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„Vergebene Liebesmüh“ – Rossmann-Chef kritisiert die geplante Mehrwertsteuersenkung

Raoul Roßmann bezweifelt, dass das Konjunkturpaket den Konsum belebt. Um die Innenstädte zu retten, fordert er stärkere Impulse – aber nur für ausgesuchte Bereiche.

Noch bevor das Konjunkturpaket der Bundesregierung überhaupt beschlossen ist, mehrt sich schon die Kritik daran. Nicht nur Experten, sondern auch Händler bezweifeln, dass von der geplanten Mehrwertsteuersenkung überhaupt eine Konsumwirkung ausgeht.

„Aus meiner Sicht ist die jetzt beschlossene Mehrwertsteuersenkung vergebene Liebesmüh. Von ihr wird kein wirklicher Impuls ausgehen“, sagt Drogerieunternehmer Raoul Roßmann dem Handelsblatt. Die drei Prozentpunkte lockten keine zusätzlichen Kunden in die Stadt.

„Die Steuersenkung fördert nach dem Gießkannenprinzip, statt die Unternehmen zu unterstützen, die wirklich in Not sind“, kritisiert Roßmann. „Letztlich wird sie nur die Sparquote erhöhen.“

Die Bundesregierung hat sich darauf geeinigt, die Mehrwertsteuer vom 1. Juli bis zum 31. Dezember von 19 auf 16 Prozent zu senken. Der ermäßigte Steuersatz soll von sieben auf fünf Prozent gesenkt werden.

Beschließen will das das Bundeskabinett voraussichtlich am 12. Juni. Die Politik erwartet, dass die Unternehmen die Steuersenkung komplett an die Bürger weitergeben und das einen Konjunkturimpuls gibt, der das Land „mit Wumms“ aus der Krise bringt, wie es Bundeswirtschaftsminister Olaf Scholz formuliert hat.

Doch nicht nur Roßmann ist skeptisch, ob diese Erwartungshaltung realistisch ist. „Der Konsumeffekt der Mehrwertsteuersenkung wird durch die Kaufzurückhaltung der Konsumenten beschränkt“, vermutet Lars Feld, Vorsitzender der Wirtschaftsweisen. Auch Michael Gerling, Geschäftsführer des Handelsforschungsinstituts EHI, hält die Senkung um drei Prozentpunkte für einen „Tropfen auf den heißen Stein“. Das werde dem Handel nicht helfen, ist er überzeugt.

Roßmann, Juniorchef der gleichnamigen Handelskette, geht noch weiter. Er fordert, die Mehrwertsteuer deutlich stärker zu senken, jedoch nur für ausgesuchte Bereiche. „Sinnvoller wäre eine Mehrwertsteuersenkung um fünf bis zehn Prozentpunkte – aber nur für die wirklich betroffenen Branchen. Der Onlinehandel müsste dabei generell ausgeklammert werden“, fordert er.

Zwar ist auch bei vielen Unternehmen aus dem E-Commerce der Umsatz in den vergangenen Monaten zurückgegangen. Doch gerade marktbeherrschende Onlinehändler wie Amazon gelten als größte Gewinner der Coronakrise.

Auch Alexander Birken, Chef des Handelskonzerns Otto Group, hatte im Gespräch mit dem Handelsblatt gesagt, dass die Plattform otto.de in den Monaten März und April über eine Million Neukunden gewonnen hat – das sind 300.000 mehr als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. „Das ist etwas, das wird das Unternehmen stärker machen“, sagte Birken.

„Umsatzverlust von bis zu 50 Prozent“

Genau das macht Unternehmer Roßmann Sorgen. „Wir brauchen jetzt nach der Beendigung des Lockdowns einen fairen Wettbewerbsvorteil für den stationären Handel“, sagt er. In der Politik herrsche doch Konsens, dass die Förderung der Innenstädte wichtig ist, wundert er sich. „Dann muss die Hilfe aber auch genau da ansetzen.“

Denn noch sind die Umsätze in den stationären Geschäften weit von den früheren Werten entfernt. Messungen der Passantenfrequenzen durch das Unternehmen Hystreet haben ergeben, dass drei Wochen nach Wiedereröffnung der Geschäfte im Schnitt gerade mal 56 Prozent der vergleichbaren Frequenzen des Vorjahres erreicht wurden.

Dazu kommt: Selbst Konsumenten, die den Weg in die Stadt finden, wird durch die strengen Hygienemaßnahmen und die Maskenpflicht häufig die Kauflaune verdorben, sodass die tatsächlichen Umsätze sogar noch niedriger liegen. Auch Drogerieunternehmer Roßmann berichtet: „In manchen Lagen haben auch wir zurzeit einen Umsatzverlust von bis zu 50 Prozent.“

Für ihn wäre es deshalb sogar kein Problem, wenn auch die Drogeriebranche von der Mehrwertsteuersenkung ausgenommen werde – „vorausgesetzt, es werden an anderer Stelle echte Anreize gesetzt“, wie er betont. „Das Unternehmen Rossmann profitiert von einer vollen Innenstadt mehr als von der Mehrwertsteuersenkung.“

Doch es geht Roßmann um mehr als nur die Umsätze im Handel. „Wir müssen mit aller Macht dafür sorgen, dass unsere Innenstädte attraktiv bleiben, die sind ein schützenswerter Raum“, warnt er. Die Innenstädte gingen langsam vor die Hunde, und die Coronakrise wirke dabei als Brandbeschleuniger.

Diese Sorgen scheinen mehr als berechtigt. Tausende Händler in Deutschland stehen vor dem Aus, die Innenstädte drohen zu veröden. Dies prognostiziert die jüngst veröffentlichte Studie „Handelsszenario 2030“ des Handelsforschungsinstituts IFH aus Köln, die im Februar fertiggestellt wurde und die zu befürchtenden Folgen der Corona-Pandemie noch gar nicht berücksichtigen konnte.

„Die besondere Dramatik ist, dass es selbst ohne die Coronakrise kein Szenario gibt, bei dem keine Betriebe verloren gehen“, sagt Boris Hedde, Geschäftsführer des IFH. „Im Jahr 2030 kann es im Extremfall bis zu 64.000 Handelsunternehmen in Deutschland weniger geben“, warnt er. Und der aktuell zu erwartende Nachfragerückgang durch die Corona-Pandemie verschärfe die Situation nun noch „in nie bekannter Weise“.

„Wir wollen doch keine amerikanischen Verhältnisse bekommen“, mahnt auch Roßmann. „Unsere Demokratie braucht einen funktionierenden öffentlichen Raum, eine Begegnungsstätte für die Bürger“, ist sich der Unternehmer sicher. „Und der Einzelhandel füllt erst die Innenstädte.“