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Roland Berger, sein Nazivater und die Schuld der deutschen Wirtschaft

Viele Jahre lang stilisierte Roland Berger seinen Vater zum Nazi-Opfer. In Wahrheit jedoch hat er von Arisierungen profitiert – und die NSDAP gefördert.

  • Jahrelang beschrieb Roland Berger seinen Vater als Widerständler und Opfer des Nazi-Regimes. Berger juniors Stiftung vergibt einen Preis für Menschenwürde, der auch an sein väterliches „moralisches Vorbild“ erinnern soll.

  • Handelsblatt-Recherchen zeigen jedoch: In Wahrheit war Bergers Vater frühes NSDAP-Mitglied, hoher Funktionär in der Hitler-Jugend und Profiteur von Arisierungen.

  • Geht es hier um bewusste Schönfärberei oder einen tragischen Fall von Selbstbetrug? Im Interview stellt Roland Berger sich gemeinsam mit dem jüdischen Historiker Michael Wolffsohn der Wahrheit.

  • Unternehmen, Regierungskommissionen, Netzwerke: Kaum ein Berater prägte die deutsche Wirtschaft nach der Adenauer-Ära so sehr wie Roland Berger.

  • Dunkle Ahnung: Was in der eigenen Firmenhistorie schlummert, wollen viele deutsche Unternehmer lieber nicht wissen. Zu groß ist die Angst vor finsteren Überraschungen.

Es ist ein Preis, der Roland Berger besonders am Herzen liegt: Eine Million Euro hat die Stiftung des profiliertesten deutschen Unternehmensberaters dafür ausgelobt, außerordentliche Verdienste um den Schutz der Menschenwürde auszuzeichnen. Mit der Verleihung will Roland Berger seit 2008 auch an jenen Mann erinnern, den er stets als sein moralisches Vorbild bezeichnete: Georg Berger, seinen Vater.

Wenn Berger ruft, kommen alle. Der mittlerweile 81-Jährige prägte die deutsche Wirtschaft und verfügt über ein Netzwerk der Sonderklasse. Schirmherren des Roland Berger Preises waren schon die Bundespräsidenten Christian Wulff und Horst Köhler, in der Jury saßen der ehemalige Außenminister Joschka Fischer, der frühere Präsident der Europäischen Kommission, Romano Prodi, und Friedensnobelpreisträger Kofi Annan. Wenn am kommenden Montag in Berlin der achte Roland Berger Preis für Menschenwürde vergeben wird, ist Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble der Festredner.

Viel Freund, viel Ehr – vor allem, wenn man eines bedenkt: Bergers Vater war nicht das aufrechte Nazi-Opfer, zu dem ihn sein Sohn in zahlreichen Interviews stilisierte. Ganz im Gegenteil: Berger senior war ein Profiteur des Hitler-Regimes.

13 Jahre lang gehörte Georg Berger der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) an. Er arbeitete als oberster Finanzchef der Hitler-Jugend, wurde 1937 von Adolf Hitler zum Ministerialrat ernannt, leitete später als Generaldirektor ein „arisiertes“ Unternehmen in Wien und wohnte in einer von ihren jüdischen Eigentümern beschlagnahmten Villa.

Das Handelsblatt recherchierte diese Details in monatelanger Arbeit. Konfrontiert mit den Ergebnissen, kam von Berger kein Dementi. Er engagierte den bekannten Historiker Michael Wolffsohn, einen Experten für deutsch-jüdische Geschichte. Gemeinsam sprachen sie nun vor wenigen Tagen erstmals über das wahre Gesicht von Georg Berger. Die bittere Bilanz seines Sohnes: „Wenn Sie so wollen: Ja, dann war es wohl ein ungewollter ‚tragischer Selbstbetrug‘, den ich mir da habe zuschulden kommen lassen“ (siehe Interview).

Die deutsche Geschichte bleibt komplex – und die Aufarbeitung zeitigt auch im Jahr 2019 vielerlei Facetten. Erst fünf Monate ist es her, dass die Keks-Erbin Verena Bahlsen mit ihren Worten zur NS-Geschichte ihres Familienunternehmens Empörung auslöste.

