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Durch eine der wichtigsten russischen Pipelines kommt 25 Prozent weniger Öl nach Deutschland – ostdeutsche Raffinerien drosseln die Produktion

In der Total-Raffinerie in Leuna (Sachsen-Anhalt) musste die Produktion wegen ausbleibenden Öls aus Russland gedrosselt werden.
In der Total-Raffinerie in Leuna (Sachsen-Anhalt) musste die Produktion wegen ausbleibenden Öls aus Russland gedrosselt werden.

In Deutschland zeigt sich seit Beginn des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine immer stärker, wie groß die Abhängigkeit von russischen Ressourcen ist. Besonders stark ist der Osten Deutschlands von russischem Öl abhängig. Jahrelang wurde in den einzigen beiden ostdeutschen Raffinerien in Leuna und Schwedt nahezu ausschließlich russisches Öl zu Benzin, Diesel, Heizöl und Kerosin verarbeitet.

Jetzt hat der Preis-Informationsdienst Argus Media jedoch festgestellt, dass durch die Druschba-Pipeline, die die Raffinerien mit Russland verbindet, bereits 25 Prozent weniger Öl geflossen sein soll. In einer Analyse, die Business Insider vorliegt, erklären die Markt-Beobachter, dass Leuna die Produktion um 20 bis 35 Prozent gedrosselt habe. Der Grund dafür ist, dass das französische Öl-Unternehmen Total, dem die Raffinerie gehört, einen großen Vertrag mit Russland wegen des Kriegs nicht verlängert hat. Jetzt wartet es jedoch noch auf Ersatzlieferungen aus anderen Ländern.

Die PCK-Raffinerie in Schwedt hat mehrere Anteilseigner, darunter auch den russischen Staatskonzern Rosneft, der 37,5 Prozent an der Raffinerie hält. Dieser plante auch, weitere 37,5 Prozent zu übernehmen. Doch ein Cyber-Angriff im März legte das komplette Unternehmen lahm, weswegen Rosneft seitdem kein Benzin, Diesel und Heizöl mehr auf dem Spotmarkt verkaufen konnte. Dadurch musste auch die Produktion in Schwedt um mindestens 25 Prozent gesenkt werden, schätzt Argus.

Raffinerien versorgen fast den kompletten Osten Deutschlands

Die Total-Raffinerie in Leuna versorgt Thüringens, Sachsens und Sachsen-Anhalts Tankstellen mit Sprit, Haushalte mit Heizöl und Industrie mit chemischen Erzeugnissen. Die PCK-Raffinere ist für die Versorgung von Berlin, Brandenburg und den Westen Polens zuständig. Durch die Drosselung der Produktion von beiden Raffinerien dürften in ganz Ostdeutschland weniger Sprit und Heizöl zur Verfügung gestanden haben.

Doch warum hat das nicht zu höheren Preisen und Versorgungsengpässen in den neuen Bundesländern geführt? Die Argus-Analysten gehen davon aus, dass die hohen Preise für die Produkte Menschen veranlasst hätten, weniger zu konsumieren. Dadurch sei der – verminderte – Bedarf weitestgehend gedeckt worden.

Doch das muss nicht so bleiben. Sollte im Sommer die Steuer auf Sprit gesenkt werden, dürften vermutlich auch wieder mehr Menschen Auto fahren und mehr Benzin und Diesel verbrauchen. Im Herbst wird auch der Bedarf von Öl zum Heizen wieder steigen. Die gesteigerte Nachfrage könnte bei der aktuell gedrosselten Produktion auch zu Engpässen führen.

Habeck will in wenigen Tagen unabhängig von russischem Öl sein

Dieses Problem könnte jedoch noch wesentlich größer werden, denn der Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hat am Mittwoch verkündet, innerhalb "weniger Tage" unabhängig von russischem Öl sein zu wollen. Das könne auch bedeuten, dass es zu Versorgungsengpässen kommen könnte, erklärte der Minister am Mittwoch (27. April) in einer Videobotschaft nach seiner Rückkehr aus Polen.

Die Total-Raffinerie hat sich wegen des reduzierten Ölflusses um Ausgleichsmöglichkeiten gekümmert. Demnach sollen Tanker Öl aus dem Irak nach Danzig (Polen) bringen, von wo aus es über den in Polen und Deutschland liegenden Teil der Druschba-Pipeline nach Leuna gelangt. Trotz des ausgelaufenen Vertrags mit Russland hätte sie, mit den Tankschiffen, die laut Argus Media im Mai in Danzig ankommen sollen, ihre Produktion wieder auf nahezu 100 Prozent erhöhen können. Unklar ist, ob das auch gelingt, wenn schon jetzt jeglicher Ölfluss aus Russland unterbrochen wird. In diesem Fall würden viele weitere Tanker benötigt werden.

Noch unklarer ist die Versorgungslage in Schwedt. Die PCK-Raffinerie hat ein Tankschiff mit kasachischem Rohöl geordert, das in Rostock, von wo aus eine weitere Pipeline nach Schwedt führt, verladen werden soll. Die Tankladung wird jedoch nicht lange den möglichen Importstopp russischen Öls auffangen können, weswegen auch in Schwedt zusätzliches Öl gekauft werden müsste. Die Rostock-Pipeline kann jedoch nur knapp 50 Prozent des Volumens der Druschba fördern. Es müsste also auch zusätzlich über Danzig importiert werden. Doch da die PCK-Raffinerie in Hand von Rosneft ist – die vorzugsweise russisches Öl importieren wollen – gibt es bislang keine bekannten eigenen Bemühungen, Öl aus weiteren Staaten zu beziehen.

Wird jetzt auch Rosneft enteignet?

Um die Versorgung mit Öl trotzdem zu gewährleisten, könnte das Wirtschaftsministerium Rosneft Deutschland unter treuhänderische Verwaltung stellen, so wie es das mit dem Gasunternehmen Gazprom Germania bereits getan hat. Dann könnte man versuchen, die Raffinerie in Schwedt mit weiteren Tankschiffen über Rostock und Danzig versorgen.

Experten sind jedoch skeptisch, ob das ausreichen wird. Zu groß seien die Mengen, die benötigt würden, um den Osten Deutschlands flächendeckend versorgen zu können. Die nächsten Tage und Monate werden spannend für die Verbraucher in Ostdeutschland. Die Politik und die Total-Raffinerie bemühen sich augenscheinlich schon um Ersatzlieferungen, doch erstmal muss das Problem in Schwedt gelöst werden.

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