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Russland stationiert Hyperschallraketen in der Arktis, baut alte Militär-Stützpunkte wieder auf: Droht ein neuer Krieg im Eis?

Wichtiger Stützpunkt von Putins Nordflotte: Russlands Militärhafen Severomorsk am Ostufer der Kola-Bucht  - Copyright: Sasha Mordovets/getty
Wichtiger Stützpunkt von Putins Nordflotte: Russlands Militärhafen Severomorsk am Ostufer der Kola-Bucht - Copyright: Sasha Mordovets/getty

Russland rüstet weiter auf – diesmal im hohen Norden, mitten im Eis. Davor warnt Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg. Moskau sei dabei, in der Arktis Stützpunkte aus Sowjetzeiten wieder zu öffnen und dort neue hochmoderne Waffen wie Hyperschallraketen zu stationieren, sagte der Norweger der "Welt am Sonntag ". Angesichts dieser zunehmenden militärischen Aktivitäten Russlands in der Region um den Nordpol wollen die USA und die Nato dort stärker aktiv werden. Auch China interessiere sich zunehmend für die Region. Stoltenberg machte deutlich: "Die Nato muss ihre Präsenz in der Arktis erhöhen."

Was steckt hinter Putins Arktis-Strategie?

Moskau erhebt in der Arktis Anspruch auf 1,2 Millionen Quadratkilometer – insbesondere auf die dort lagernden Rohstoffe wie Öl und Gas. Das Aufrüsten in der Region ist Teil von Wladimir Putins großer Arktis-Strategie, die er 2020 veröffentlichte. Demnach soll bis 2035 die Infrastruktur massiv ausgebaut werden: Geplant sind fünf neue Erdölprojekte und die Ansiedelung von Unternehmen. Mit hohen Steuervorteilen will Moskau Firmen zu Investitionen in dem abgelegenen Gebiet bewegen.

Dementsprechend schmallippig reagierte Kremlsprecher Dmitri Peskow auf Stoltenbergs Ankündigungen, die Nato-Präsenz rund um den Nordpol zu erhöhen: "Wir nehmen das negativ wahr", sagte er am Montag der Nachrichtenagentur Interfax. Mit der Ankündigung setze der Westen die Politik der Konfrontation gegen Russland fort. "Russland wird seine Interessen in angemessener Weise wahren." Peskow verwies etwa auf Sicherheitsbedürfnisse und "wirtschaftliche Aktivitäten". Außenminister Sergej Lawrow sagte vergangenes Jahr: „Für jeden ist seit Langem vollkommen klar, das dies unser Territorium ist, das ist unser Land.“ Und das gilt es, aus Sicht des Kremls mit allen Mitteln zu verteidigen. Aber: Die Arktis gehört Russland nicht allein.

Wem gehört die Arktis?

Zur Arktis gehören Gebiete verschiedener Staaten: die USA, Grönland – als selbstverwaltetes Gebiet innerhalb des Königreichs Dänemark, Finnland, Island, Kanada, Norwegen, Schweden und Russland. Koordiniert wird die Zusammenarbeit in der Region über den Arktischen Rat. Am vergangenen Freitag hat Washington angekündigt, erstmals einen Arktis-Sondergesandten zu ernennen, um "die amerikanischen Interessen und die Zusammenarbeit mit Verbündeten und Partnern in der Arktis" zu fördern.

Normalerweise treffen sich die acht "Arktis-Länder" regelmäßig: Der Vorsitz rotiert alle zwei Jahre, zuletzt hatte Island im Mai 2021 das Staffelholz an Russland übergeben. Doch seit dem russischen Einfall in die Ukraine pausieren die Sitzungen. Volker Rachold, Leiter des Deutschen Arktisbüros am Helmholtz-Institut, sagte Business Insider: "Die Arktis galt bis zu dem russischen Angriff auf die Ukraine als Modellregion für friedliche und konstruktive Zusammenarbeit. Insbesondere der 1996 etablierte Arktische Rat als Forum für die acht Arktis-Anrainerstaaten liefert wichtige Beiträge zum Umweltschutz und zur nachhaltigen Entwicklung der Region. Aufgrund des russischen Angriffs sind die Arbeiten des Rats momentan auf Eis gelegt." Arbeit gäbe es genug: Erst im August offenbarte eine Studie des Finnischen Meteorologischen Instituts in Helsinki, dass die Erderwärmung in der Region viermal so schnell voranschreitet als im Rest der Welt.

