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Warum Russland inzwischen den dritten führenden Hyperschall-Raketen-Wissenschaftler für Hochverrat verhaftet

Der russische Präsident Wladimir Putin beim Launch der Hyperschall-Rakete des Typs "Avantgard" im Jahr 2018. - Copyright: picture alliance / Russian Look | Kremlin Pool
Der russische Präsident Wladimir Putin beim Launch der Hyperschall-Rakete des Typs "Avantgard" im Jahr 2018. - Copyright: picture alliance / Russian Look | Kremlin Pool

Mit Alexander Schipljuk, hat Russland nun innerhalb kürzester Zeit den dritten führenden Hochgeschwindigkeits-Raketen-Wissenschaftler wegen angeblichen Hochverrats verhaftet. Das berichtete die staatliche Nachrichtenagentur TASS am vergangenen Freitag. Laut Website seines Instituts für theoretische und angewandte Mechanik in Nowosibirsks koordinierte Schipljuk in den letzten Jahren die Forschung zur Entwicklung von Hyperschall-Raketensystemen. Nun drohen ihm 20 Jahre Haft.

Bemerkenswert ist die Verhaftung von Schipljuk deshalb, weil erst im Juni zwei weitere russische Hochgeschwindigkeits-Raketen-Wissenschaftler in derselben Woche festgenommen wurden. Zum einen sein Kollege Anatoli Maslow, 75 Jahre, vom gleichen Institut in Nowosibirsk, dem "Khristianovich Institute of Theoretical and Applied Mechanics". Ihm wurde vorgeworfen, geheime Staatsdaten zu der Raketenforschung weitergegeben zu haben. Zum anderen Dmitry Kolker, 54 Jahre, Physik- und Mathematikprofessor an der Universität Nowosibirsk, der angeblich mit den chinesischen Sicherheitsdiensten zusammengearbeitet haben soll, berichtet "Reuters". Kolker, bei dem Krebs im Endstadium diagnostiziert worden war, starb bereits bei der Verlegung aus der Untersuchungshaftanstalt.

Dabei scheinen die Verhaftungen der Raketen-Wissenschaftler einem Muster zu folgen: Eine Untersuchung der unabhängigen Moskauer Zeitung "Novaya Gazeta" aus dem Jahr 2020 ergab, dass seit dem Jahr 2000 mehr als 30 Wissenschaftler des Hochverrats angeklagt wurden. Wie Schipljuk, Maslov und Kolker arbeiteten viele von ihnen an der Hyperschalltechnik, einem Forschungsgebiet, das im Mittelpunkt eines neuen Wettrüstens zwischen den USA, China und Russland steht. Einige Experten gehen deshalb von einer "Einschüchterungstaktik" aus, die sich gezielt gegen Wissenschaftler richtet, die in sensible Forschung involviert sind. Kritiker des Kremls hingegen sagen, die Verhaftungen seien auf das Anreizsystem des russischen Geheimdienstes zurückzuführen.

Verhaftungen könnten erfolgen, weil Agenten dafür Prämien bekommen

"Generell gelten Wissenschaftler als 'Hauptziele' für den russischen Inlandsgeheimdienst (FSB), weil sie Zugang zu sensiblen Informationen haben und oft zu Konferenzen reisen und sich mit ausländischen Kollegen treffen", sagt Iwan Pawlow, der als Anwalt unter anderem die Stiftung von Oppositionsführer Alexej Nawalny verteidigt und selbst aus Russland geflohen ist, nachdem er vom FSB festgenommen wurde. Laut Pawlow sind die Kriterien für die Einstufung von Informationen als Staatsgeheimnis absichtlich vage gehalten, sodass es leicht sei, eine Beschuldigung zu konstruieren.

Pawlow zufolge sind die Verhaftungen dabei vor allem auf die "perversen Anreize beim FSB" zurückzuführen, bei denen die Agenten im Gegenzug für Prämien und Beförderungen gerne "Staatsfeinde" liefern, erklärt der Nawalny-Anwalt im "Science"-Magazin.

Mit seiner These ist Pawlow nicht allein. Auch Brian Taylor, ein Politikwissenschaftler an der Syracuse University, hält die Anreize und Leistungsquoten im FSB für einen großen Einflussfaktor bei Verhaftungen unter Wissenschaftlern. Die postsowjetischen Sicherheitsdienste würden immer noch von Leistungsquoten angetrieben werden, aber seien auch "von Beamten bevölkert, die versuchen, ihre Karriere aufzubauen oder durch die Fälle, die sie verfolgen, Geld zu verdienen", sagt der Politikwissenschaftler, der den russischen Inlandsgeheimdienst FSB untersucht.

Noch vor Ende des Jahres will Russland Hyperschall-Raketen auf einer Fregatte einsetzen

Eugene Chudnovsky, Physiker am Lehman College und Ko-Vorsitzender des "Committee of Concerned Scientists", wiederum hält die Verhaftungen der Wissenschaftler auch für eine "Einschüchterungstaktik". Sie würde gezielt gegen Wissenschaftler gerichtet werden, die Teil der sensiblen Forschung sind und damit das Risiko trügen, sensible Informationen weiterzugeben.

Welchen Stellenwert die russische Regierung Hyperschall-Technik zuweist, zeigte sich bereits im Jahr 2019: Damals nahm Russland nach eigenen Angaben als erstes Land weltweit Hyperschall-Raketen vom Typ "Avantgard" in Betrieb. Da das Ziel und die Flughöhe der Raketen noch während des Flugs verändert werden können, können sie unter der Radarerfassung fliegen und so die Raketenabwehr umgehen. Präsident Wladimir Putin bezeichnete den Raketentyp deshalb als "unbesiegbar". Herkömmliche Raketen können solche Flugmanöver kaum ausführen.

Hinzukommt: Erst im Mai teilte das russische Verteidigungsministerium mit, dass es einen erfolgreichen Testabschuss einer Hyperschallrakete vom Typ "Zircon" über eine Entfernung von etwa 1000 Kilometer durchgeführt habe. Einige Tage später erklärte der Befehlshaber der russischen Nordflotte, dass das System noch vor Ende des Jahres auf einer neuen Fregatte eingesetzt werden solle.