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ROUNDUP/'Besserer Schutz, bessere Feuerkraft': Rheinmetall zeigt neue Rüstung

UNTERLÜSS/DÜSSELDORF (dpa-AFX) - Es ist eine Szene, die für Nicht-Rüstungsfachleute eher skurril anmutet - angesichts der neuen sicherheitspolitischen Lage aber irgendwie auch nachvollziehbar scheint. Kaum 100 Meter vor einer Besuchertribüne hat der Panzerbauer Rheinmetall <DE0007030009> einige Vorzeigeprodukte aufgereiht.

Dabei unter anderem: das Modell Puma, das die Bundeswehr laut Konzernchef Armin Papperger nun in großen Mengen bestellen will, und der Hightech-Kampfpanzer Panther, mit furchteinflößendem 130-Millimeter-Geschützrohr, langen Antennen und Mini-Erkundungsdrohne an Bord. Vor den Stahlkolossen steht ein "Infanterist der Zukunft", der mit allerlei Digital- und Waffentechnik ausgerüstet für die Kameras und Fotografen posiert.

Das Unternehmen will am Donnerstag zeigen, was es so alles im Angebot hat. Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) schaut auf einer Sommerreise in Unterlüß vorbei, wo Rheinmetall seinen wichtigsten deutschen Standort in der Rüstungssparte betreibt.

Auf 56 Quadratkilometern firmeneigener Fläche kann das Militärgerät - neben Panzern, Haubitzen und Spezial-Lkw auch Munition und andere Systeme - nach der Produktion geprüft und getestet werden. Zudem gibt es ein Entwicklungszentrum. Von den 13 600 Rheinmetall-Beschäftigten in Deutschland sind 2100 in dem kleinen niedersächsischen Ort tätig.

Und es sollen bald mehr werden. Von der neuen Rüstungskonjunktur, die Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine ausgelöst hat, will auch Rheinmetall profitieren. Papperger rechnet über die kommenden Jahre mit Milliardenaufträgen. Das kann man mögen oder nicht - er betonte schon im Frühjahr, dass bis zu 3000 zusätzliche Stellen entstehen sollen. "Wir rekrutieren massiv", sagt ein Konzernsprecher - um bis zu zehn Prozent jährlich könnte die Belegschaft demnach wachsen.

Lasertechnik, Gefechtsköpfe, kilometerweit schießende Geschützrohre, Artillerie, Verarbeitung von rund der Hälfte des europäischen Panzerstahls - das sind nur einige der Themen, um die es in der Südheide geht. "Wir wussten vor einigen Jahren nicht, dass dieser schreckliche Krieg kommt", meint der Rheinmetall-Chef zum aktuellen Aufwind der Branche durch den Ukraine-Konflikt. Es sei allerdings schon länger klar gewesen, dass in manchen Streitkräften "besserer Schutz, bessere Feuerkraft nötig" seien, findet Papperger.

Das 100-Milliarden-Euro-Aufrüstungsprogramm für die Bundeswehr soll auch das Rheinmetall-Geschäft antreiben. Für so manch einen in Berlin überraschend erklärt der Manager: "Gestern ist die Entscheidung im Ministerium gefällt worden, dass 111 Puma zweifellos bestellt werden. Die Vertragsverhandlungen beginnen nächste Woche."

Aus dem Verteidigungsressort gibt es für eine konkrete Zahl keine Bestätigung. Generell habe man nur über die Beschaffung zusätzlicher Exemplare entschieden. Eine Sprecherin verweist auf einen Tagesbefehl von Ministerin Christine Lambrecht (SPD) und Generalinspekteur Eberhard Zorn zu Veränderungen bei den Landstreitkräften. "In diesen Kontext fällt auch die Entscheidung zum Waffensystem Puma."