Überraschend sind die jüngsten Entwicklungen für den Arktis-Experten Rachold dennoch nicht: "Das verstärkte militärische Engagement Russlands ist bereits seit einigen Jahren zu beobachten und nimmt jetzt noch weiter zu. Die Reaktion der Nato ist daher nicht unerwartet, insbesondere angesichts des bevorstehenden Nato-Beitritts von Schweden und Finnland."

Sind die Sowjet-Stützpunkte noch in Takt?

Die alten Sowjet-Stützpunkte befinden sich zum Teil in einem desolaten Zustand. Trotzdem soll der 1998 geschlossene Militärflughafen Seweromorsk-2 (elf Kilometer nordöstlich von Murmansk gelegen) neu aufgebaut werden, wie die "Moscow Times" Mitte Juni meldete. 2030 soll er wieder ganz einsatzfähig sein, aber das kostet Geld: Nachdem Seweromorsk-2 vor 25 Jahren aufgegeben worden war, wurden die meisten Einrichtungen und Ausrüstungen auf den Rollbahnen abgebaut. Die 1800 Meter lange Start- und Landebahn ist zwar noch intakt, aber in schlechtem Zustand mit schweren Rissen, die sogar auf Satellitenbildern zu sehen sind, heißt es in dem Artikel.

In den vergangenen Jahren sei die Landebahn für kleinere Drohnen der russischen Nordflotte genutzt worden, deren Hauptquartier sich in der Stadt Seweromorsk befindet. Welche Flugzeuge zukünftig in Seweromorsk-2 stationiert werden könnten, ist nicht bekannt. Der umfangreiche Ausbau des Flugplatzes könnte eine Vorbereitung für den Einsatz fortschrittlicher Drohnen sein, die nach russischen Angaben in künftigen militärischen Plänen eine wichtige Rolle spielen werden, schreibt "The Barent Observer".

Wie schwer rüstet Russland auf?

Russlands Pläne zum Aufbau der militärischen Infrastruktur sind umfassend: "Die Entwicklung und der Bau des Flugplatznetzes in der Arktis gehen weiter. Der Plan für die Entwicklung des Netzes bis 2030 sieht den Bau von zwei Flugplätzen in Nagurskoje und Temp sowie den Wiederaufbau von sieben Flugplätzen in Seweromorsk-1, Seweromorsk-2, Seweromorsk-3, Rogatschewo, Talagi und Kipleowo vor", sagte der Kommandeur der russischen Nordflotte, Admiral Alexander Moisejew, der staatlichen Nachrichtenagentur TASS. Die ehemalige Wasserflugzeuganlage in Safonowo, südlich von Seweromorsk in der Kola-Bucht, werde ebenfalls wieder in Betrieb genommen, sagte Moissejew.

Derzeit verfügt die Nordflotte über zwei große Luftwaffenstützpunkte auf der Kola-Halbinsel: Seweromorsk-1 und Seweromorsk-3. Zum Luftwaffenstützpunkt Seweromorsk-1 gehört eine 3500 Meter lange Start- und Landebahn; Seeüberwachungsflugzeuge (Il-38) und U-Boot-Abwehrhubschrauber (Ka-27). Seweromorsk-3, 28 Kilometer östlich von Murmansk, ist der Luftwaffenstützpunkt für die Kampfjets der Nordflotte. Hinzu kommen zwei kleinere Militärflughäfen auf der Kola-Halbinsel: Olenya bei Olenogorsk, wo Langstreckenbomber vom Typ Tu-22 stationiert sind, und Monchegorsk, wo Kampfjets stationiert sind.