„Bahlsen hat sich nichts zuschulden kommen lassen“, sagte die Urenkelin des Gründers Werner Bahlsen, obwohl das Unternehmen in der NS-Zeit mehr als 200 Zwangsarbeiter beschäftigte. Kurz danach entschuldigte sie sich. Nun soll ein unabhängiger Historiker das Thema aufarbeiten – so wie das auch andere Unternehmen wie etwa Dr. Oetker bereits unternahmen.

Verena Bahlsen war 26 Jahre alt, als sie sich mit einer einzigen Äußerung an der deutschen Vergangenheit verhob. Roland Berger ist 81 und erzählt seit fast zwei Dekaden, sein Vater sei Opfer der Nationalsozialisten gewesen.

Dabei hätte er es besser wissen können. Die Widersprüche im Leben seines Vaters scheinen zu offensichtlich. So stellt sich die Grundfrage: Handelte es sich um einen Fall tragischen Selbstbetrugs oder um bewusste Geschichtsklitterung?

Vergangenheitsbewältigung ist ein schwieriges Thema in Deutschland. Die NSDAP hatte einst mehr als sieben Millionen Mitglieder. Die Kinder der Nazis sprachen selten über Verbrechen und Schuld.

„Die Ambivalenz zwischen der Liebe zu den Eltern und dem Bewusstsein, die Eltern haben Unrecht getan, ist eine Zerreißprobe für die Kinder“, erklärt die Soziologin Uta Rüchel. „Eine Verschönerung der doch so anderen Realität ist kein Einzelfall.“

Das gilt auch für diejenigen, zu denen andere aufblicken. Jahrzehntelang war Roland Berger die Nummer eins seiner Branche. Er beriet Wirtschaftsgrößen und Regierungen, lehrte an Universitäten, erhielt zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen.

Nichts, was Georg Berger je getan haben mag, schmälert die Lebensleistung seines Sohnes. Doch was immer Roland Berger zur öffentlichen Verklärung seines Vaters trieb: Naivität wäre eine merkwürdige Antwort bei einem sonst so versierten Menschenkenner.

Finanzchef der Hitler-Jugend

Roland Bergers erste öffentliche Sätze zum Papa stammen aus dem März 2003. Dem Berliner „Tagesspiegel“ sagte er damals, sein Vater sei zwar NSDAP-Mitglied gewesen, aber noch vor Kriegsbeginn „aus religiöser Überzeugung aus der Partei ausgetreten“.

Im Laufe der Zeit dramatisierte Berger die Rolle seines 1977 verstorbenen Vaters immer mehr. 2012 rühmte er ihn in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“: „Unter Gefahr für sein Leben hat er gezeigt: Mit mir nicht.“

Es war eine bewegende Geschichte, die Berger erzählte. Aber sie stimmt nicht. Das Handelsblatt hat historische Zeitungsartikel ausgewertet, zahlreiche Archive durchforstet und Georg Bergers Personal- sowie seine Strafakte studiert. Er war nicht der Mann, den sein Sohn beschrieb.

Georg Berger kam am 12. September 1893 in Würzburg zur Welt. Er lernte den Kaufmannsberuf, wurde im Januar 1911 Lagerbuchhalter in Kulmbach. Berger kämpfte im Ersten Weltkrieg und wurde am Arm verwundet. Nach Kriegsende arbeitete er frei für verschiedene Firmen, wurde im November 1922 Direktor der Tiroler Industriewerke; von 1927 bis 1934 war er selbstständiger Steuerberater und Treuhänder. Anschließend widmete er seine Arbeitskraft ganz der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei.

All das geht aus dem Personalfragebogen der Reichsleitung der NSDAP vom 22. September 1935 hervor, unterschrieben von Georg Berger selbst. Sein Sohn sagte später, Berger sei 1933 auf Anraten des Reichsbankpräsidenten Hjalmar Schacht in die NSDAP eingetreten.