Papperger sagt, er gehe jedenfalls davon aus, im September einen abschließenden Vertrag zu haben. Der Puma ist ein Hauptfahrzeug, das Rheinmetall in Unterlüß fertigt. Althusmann meint zum angekündigten Vertrag: "Das war lange Zeit wackelig. Nun ist das ein wichtiges Signal. Wir leben in einer Zeit, in der die Rüstungsindustrie wieder einen ganz neuen Stellenwert bekommen hat."

Das späte, aber grundlegende Umdenken zur Stärkung der eigenen Verteidigungsfähigkeit ist das eine. Andererseits ringt die Politik weiter mit der Frage, wie man kurzfristig den Bitten der Ukraine um schnellere Waffenlieferungen nachkommen kann. Über einen Ringtausch könnten andere Länder beispielsweise ausgemusterte schwere Waffen von Deutschland kaufen, wofür sie dann ihrerseits eigene Rüstungsgüter an die ukrainischen Streitkräfte liefern könnten. Auf diese Konstruktion hofft Rheinmetall für eine Reihe Exemplare des alten Schützenpanzers Marder, konkret der Generation 1A3 aus den 1970er und 1980er Jahren.

Im Rahmen der Modernisierung dieses Typs seien jetzt bereits 30 Stück "in Arbeit genommen", sagt ein Firmensprecher beim Rundgang. Insgesamt ließen sich etwa 100 Marder "relativ einfach herrichten". Die Bundesregierung hat nach bisherigem öffentlichen Stand noch keine Entscheidung getroffen. Es gab international zuletzt auch Kritik an Deutschland wegen Zögerlichkeit bei versprochenen Waffenlieferungen.

Papperger geht von einer baldigen Genehmigung der Marder-Geschäfte aus. "Wir haben täglich Kontakt zum Kanzleramt, da ist Wille und Druck da", sagt er. Der Konzern will zudem ältere Ausgaben des Kampfpanzers Leopard 1 verkaufen: "Wir hätten 88 davon verfügbar."

Man sei so oder so "für mehrere Jahre gut ausgelastet", betonte der Vorstandsvorsitzende schon zum Auftakt des Treffens im "Gästehaus Waldfrieden" gegenüber dem Rheinmetall-Hauptcampus. Der entsprechende Bestellbestand bei dem Rüstungshersteller und Autozulieferer mit Hauptsitz in Düsseldorf könnte 2023/2024 auf 35 bis 50 Milliarden Euro wachsen. Zur Bilanzvorlage im März hatte Papperger geschätzt, dass man 2022 im Vergleich zum Vorjahr bei Militärgütern ein Umsatzplus von 20 Prozent schaffe. Vor Kriegsbeginn hatte er nur 10 Prozent erwartet. 2023 könnte das Plus mehr als ein Fünftel betragen.

Im Frühling brachte sich Rheinmetall in Stellung und bot der Bundesregierung ein langfristiges, 42 Milliarden Euro schweres Produktpaket an, das neben Munition und Lkw Panzer, Flugabwehrtürme und Hightech für die Infanterie enthielt. Die jüngste Entwicklung, der Panther, ist auch digital vernetzt. Das "neueste Baby in unserer Familie" bestaunen einige im Tross der Chefs mit einer Mischung aus Zuneigung und Ehrfurcht: "Er fährt wie eine Eins." Rheinmetall will in Unterlüß und Hermannsburg zum Jahresende zudem ein Rechenzentrum fertigstellen. Ein mittelfristiges Ziel laut Papperger: "Wir wollen auch autonom fahren und dies der Bundeswehr zur Verfügung stellen."

Althusmann - als Vize-Ministerpräsident derzeit im Landtagswahlkampf unterwegs - macht aus seiner Unterstützung für Rheinmetall, einen zentralen Arbeitgeber in der Region, keinen Hehl. "Wir wissen, dass kriegerische Auseinandersetzungen auch in Europa jederzeit möglich sind", sagt er. Die Bundeswehr müsse inmitten der Nato-Partner "gut aufgestellt, gut ausgerüstet" sein, um den neuen Risiken begegnen zu können. "Die Wachsamkeit bleibt der Preis der Freiheit."

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