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ROUNDUP/Corona global: Wie ein Virus die Welt verändert

WASHINGTON (dpa-AFX) - Die USA kehren langsam in den Wahlkampfmodus zurück - es bleibt ja auch nur noch weniger als ein halbes Jahr, bis US-Präsident Donald Trump sich gegen seinen designierten Kontrahenten Joe Biden zur Wiederwahl stellt. Und der Umgang mit der Pandemie dürfte eine wesentliche Rolle in der weiteren Auseinandersetzung spielen. In Europa schreiten drei Länder in Sachen Grenzöffnung voran. Und in Zentralasien behauptet die Führung eines autoritär regierten Landes weiterhin, dass es Corona dort gar nicht gebe. Ein Blick um die Welt in Zeiten von Corona.

USA - Die politisierte Krise

In Allentown im US-Bundesstaat Pennsylvania konnte man am Donnerstag kurz den Eindruck gewinnen, dass wieder alles beim Alten ist - zumindest im US-Wahlkampf. Unterstützer von Donald Trump postierten sich - teils ohne Atemschutzmasken und dicht gedrängt - mit Flaggen und Schildern am Straßenrand, um einen Blick auf die Fahrzeugkolonne des Präsidenten zu erhaschen. Als Trump vor Beschäftigte eines medizinischen Versorgungsunternehmens trat, ertönte das Lied "Proud to be an American" ("Stolz, Amerikaner zu sein") - als hätte er einen seiner Wahlkampfauftritte wie in Zeiten vor Corona. Es folgten Seitenhiebe gegen die politischen Gegner, implizit gegen die Vorgängerregierung von Barack Obama, explizit gegen Trumps Herausforderer Joe Biden und gegen den Gouverneur des Bundesstaates, den er besuchte.

Die Corona-Pandemie ist seit zwei Monaten auch in den USA das dominierende Thema - kein Wunder, dass die Krise mitten im Wahljahr immer politischer wird. Dabei richtet sich der Blick vor allem auf die von den Demokraten regierten Bundesstaaten Pennsylvania, Michigan und Wisconsin, die bei der Wahl 2020 entscheidend sein könnten. Entlang der Parteilinien scheiden sich die Geister dort an den Ausgangsbeschränkungen - und Trump facht den Streit darüber immer wieder an.

Am Donnerstag begrüßte der Republikaner eine Entscheidung des Obersten Gerichts in Wisconsin, die eine im Bundesstaat geltende Anweisung, zu Hause zu bleiben, zu Fall brachte. Gouverneur Tony Evers verbarg seinen Ärger über die Entscheidung nicht. Republikanische Abgeordnete hätten vier Mitglieder des Gerichts dazu gebracht, den Staat "ins Chaos zu stürzen", schrieb er auf Twitter. "Leute, tödliche Viren warten nicht darauf, dass Politiker und Bürokraten ihre Differenzen beilegen oder Regeln verkünden."

FRANKREICH - Premier Philippe ist der Mann der Krise

In Frankreich glänzt in der Corona-Krise gerade weniger Präsident Emmanuel Macron als vielmehr seine rechte Hand - Premierminister Édouard Philippe. Der 49-jährige Konservative ist im Land so etwas wie das Gesicht der Krise - vorgeschickt vom Präsidenten hat er in unzähligen Reden, Interviews und Pressekonferenzen den Menschen den Weg durch die Krise aufgezeichnet. Macron hielt sich eher zurück - beschränkte sich weitgehend auf TV-Ansprachen. In einer jüngsten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ifop liegt Philippe mit 57 Prozent auf der Beliebtheitsskala deutlich vor Macron (48 Prozent).

Der konservative Philippe war Bürgermeister in der französischen Hafenstadt Le Havre und machte sein Abitur in Bonn. Auf viele wirkt der hochgewachsene Regierungschef hölzern, seit Beginn der Krise bekommt sein Bart immer größere weiße Flecke. Seit Wochen spekulieren die französischen Medien, dass Macron den an Popularität gewinnenden Premier absägen könnte - zu viel Konkurrenz. Der Premier ist in Frankreich ganz vom guten Willen des Präsidenten abhängig.