„Er glaubte wohl auch, dass die Partei etwas Positives bewirken könnte“, so Berger junior gegenüber dem „Rotary Magazin“, das ihn weiter zitierte: „Nach der Reichskristallnacht 1938 wurde ihm klar, wohin das Ganze führen würde, nämlich in den Holocaust. Konsequent, wie er war, ist er deshalb schnell aus Hitlers Partei ausgetreten.“

Das stimmt nicht. Georg Berger trat schon zwei Jahre früher in die NSDAP ein – am 1. Juni 1931 – und zahlte seine Mitgliedsbeiträge bis September 1944. Im April 1934 wurde Berger Revisor in der Reichsleitung der NSDAP. Am 24. Februar 1935 leistete er im Münchener Bürgerbräukeller seinen Eid auf den Führer: „Ich schwöre: Ich werde dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes Adolf Hitler treu und gehorsam sein, die Gesetze beachten und meine Amtspflichten gewissenhaft erfüllen, so wahr mir Gott helfe.“

Am 10. Januar 1936 stieg Berger zum Reichskassenverwalter der Hitler-Jugend auf. Im November 1937, als sein Sohn Roland zur Welt kam, war der Vater oberster Finanzchef des Nazi-Nachwuchses, außerdem Verbindungsführer zu den Spitzenbehörden.

Berger führte eine Dienstpistole mit sich, eine Walther PPK, Kaliber 7,65. Seine Gesinnung verewigte er im Vorwort des Buchs „Verwaltungs-Dienstvorschriften für NSDAP-Hitler-Jugend“. Als Berger am 30. September 1939 aus seinen Ämtern schied, gab er gesundheitliche Gründe an. Er beantragte ein Dankschreiben von Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß – und bekam es auch.

Direktor einer „arisierten“ Fabrik

Das Handelsblatt bat Roland Berger vor einem Monat zum Gespräch. Wie kam er darauf, dass sich sein Vater 1938 unter Lebensgefahr mit dem Hitler-Regime anlegte, wenn Georg Berger doch in Wirklichkeit Spitzenfunktionär der NSDAP war und blieb?

Am 11. Oktober lud der Unternehmensberater in sein Büro in der feinen Münchener Maximilianstraße. An seiner Seite: Michael Wolffsohn. Der jüdische Historiker soll gemeinsam mit dem Historischen Institut der Universität Potsdam die Rolle von Bergers Vater in der NS-Zeit aufarbeiten. Schon jetzt, sagte Wolffsohn im Gespräch, sei eines klar: „Georg Berger war in der Tat Profiteur des NS-Systems.“

Roland Berger erzählte an jenem Nachmittag in München, dass er bislang das Gegenteil geglaubt habe, die Opfergeschichte: „Mir schien das alles plausibel“, sagte Berger. „Insofern gab es in mir keinerlei Zweifel.“

Das Bild von seinem Vater wurde mit den Jahren sogar immer vorteilhafter. Im November 2008 hob er seine Idealisierung auf eine neue Ebene: Die Roland Berger Stiftung entstand. Ausgerüstet mit 50 Millionen Euro Kapital aus Bergers Privatvermögen sollte sie sich für eine gerechtere Chancenverteilung in der Gesellschaft einsetzen. Außerdem lobte seine Stiftung den Roland Berger Preis für Menschenwürde aus. „Das geht auf meinen Vater zurück, einen überzeugten Christen“, erklärte Berger später der „Süddeutschen Zeitung“.

Bergers gute Taten blieben nicht unbemerkt. Am 15. November 2008 verlieh ihm das Jüdische Museum in Berlin den Preis für Verständigung und Toleranz. Die Jury um Museumsdirektor Michael Blumenthal postulierte: „Sein Engagement für Menschenrechte und Bildung begründet Roland Berger auch mit den Erfahrungen seiner Familie im nationalsozialistischen Regime. Sein Vater hatte sich öffentlich von der NSDAP distanziert und war 1944 verhaftet worden.“

Bergers bewusste oder unbewusste Lebenslüge erhielt damit ein moralisches Siegel, das niemand mehr hinterfragte. Alle deutschen Medien, das Handelsblatt eingeschlossen, glaubten ihm die Heldengeschichten seiner väterlichen Lichtgestalt in dunkler Zeit aufs Wort. Besonders treuherzig gab sich ein Magazin aus Hamburg.

„Exklusiv für ,Manager Magazin‘ hat der Erste Ratgeber der Republik sein Privatarchiv geöffnet und in etlichen Gesprächen eine Lebensbilanz gezogen“, schrieb die Redaktion in ihrer Titelgeschichte im November 2008. Als Kind habe Berger „miterlebt, wie entwürdigend der Vater im Dritten Reich behandelt wurde“.

