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Säureattentat auf Finanzchef: Innogy setzt neue Belohnung aus

Das Energieunternehmen zahlt noch einmal bis zu 100.000 Euro für Hinweise, die zur Aufklärung führen. Günther will den Auftraggeber überführen. Einen Verdacht hat er.

Der Finanz- und Personalvorstand des Energieunternehmens wurde im März 2018 von zwei Männern überfallen und mit Säure überschüttet. Foto: dpa

Der Energieversorger Innogy will die stockenden Ermittlungen zum Säureattentat auf Finanzvorstand Bernhard Günther in Schwung bringen. Gut zwei Jahre nach der Attacke setzt das Unternehmen, das inzwischen zum Eon-Konzern gehört, zum zweiten Mal eine Belohnung aus. Das Energieunternehmen zahlt bis zu 100.000 Euro „für Hinweise, die zur Aufklärung der Tat, der Täter und insbesondere zur Ermittlung der Auftraggeber führen“. Dem Handelsblatt liegt der Aufruf vor.

Im Herbst 2018, acht Monate nach der Tat, waren in einem ersten Aufruf 80.000 Euro als Belohnung ausgelobt worden. Daraufhin gingen auch Hinweise ein, die im vergangenen Herbst zwischenzeitlich zu der Inhaftierung eines mutmaßlichen Täters führten. Der Mann ist auch weiter verdächtig, wurde aber aus der Untersuchungshaft entlassen, weil das Landgericht Wuppertal die Beweise dafür nicht ausreichend fand.

An diesem Stand habe sich nichts geändert, erklärte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Wuppertal auf Anfrage: „Die Ermittlungen laufen weiter.“ Es würden noch Unterlagen ausgewertet, und es liefen noch Anfragen.

Der Fall Bernhard Günther ist in der deutschen Wirtschaft einmalig. Das Attentat ereignete sich am 4. März 2018, einem Sonntag, gegen 9.20 Uhr, in Haan, einer kleinen Stadt östlich von Düsseldorf und Wohnort Günthers. Der Finanzvorstand wurde nach einer Joggingrunde mit Bekannten überfallen.

Auf dem Weg nach Hause lauerten ihm zwei Männer in der Parkanlage am Karl-August-Jung-Platz auf. Einer der beiden Männer drückte Günther auf den Boden, der andere Täter öffnete ein Glas und überschüttete sein Gesicht mit hochkonzentrierter Schwefelsäure. Mit letzter Kraft konnte sich der Manager nach Hause retten und die Notärzte alarmieren.

Günther musste mehrere Tage auf der Intensivstation bleiben und ist noch heute schwer von den Folgen des Attentats gezeichnet. Sein Augenlicht wurde offenbar nur dadurch gerettet, dass Günther Kontaktlinsen trug.

Von der neuerlichen Auslobung einer Belohnung erhofft sich der 53-Jährige vor allem einen Durchbruch bei der Suche nach dem Auftraggeber des Attentats. „Es gibt ja bereits Hinweise, wer diesen Säureanschlag auf mich in Auftrag gegeben haben könnte. Ich hoffe, dass wir mit dieser Belohnung dafür nun auch Beweise erhalten“, sagte Günther.

Der Manager selbst hat einen konkreten Verdacht, den er im vergangenen Dezember in einem Interview mit dem Handelsblatt erstmals äußerte. Günther verdächtigt einen ehemaligen persönlichen Konkurrenten.

Gericht kritisierte Identifizierung des Verdächtigen

Er hatte damals auch Kritik an den Ermittlungen geäußert und den Behörden unter anderem vorgeworfen, seinem Verdacht zu spät und nicht entschlossen genug nachgegangen zu sein. Gleichzeitig zeigte er Unverständnis für die Freilassung des Tatverdächtigen. Günther selbst hat keine Zweifel, dass er einer der Täter ist: „Ich bin mir da sehr sicher“, sagt der Manager im Interview: „Nach den Fotos, die man mir vorgelegt hat, steht für mich fest, dass er einer der Täter war.“

Auf den ersten Aufruf hin hatte sich ein – nach Günthers Auffassung – entscheidender Hinweisgeber per E-Mail gemeldet. Der Informant schickte darin unter anderem mehrere Screenshots einer Facebook-Seite, auf der sich der Tatverdächtige präsentierte – und den der Finanzvorstand wiedererkannt haben will.

Allerdings stoßen Günthers eigene Initiativen und die Arbeit der beauftragten privaten Detektei bei den Ermittlungsbehörden auf Kritik. Günther hatte die Berliner Sicherheitsspezialisten der Agentur System 360 eingeschaltet, für die unter anderem August Hanning, Ex-Chef des Bundesnachrichtendienstes, arbeitet.

Das Gericht kritisierte bei der Freilassung des Verdächtigen die Art und Weise, wie Günther diesen identifizierte. Dessen Bild sei ihm zuerst nicht von der Polizei, sondern von den Privatermittlern vorgelegt worden. Es sei möglich, rügte das Gericht, dass Günthers eigene Erinnerung an den Täter von diesen Bildern „überschrieben“ wurde – und er ihn dann später fälschlich als Täter identifizierte. Günther bestreitet dies. Seiner Darstellung nach erinnert er sich sehr genau an die Männer, die ihn fast töteten.

Hinweise zum organisierten Verbrechen

Jetzt unternehmen Günther und Innogy einen zweiten Versuch, um die Ermittlungen wieder in Schwung zu bringen: „Bei diesem hinterhältigen Anschlag handelt es sich mutmaßlich um eine Auftragstat“, heißt es in dem Aufruf. Sachdienliche Hinweise sollen am besten an die Mordkommission „MK Säure“ der Düsseldorfer Polizei gemeldet werden oder jede andere Polizeidienststelle. Hinweisgeber können sich aber auch vertraulich an Rechtsanwalt Sascha Kuhn von der Kanzlei Simmons & Simmons in Düsseldorf wenden.

Die Ermittlungen sind unter anderem so schwierig, weil die Polizei dabei auf Verbindungen zum organisierten Verbrechen gestoßen ist, wie es in Kreisen der Ermittlungsbehörden heißt. Genau das macht die Fahndung so komplex: Aufträge zu Mord und Körperverletzung werden über mehrere Stufen vergeben. Die Täter kennen den Auftraggeber in der Regel nicht. Mittelsmänner werden selten verraten.

Günthers Tätigkeit bei Innogy wird bald beendet sein. Nur wenige Tage nach dem Attentat veröffentlichte Eon ein Übernahmeangebot und hat die Transaktion inzwischen abgeschlossen. Eon unterstützt die Auslobung der Belohnung. Günther wird noch im Unternehmen bleiben, bis die Integration abgeschlossen ist. Er hat aber schon neue Aufgaben übernommen. So wurde er in die Aufsichtsräte von Thyssen-Krupp und Uniper berufen.

Innogy zahlt bis zu 100.000 Euro für Hinweise, die zur Überführung der Täter, Mittelsmänner oder des Auftraggebers führen. Foto: dpa