"Gelbwesten", Rentenreform und jetzt Covid-19: "In den Umfragen beliebter als das Staatsoberhaupt, hat der Premierminister in den letzten drei Jahren eine Krise nach der anderen erlebt", schreibt die konservative Zeitung "Le Figaro" am Freitag. "Seine Ernsthaftigkeit, seine manchmal fast langweilige Seite, seine offensichtliche Demut beruhigen. (...) Er vermittelt nicht das Gefühl, auf einer Theaterbühne zu stehen", so das Magazin "L'Obs". Während er mit den Händen tief im Schlamm stecke, komme Macron wie ein Akrobat daher.

SCHWEDEN - Forscher kritisieren Hoffnung auf Herdenimmunität

Im Vergleich zu seinen skandinavischen Nachbarn ringt Schweden mit hohen Infektions- und Todesfallzahlen. Das Land hält dennoch weiter an seiner von vergleichsweise freizügigen Maßnahmen geprägten Corona-Strategie fest. Dagegen sträubt sich im Land eine Reihe von Wissenschaftlern, die nun Kritik an der Hoffnung auf Herdenimmunität übt, die sich in Stockholm breitgemacht hat.

"Sich auf eine künftige Herdenimmunität zu verlassen, ist sowohl unrealistisch als auch gefährlich", monierten 22 Forscher, darunter Virologen, Infektionsärzte und Lungenmediziner, in einem am Donnerstag von der Zeitung "Dagens Nyheter" veröffentlichten Meinungsbeitrag. Von einer solchen Immunität befinde man sich zudem noch weit entfernt. "Anstatt Menschen sterben zu lassen, sollten wir Menschen am Leben erhalten, bis wirksame Behandlungen und Impfstoffe eingesetzt werden können", erklärten die Wissenschaftler.

Herdenimmunität bedeutet, dass ein Virusausbruch abklingt, da immer mehr Menschen dagegen immun sind, weil sie die Krankheit überwunden haben oder geimpft wurden. Offiziell geht es der Gesundheitsbehörde Folkhälsomyndigheten beim schwedischen Sonderweg nicht darum, dies zu erreichen. Der Staatsepidemiologe Anders Tegnell hält es vielmehr für eine Konsequenz der schwedischen Strategie, dass eine solche Immunität im Laufe der Zeit eintreten könnte. Mathematischen Berechnungen zufolge könnte dies in der Hauptstadt Stockholm bereits im Juni der Fall sein.

BALTIKUM - Grenzöffnungen in Europa - drei Länder schreiten voran

Die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen haben am Freitag ihre gemeinsamen Grenzen wieder geöffnet. Die Bürger der drei Nachbarländer im Nordosten Europas dürfen nun wieder frei innerhalb des Baltikums reisen, ohne sich wegen der Corona-Krise für zwei Wochen in Selbstisolation begeben zu müssen. Wer aus Drittstaaten einreist, muss weiterhin 14 Tage zuhause in Quarantäne.

"Wir können froh sein, dass wir die erste Viruswelle erfolgreich unter Kontrolle gebracht haben und als erste in der Europäischen Union unsere Grenzen für die Bürger des jeweils anderen öffnen", sagte Litauens Ministerpräsident Saulius Skvernelis in einer gemeinsamen Videobotschaft der Regierungschefs. Man bleibe aber "vorsichtig und verantwortungsbewusst".

Zur Öffnung der Grenzen wurden gemeinsame Vorgaben ausgearbeitet, die in allen drei Baltenstaaten gelten. Dazu wurde am Freitag in Riga eine gemeinsame Vereinbarung von den Außenministern der drei Länder unterzeichnet. Der Mini-Schengenraum im Baltikum mit rund 6 Millionen Einwohnern könnte nach Angaben der Minister möglicherweise bald auch noch auf Finnland und Polen ausgeweitet werden.

Estland, Lettland und Litauen hatten früh mit strikten Maßnahmen auf die Ausbreitung des Coronavirus reagiert. Die Infektionszahlen sind im internationalen Vergleich eher gering und hatten sich in den vergangenen Wochen deutlich verlangsamt.

TURKMENISTAN - Ist das Land wirklich frei von Corona?

Das autoritär geführte Turkmenistan in Zentralasien ist nach offizieller Darstellung nach wie vor ohne einen einzigen Corona-Fall. Das Gesundheitsministerium gibt auf seiner Internetseite aber Tipps, wie sich die Menschen in dem ölreichen Land vor "akuten Atemwegserkrankungen" schützen können: Hände waschen, Abstand halten von niesenden Menschen, ausreichend Schlaf und Bewegung sowie gesunde Ernährung werden als Schutzmaßnahmen empfohlen.