Aufmüpfig sei sein Vater gewesen. Standhaft habe sich der Tiefgläubige gegen das Drängen der Nazis geweigert, er solle aus der Kirche austreten. Reichsjugendführer Baldur von Schirach habe gar verboten, Roland Berger zu taufen. Seine Eltern hätten sich nicht daran gehalten. Georg Berger habe sich als Geldverwalter geweigert, antireligiöse Veranstaltungen zu finanzieren. „Um ihn umzustimmen, bot man ihm den Posten eines Ministerialrats an“, hieß es in dem Artikel. Dabei hatte Hitler Georg Berger schon am 20. April 1937 zum Ministerialrat ernannt – sieben Monate vor Roland Bergers Geburt.

Es gab viele solcher Widersprüche, wenn Berger über seinen Vater sprach. Niemand fragte nach. In der Hamburger Erzählung der Lebensgeschichte von Georg Berger ging er im totalitären Regime aufrecht seinen Weg. „Berger verzichtete auf die vermeintliche Karriere und wechselte im Mai 1939 wieder in die freie Wirtschaft“, schrieb das „Manager Magazin“.

Und weiter: „Er stieg zum Generaldirektor der Ankerbrot-Werke auf, der größten Brotbäckerei Österreichs. … Berger war mit einem klassischen Saniererjob beauftragt worden. Er sollte die Ankerbrot-Werke entschulden, die Verluste minimieren und die Eigentumsverhältnisse ordnen.“

Freie Wirtschaft? Klassischer Saniererjob? Ankerbrot wurde 1891 von den jüdischen Brüdern Heinrich und Fritz Mendl gegründet. 1938 beschlagnahmte der Reichskommissar für die Behandlung feindlichen Vermögens ihr Unternehmen, die Familie Mendl flüchtete in die Schweiz, später in die USA und nach Neuseeland. Auf diese Weise „arisiert“, kam die Großbäckerei in öffentliche Zwangsverwaltung.

Dass Georg Berger Generaldirektor von Ankerbrot werden konnte, hatte System. „Führungskader der Hitler-Jugend wurden in Nazi-Deutschland bevorzugt behandelt“, erklärt der NS-Historiker Michael Buddrus. Einzelheiten regelte eine Verfügung von Hitlers Stellvertreter Heß. Diejenigen HJ-Führer, die einen anderen Beruf ergreifen wollten, waren „von allen Parteidienststellen in dem Bestreben zur Erlangung einer angemessenen Stellung zu unterstützen“.

Eine Prachtvilla in Wien

Und Berger senior wurde unterstützt. Der frischgebackene Chef zog von Berlin nach Wien, wohnte zehn Monate lang im Hotel Erzherzog Rainer. Dann machten ihm die Nazis eine Villa frei.

Das Anwesen in der Sternwartestraße 75 schmückt Wien noch heute. Es liegt im Cottage-Viertel, Anfang des 19. Jahrhunderts als Domizil für Beamte, Lehrer und Offiziere entworfen. Später siedelten sich hier Künstler an, zwei Häuser entfernt wohnte bis 1931 der Schriftsteller Arthur Schnitzler. Hinter der opulenten Villa, in die Familie Berger kurz vor Weihnachten 1941 einzog, lag im großen Garten ein Teich, erzählte Roland Berger später Journalisten. Hier lernte er im Winter als Dreikäsehoch das Schlittschuhlaufen.

Die Bergers hatten viel Platz. Ein Grundriss der Villa zeigt zwei Wohnzimmer, einen Speisesaal, ein Damen- sowie ein Herrenzimmer, zwei Kinder- und ein Kinderspielzimmer. Auf dem Dachboden gab es zwei Zimmer für Diener, eines für Gäste, eines zum Bügeln und ein Bedenkzimmer.

Die rechtmäßigen Eigentümer des Anwesens hießen Heinrich und Laura Kerr. Am 10. November 1938 nahmen Gestapo-Beamte dem damals 74 und 76 Jahre alten jüdischen Ehepaar sämtliches Bargeld ab, ihre Versicherungspolicen, Halsketten, Uhren, ja sogar Manschettenknöpfe und Krawattennadeln. Später beschlagnahmten die Nazis auch ihre Villa. Die Kerrs wurden ausgebürgert – wie viele Juden aus dieser Nachbarschaft.

