchenpreis abpressen will“, kritisierte etwa Christian Röhl von der Schutzvereinigung DSW.

Michael Kunert von der Schutzgemeinschaft SdK warnte vor einem „schweren moralischen Schaden“ für die Aktienkultur: „Ich fordere den Aufsichtsrat, der in seiner Verantwortung versagt hat, zum sofortigen Rücktritt auf.“ Und Hendrik Schmidt, Corporate-Governance-Experte des Fondsanbieters DWS, kritisierte einen „deutlichen Verstoß gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz“. Er gab zu bedenken, Großaktionär Samwer dürfe möglicherweise nicht mitstimmen.

Delisting war schon 2019 Thema

Aufsichtsratschef Marcus Englert wies die Kritik in Gänze zurück. Samwer und seine Holding hätten sich verpflichtet, das Abfindungsangebot nicht anzunehmen. Daher seien sie von dem Beschluss gar nicht betroffen – auch wenn der Vorstandschef seinen Anteil durch den Börsenrückzug weiter deutlich ausbauen könnte.

„Es geht nicht darum, was die Gesellschaft in der Vergangenheit besser gemacht hätte, sondern was für die Zukunft die beste Aufstellung ist“, sagte er an die Aktionäre gerichtet. Seit dem Börsengang 2014 habe sich das Umfeld verändert: Inzwischen sei es leicht möglich, abseits der Börse Risikokapital einzusammeln. Nach dem Verkauf der Anteile an börsennotierten Gründungen wie Hello Fresh, Delivery Hero und dem afrikanischen Händler Jumia sei es nunmehr schwierig, Analysten und Anlegern das zyklische Geschäftsmodell zu erklären. Daher werde es ohne den Blick auf den eigenen Aktienkurs einfacher, die Strategie flexibel anzupassen. Das habe auch die Pandemie gezeigt.

Samwer wies Vermutungen zurück, das Delisting sei intern schon vor der regulären Hauptversammlung im Mai geplant gewesen. Er gestand jedoch ein, Vorstand und Aufsichtsrat hätten sich bereits 2019 so ausgiebig mit dem Thema befasst, dass eine Ad-hoc-Mitteilung geprüft worden sei. „Diese Pläne waren aber vollständig verworfen worden“, sagte Samwer.

Durch die Verkäufe der großen Aktienpakete hat Rocket Internet das Geld für den Börsenrückzug. 1,2 Milliarden Euro Zahlungsmittel stehen in der Bilanz, zusätzlich noch 1,6 Milliarden Euro Aktien. Im Portfolio liegen etwa Anteilsscheine von United Internet im Wert von 361 Millionen Euro, Amazon-Aktien für 215 Millionen Euro und Allianz-Papiere im Wert von 165 Millionen Euro. Am Versicherer Axa ist der Konzern mit 123 Millionen Euro beteiligt. Die Aktien der eigenen Gründung Westwing, bei der Rocket aufgestockt hat, sind nur 85 Millionen Euro wert.

Derweil bewertet der Konzern die eigenen, noch nicht börsennotierten Gründungen mit 800 Millionen Euro. In der Coronakrise sei der Wert um 200 Millionen Euro gesunken. Am meisten ins Gewicht fällt ein Anteil von 24 Prozent am indonesischen Reiseportal Travelloca. Das zeigt: Über große Hoffnungsträger auf einen schnellen Börsengang verfügt das Samwer-Portfolio derzeit nicht.

Angebot liegt unter dem eigentlichen Wert

Wie es mit Rocket Internet nach dem Delisting weitergeht, ließ Samwer weitgehend offen. Kern bleibe aber, Geschäftsmodelle für Internet-Unternehmen zu suchen, Start-ups zu gründen, groß zu machen und dann deren Anteile zu verkaufen. Samwer äußerte sich nicht, ob er langfristig plant, die übrigen Aktionäre durch ein Angebot herauszudrängen. Das sei durch das aktuelle Delisting nicht geplant.

SdK-Sprecher Kunert sagte dem Handelsblatt, er hoffe, dass die Börse Hamburg die Aktie wie in anderen Fällen in Eigenregie in den Handel aufnehmen werde. Er rate langfristig orientierten Kleinaktionären, die Papiere zu halten. „Man braucht sehr viel Zeit, wenn man auf einen Wertgewinn spekuliert“, warnte hingegen Röhl. Andere Aktien seien dafür attraktiver.

Auch Analysten halten das Papier durch das Pflichtangebot für unterbewertet. Die Deutsche Bank etwa rechnet vor, der faire Wert liege etwa zwölf Euro darüber. Der aktuelle Kurs der Aktie spiegle die Geldreserven, nicht aber die 200 Internet-Gründungen des Konzerns wider.

Eine Rocket-Sprecherin sagte, das Delisting sei für November geplant. SdK und DSW wollen das mit Widersprüchen torpedieren, womöglich mit Klagen. Doch Röhl sagte dem Handelsblatt auch: „Im Sinne der Aktienkultur ist es ganz gut, wenn das Ganze mal ein Ende findet. Samwer und die Öffentlichkeit der Börse: Das hat einfach nicht zusammengepasst.“