Finnlands Premierministerin Sanna Marin
Finnlands Premierministerin Sanna Marin

Bereits 2019 meldete TASS den Test einer Hyperschallrakete Kinjal (Dagger) in der Arktis – der Bericht wurde einen Tag, nachdem der dänische Geheimdienst vor einer Verschärfung der geopolitischen Rivalität im eisigen Norden der Erde gewarnt hatte, veröffentlicht. Bei einer Übung von Russlands Nuklearstreitkräften im Februar dieses Jahres feuerte die "Admiral Gorshkov" eine Hyperschallrakete namens Zirkon ab. Brisant: Dabei befand sich die Fregatte etwa 150 bis 200 Seemeilen westlich des russischen Sektors der Barentssee internationalen Gewässern, die jedoch innerhalb der Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) Norwegens liegen.

Was macht die Arktis so wertvoll?

"Die Arktis war bereits während des Kalten Kriegs aus militärischer Sicht für die beiden Blöcke geostrategisch höchst relevant. Der Nato-Beitritt von Schweden und Finnland führt jetzt dazu, dass die Nato und Russland in der Arktis unmittelbar aneinander grenzen", so Experte Rachold zu Business Insider. "Dazu kommt, dass das arktische Meereis mit der Klimaerwärmung rasant schmilzt und damit den Zugang zur Arktis und den dort lagernden Ressourcen – Öl- und Gas, mineralische Rohstoffe, aber auch Fischbestände – erleichtert."

Schon jetzt bezieht Russland knapp 90 Prozent seines Erdgases und 60 Prozent des Erdöls aus der Arktis. Laut Alexej Fadejew, Mitglied der Expertengruppe "Geologie und Arktis" der russischen Gasgesellschaft, werden bis 2035 rund 60 Prozent der weltweit geförderten Kohlenwasserstoffe aus arktischen Rohstoffvorkommen stammen. Immer wieder machte Moskau in der Vergangenheit klar: Die Arktis ist einer der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren des Landes, den es notfalls militärisch verteidigen wird.

Mit dem schmelzenden Eis öffnen sich auch neue Schifffahrtswege. "Die sind insbesondere für China von Interesse, da sich die Distanz von Asien nach Europa im Vergleich zum traditionellen Seeweg durch den Suezkanal deutlich verkürzt", so Racholds Einschätzung. Bereits 2019 hatte der dänische Geheimdienst davor gewarnt, dass Chinas Militär zunehmend die wissenschaftliche Forschung in der Arktis als Weg in die Region nutze.

Was heißt das für die Zukunft?

Angesichts der großen Rohstoffvorkommen ist damit zu rechnen, dass alle angrenzenden Länder versuchen werden, ihre Gebiete zu verteidigen, dort die eigenen Interessen durchzusetzen – und zu schützen. Konflikte drohen da, wo Russland oder auch China versuchen, ihre Einflusssphären auszuweiten.

Klimaforscher Rachold ist angesichts der aktuellen Entwicklungen besorgt: "Das sind natürlich keine guten Nachrichten für den Schutz der Arktis. Zum Einen sind verstärkte militärische Aktivitäten und zunehmende Ausbeutung der arktischen Ressourcen mit einer weiteren Gefährdung der sensiblen arktischen Umwelt verbunden. Zum Anderen sind wichtige Foren für den Umweltschutz, in erster Linie der Arktische Rat, durch den russischen Angriffskrieg zum Pausieren gezwungen." Ähnliches gelte für die wissenschaftliche Zusammenarbeit, die durch international koordinierte Forschungsaktivitäten, wie zum Beispiel die von Deutschland geleitete MOSAiC-Expedition 2019/2020, essenzielle Beiträge zum Klimaschutz in der Arktis leistet.