In ihre Häuser zogen in der Regel ranghohe Nationalsozialisten. Die Sternwartestraße 75 wurde dem „arisierten“ Unternehmen Ankerbrot zugeschlagen, die Villa diente fortan als „Dienstwohnung“ für ihren Generaldirektor. Georg Berger ließ sich von seinem Aufsichtsrat ein Vorkaufsrecht einräumen. Die Haushälterin der Kerrs durfte bleiben; sie war arischer Abstammung.

Roland Berger hat all dies nie erwähnt, wenn er über seinen Vater sprach. Dabei sprach er viel. „Bis heute ist mein Vater für mich ein moralisches Vorbild. Er steht für Anstand und Mut“, sagte Berger dem „Focus“ im Juli 2012. Dem „Rotary Magazin“ sagte er im August 2015: „Wenn mein Vater etwas tat, war er davon auch überzeugt. Er war ein ernsthafter Überzeugungstäter.“

Im Frühjahr 1941 veranstalte Ankerbrot einen „kameradschaftlichen Gefolgschaftsabend“ in den Wiener Sofiensälen. Es war ein symbolträchtiger Ort. Im Mai 1926 gründete sich dort die NSDAP in Österreich, ab 1938 waren die Sofiensäle eine Sammelstelle für die zur Deportation bestimmten Juden. Genau hier führte SA-Obergruppenführer Alfred Proksch Berger in die Firma und Wiens Gesellschaft ein.

Proksch war ein Nazi der ersten Stunde. Er hatte die NSDAP in Österreich mit aufgebaut und verlor über seine glühende Verehrung für Hitler sogar seine Staatsbürgerschaft. Als die NSDAP 1933 in Österreich verboten wurde, floh Proksch nach Deutschland. 1938 kehrte er in seine inzwischen von Hitlers Truppen besetzte Heimat zurück und wurde Gruppenführer der Sturmabteilung (SA).

Am 15. März 1941 trat Proksch in den Sofiensälen vor die Ankerbrot-Belegschaft. Er war nun Träger des Goldenen Ehrenzeichens der NSDAP und Präsident des Landesarbeitsamtes Wien. Wenn dieser Mann einen neuen Chef vorstellte, wusste jeder der 2000 anwesenden Mitarbeiter, wie er Georg Berger einzuschätzen hatte.

Leben in Saus und Braus

Knapp ein Jahr später kam Berger erneut in die Sofiensäle. Am 2. Februar 1942 berichtete das „Neue Wiener Tagblatt“ von einem „Gefolgschaftsabend der Ankerbrotfabrik“, der dort am Samstag zuvor stattgefunden hatte. Ein Ballett tanzte, Kunstradfahrer führten ihr Können vor. „Auch die glänzenden Leistungen zweier Musikkapellen trugen dazu bei, dass von allem Anfang an unter den Anwesenden eine glänzende Stimmung herrschte“, schrieb die Zeitung. Berger sprach die Begrüßungsworte. Das Motto des Abends: „Die Front der Heimat grüßt die Front im Feld“.

In der Erinnerung seines Sohnes fand diese Nazi-Idylle nicht statt – im Gegenteil. Nachdem sein Vater nach der „Reichskristallnacht“ 1938 aus der NSDAP ausgetreten sei, so erzählte Roland Berger der „Süddeutschen Zeitung“, „hatten wir alle sechs bis acht Wochen die Gestapo im Haus. Die Gestapo kam auch noch, nachdem wir 1941 nach Wien gezogen waren … Die haben alles durchsucht, bis zum Kohlenkeller, um etwas gegen meinen Vater zu finden. Das ging bis ins Lächerliche. Uns hat mal eine Bäuerin aus Egglkofen, dem Heimatort meiner Mutter, eingelegte Eier geschickt. Die haben sie 1942 als Vorwand genommen, um meinen Vater das erste Mal zu verhaften.“

War es so? Dem Handelsblatt liegt die Handakte des Oberreichsanwalts beim Volksgerichtshof Wien von 1943 vor. Im Frühjahr des Vorjahres gab es demnach mehrere Anzeigen gegen Georg Berger, eine stammte vom Verkaufsleiter der Ankerbrot. Der war zum Kriegsdienst eingezogen worden und beschwerte sich, dass der daheim gebliebene Generaldirektor in seiner „Judenvilla“ in Saus und Braus lebte, während überall Lebensmittel und Kleidung rationiert waren.