Nicht ohne Grund. Lokale Medien berichten von zunehmend mehr Todesfällen in der Ex-Sowjetrepublik, überfüllten Leichenschauhäusern und mehr neuen Gräbern auf den Friedhöfen. Außerdem breitet sich das gefährliche Virus in den Nachbarländern weiter aus. Allein deshalb gibt es Zweifel an der offiziellen Darstellung.

Die Regierung unter dem Machthaber Gurbanguly Berdymuchammedow hat nun die Gesundheitsorganisation WHO eingeladen, sich selbst vor Ort zu überzeugen. Bislang sah das Land nach eigenen Angaben keinen Grund dafür, weil es ja frei von Corona sei. Medien berichten unter Berufung auf nicht genannte Quellen, dass der Präsident umgezogen sei

- wohl aus Angst, seine Eltern anzustecken.

Wann die WHO-Experten nach Turkmenistan reisen, blieb zunächst offen. Erschwerend kommt hinzu, dass das Land vor wenigen Tagen von einem schweren Sturm getroffen wurde. Mindestens 30 Menschen sollen den Berichten zufolge ums Leben gekommen sein.

KOLUMBIEN - Maßnahmen für das Amazonasgebiet verschärft

Kolumbien ist ohnehin bereits eines der Länder mit den strengsten Anti-Corona-Maßnahmen in Lateinamerika. Dennoch hat die Regierung von Präsident Iván Duque die Einschränkungen für das besonders gefährdete Gebiet Amazonas am Donnerstagabend noch einmal verschärft. Von Freitag an und erst einmal bis zum 30. Mai dürfen Bewohner der Provinz im Süden des Landes - an der Grenze zu Brasilien und Peru - nur mehr zur Besorgung von Lebensmitteln und zur ärztlichen Versorgung aus dem Haus. Das Militär wurde an die Grenze zu dem im Umgang mit dem Virus nachlässigeren Brasilien geschickt.

Am Freitag sollten mit dem Nachbarn Beratungen über die Eindämmung der Pandemie stattfinden. In der Hafenstadt Letícia am Amazonas und im Department Amazonas, das mit mehr als 100 000 Quadratkilometern flächenmäßig größer ist als Österreich, aber nur 75 000 Einwohner hat, war die Zahl der Infizierten in den vergangenen Tagen und Wochen rapide gestiegen: seit dem ersten bekannten Fall am 17. April auf zuletzt mehr als 900.

Dass von 10 000 Einwohnern 90 positiv getestet wurden, bedeutet nach einem Bericht der Zeitung "El Tiempo" den höchsten Anteil im ganzen Land. Mindestens 30 Menschen sind im Zusammenhang mit dem Coronavirus bislang gestorben. In der Gegend um Letícia leben viele Indigene, die besonders anfällig für das Virus sind. Zugleich sind Krankenhäuser in der strukturschwachen Gegend an ihre Grenzen geraten. In den Medien kursieren Berichte von selbstgebauten Krankenbetten aus Karton, die sich in Särge verwandeln lassen. Aus Deutschland kamen diese Woche 80 000 Testkits und medizinische Geräte in Kolumbien an, von denen ein Teil in dem Department Amazonas zum Einsatz kommen soll.

MAROKKO - Gerichtsverhandlungen via Video

Seit März sind die Gerichtshöfe in Marokko per Dekret geschlossen. Nachdem mehrere Insassen positiv getestet wurden, war beschlossen worden, Häftlinge wegen der Gefahr der Ansteckung nicht mehr an Gerichtsverhandlungen teilnehmen zu lassen. Als Schutzmaßnahme gegen die Ausbreitung des Coronavirus führen marokkanische Gerichte seit Ende April Anhörungen besonders dringender Fälle per Videokonferenz durch. Im Gerichtssaal selbst sind dabei nur Richter und Anwälte anwesend - Angeklagte werden via Skype zugeschaltet.

Die neuen halb digitalen Verfahren sollen alle Beteiligten schützen, die Ansteckungsgefahr minimieren und einen fairen Prozess gewährleisten. Sie werden insbesondere für Strafverfahren eingesetzt. Der Generalstaatsanwalt des Gerichts des Landkreises Khouribga sprach in einem Fernsehinterview des Senders 2M von "einem Versuch des marokkanischen Gerichts im Schatten der Corona-Krise". In der ersten so geführten Verhandlung konnte der Anwalt seinen Mandanten vor einer längeren Haftstrafe bewahren.