Einzelheiten schildert ein Polizeibericht vom 20. Juni 1942. Berger habe seine Villa „mit einem unerhörten, in einem krassen Widerspruch zu den durch die Kriegslage gebotenen Sparmaßnahmen stehenden Aufwand“ ausgebaut, stand dort zu lesen.

22 seiner Mitarbeiter verbrachten demnach mitten im Krieg 3724 Arbeitsstunden damit, Bergers Prachtbau zu verschönern. Zwar warnte der Werksleiter der Ankerbrot, dass dadurch der Betrieb litt. Er habe aber „die Zurückziehung der Arbeiter von den Adaptierungsarbeiten nicht erreichen können“.

Die Kosten der Umbauten veranschlagten die Beamten mit 80.000 Reichsmark. Das entspräche einer heutigen Kaufkraft von mehr als 300.000 Euro. Berger zahlte davon laut Unterlagen ein Zehntel, das Unternehmen den Rest. Eigentlich hätte das Projekt einer Genehmigung des Arbeitsamts und der Gemeindeverwaltung bedurft, kritisierten die Polizisten. Berger habe die Vorschrift umgangen, indem er die Umbauten als „geringfügig“ deklarierte. Im Bericht wurde dies als „bewusste Täuschung“ festgehalten.

Die NS-Beamten werteten Bergers Aktivitäten als Kriegswirtschaftsverbrechen und leiteten ein Verfahren ein. Berger habe durch sein Verhalten als Betriebsführer das Ansehen der NSDAP geschädigt. Fast jeden Tag brachte laut den Ermittlungen ein Mitarbeiter „drei bis vier Kilo feine Backwaren“ ins Haus, ohne dass Berger dafür die vorgesehenen Lebensmittelmarken abgab. 3850 Kilogramm Heizmaterial, das „nur für den lebenswichtigen Betrieb der Firma bestimmt war“, soll Berger privat verfeuert haben.

Am 3. April 1942 beschlagnahmte die Gestapo 68 Eier, einen Topf mit zehn Kilogramm Talg, siebeneinhalb Stangen Butterschmalz und viereinhalb Kilogramm Schokolade in Bergers Villa. Das Horten von Nahrungsmitteln stand unter Strafe.

Am 16. Juni 1942 rückte die Gestapo erneut an und fand laut Protokoll 18 in einem Weinregal gelagerte, mit Butterschmalz gefüllte Flaschen, 30 Kilogramm Würfelzucker, 45 Flaschen Fruchtsäfte, 50 Kilogramm Bienenhonig sowie mehr als 300 Flaschen Sekt und Wein. Außerdem habe Berger in seiner Villa 130 Pakete Waschpulver, acht Kilo Kernseife sowie Möbel- und Kleiderstoff in rauen Mengen gebunkert.

Berger sagte später aus, er habe die Lebensmittel und Spinnstoffe kurz vor dem Krieg erworben. Bergers Ehegattin Thilde dagegen antwortete bei ihrer Befragung, sie habe das Butterschmalz 1941 von Verwandten erhalten – zwei Jahre nach Kriegsbeginn.

Die NS-Beamten stuften Berger nicht nur als Dieb ein, sondern auch als Betrüger. Er habe nach der ersten Durchsuchung das Butterschmalz in Weinflaschen umfüllen lassen, um die Polizei zu täuschen. Im Juli 1942 musste Berger den Vorstand der Ankerbrot AG verlassen. Seine Dienstvilla räumte er trotzdem nicht.

Roland Bergers Vater wurde nun tatsächlich zum Widerständler. 24 Monate lang verteidigte er seinen Prachtbau mit 600 Quadratmetern Ziergarten gegen die Nazis. Auskunft über seinen Kampf gibt das Staatsarchiv Wien.

Nach den dort verwahrten Unterlagen war die Traumimmobilie in der Sternwartestraße unter Nazi-Führern heiß begehrt. Berger hatte früh zugegriffen, 1942 wollte Alfred Proksch sie haben. Kaum war Berger bei Ankerbrot entlassen, meldete sich der Gauleiter bei der Wiener Verwaltung. Er beabsichtige, die Luxusvilla als Dienstwohnung in Anspruch zu nehmen, schrieb Proksch. Das Problem: Berger saß noch drin.

Er hatte gut verhandelt. Zwar zahlte er jeden Monat 305 Reichsmark an den Verwalter der Villa. Dieser Spottpreis deckte aber kaum die Grundsteuer und Betriebskosten. Während der Generalstaatsanwalt dem Landgericht Wien einen dringenden Tatverdacht gegen Berger wegen Kriegswirtschaftsverbrechen meldete, verwies Georg Berger auf seinen Mietvertrag: Darin war eine Kündigung nicht vorgesehen.

Unter totalitärer Herrschaft stritt sich Berger mit den Nazis um Vertragsklauseln. Weil er die Villa 1941 kaufen wollte, blieb ein mögliches Ende des Mietverhältnisses ungeregelt. Der Schriftverkehr zeigt, wie Berger die Nazi-Behörden ausmanövrierte: Man müsse ihm wohl eine Ersatzwohnung zur Verfügung stellen, schrieb der Präsident des Landesarbeitsamts am 16. Februar 1943 in einem Vermerk.

Doch entweder fand sich keine, oder Berger gefielen sie nicht. Ein Jahr später wohnte der Ex-Generaldirektor noch immer in der Sternwartestraße 75. Proksch beschwerte sich beim Staatsrat, er könne sich „nicht denken, dass diese doch an sich einfache Übertragung eines im Reichsbesitz stehenden Gebäudes“ so schwierig wäre.

Im Mai 1944 ging die Villa zwar über in den Besitz des Reichsarbeitsministeriums. Doch selbst als ein Vertreter des Gauarbeitsamts am 13. Juni 1944 zum Besichtigungstermin vorbeischaute, hielt Berger die Stellung. Erst später im gleichen Jahr setzten ihn die Nazis auf die Straße. Der Ausgang seines Verfahrens wegen Kriegswirtschaftsverbrechen ist unklar. Erst im zweiten Halbjahr 1944 wurde Berger offenbar aus der NSDAP ausgeschlossen.

Ein minderbelasteter Nazi

Roland Berger fasste den Abstieg seines Vaters ganz anders zusammen: „Politische Verfolgung und Krieg haben meinen Vater sehr verändert. Vorher war er ein wohlhabender, geachteter Unternehmer gewesen … Wegen Verschwörung gegen die NSDAP wurde er erstmals 1942, endgültig 1944 verhaftet. Man schickte ihn 1945 an die Ostfront, wo er in russische Kriegsgefangenschaft geriet.“ Manchen Medien erzählte Berger auch, sein Vater sei vor dem letzten Kriegseinsatz ins Konzentrationslager Dachau gekommen.

Das Handelsblatt hat alle Registerstellen gefragt, die dies bestätigen könnten. Die KZ-Gedenkstätte Dachau hat keinen Eintrag zu Georg Berger. Das International Center on Nazi Persecution in Bad Arolsen, dessen Kartei 50 Millionen Hinweise zu 17,5 Millionen Verfolgten der NS-Zeit umfasst, fand keine einzige Karte zu seiner Person.

Dasselbe beim Bundesarchiv Berlin Lichterfelde, dem Militärarchiv Berlin, dem Staatsarchiv Amberg, dem Bayerischen Hauptstaatsarchiv, dem Staatsarchiv München, dem Staatsarchiv Würzburg, dem Wiener Stadt- und Landesarchiv sowie dem Österreichischen Staatsarchiv. Nirgendwo gibt es Unterlagen, die Georg Berger als Insassen in Dachau, Justizopfer der Nazis oder Kriegsgefangenen der Sowjetunion identifizieren.

Für seine Taten und Ämter musste sich Berger erst später verantworten. Am 21. Juli 1947 verurteilte ihn die Spruchkammer des Internierungslagers Regensburg als „Minderbelasteten“ in der NS-Zeit. Berger erhielt 500 Reichsmark Strafe und zwei Jahre Haft auf Bewährung. In dieser Phase durfte er kein Unternehmen leiten, nicht selbstständig arbeiten oder als Lehrer, Prediger, Redakteur, Schriftsteller oder Rundfunkkommentator tätig sein.

Berger hatte ein Entnazifizierungsverfahren durchlaufen – so wie Millionen andere Deutsche. 95 Prozent aller Untersuchten wurden dabei von jeder Schuld entlastet, als „Mitläufer“ eingestuft oder blieben aus sonstigen Gründen ungestraft. Nur 0,05 Prozent galten anschließend als „Hauptschuldige“. 0,63 Prozent waren „schuldige Belastete“. In Bergers Kategorie der „Minderbelasteten“ landeten 4,1 Prozent der Untersuchten.

Historiker betrachteten später diesen Versuch der Vergangenheitsbewältigung der alliierten Siegermächte als problematisch. „Es wurde bei den Entnazifizierungsprozessen viel gelogen. Oft halfen Verwandte, Freunde oder Personen, die in Abhängigkeit zu den Beschuldigten standen, und stellten ihnen Persilscheine aus“, erläutert NS-Forscher Helmuth Rönz. „Auf die Einordnung in die Kategorie Minderbeteiligter kann man sich nur schwer verlassen.“

Georg Bergers Entnazifizierungsakte scheint dies zu bestätigen. Angesichts seiner Ämterhäufung und Ranghöhe in der NSDAP sei er als Hauptschuldiger einzustufen, vermerkten die Richter. Zahlreiche Zeugen hätten aber zu seiner Entlastung ausgesagt. Demnach sei Berger „nur auf dem Papier“ Ministerialrat gewesen und habe später bei der Ankerbrot Fabrik „sofort den Kampf gegen die von der Partei betriebene Korruption aufgenommen“. Zudem habe er sich „gegen die von der Partei und Gestapo betriebene Arisierung des Unternehmens gewendet“.

Beweise dafür fehlen in der Akte. Während kein anderes Archiv Unterlagen zu Bergers angeblichem Widerstand gegen die Nazis, seiner Verurteilung oder seiner Kriegsgefangenschaft findet, wurde ihm dies von den Richtern der Spruchkammer in Regensburg offenbar einfach geglaubt. Aus dem Urteil: „Die Kammer ist zu der Überzeugung gekommen, dass der Betroffene nach dem Maß seiner Kräfte Widerstand geleistet und dadurch Schaden erlitten hat.“

Opportunismus und eine Karriere in der NSDAP führten nicht zu einer Haftstrafe. Berger allerdings empfand auch die Einstufung als Minderbelasteter noch als zu hart. Er ging in Berufung. Der Kassationshof im Bayerischen Staatsministerium für Sonderaufgaben akzeptierte dann seine „politische Verfolgung von 1944“, bestätigte am 22. Juli 1948 aber die Einschätzung der ersten Instanz: Berger hatte „die NSDAP durch seine Tätigkeit wesentlich gefördert“.

Handelsvertreter nach dem Krieg

Georg Berger wollte das Urteil nicht wahrhaben. Das Gerechtigkeitsempfinden seines Vaters war nach der Entnazifizierung auf ewig gestört, erzählte sein Sohn im Jahr 2008 dem „Manager Magazin“. Der „Süddeutschen Zeitung“ sagte er noch im vergangenen Jahr: „Es war schon sehr schwer für ihn – auch die Tatsache, dass er von den Amerikanern ausgerechnet in Dachau inhaftiert wurde.“

Georg Berger war nie in Dachau. Sein Internierungslager befand sich 120 Kilometer nördlich – in Regensburg. Die Lebensbedingungen dort waren zweifellos hart. Ein Vergleich der Kalorienwerte der Lagerverpflegung mit denen der Nahrungsrationen in der amerikanischen Besatzungszone zeigt allerdings, dass die Insassen teils besser versorgt waren als die Zivilbevölkerung. Die Häftlingszeitung „Der Lagerspiegel“ zeugt auch von einem reichhaltigen Kulturbetrieb – inklusive „Kabarett, Konzerten und Kasperletheater“.

Trotzdem, so klagte Roland Berger später, war die Strafe für seinen Vater zu viel. „Aus dem Helden meiner Kindertage war ein Mann geworden, der auf eine faire Chance in seinem Leben nicht mehr hoffte.“ Mühsam habe sich der Vater eine neue Existenz als selbstständiger Handelsvertreter aufgebaut. „Doch richtig Großes stellte er im Geschäftlichen – früher seine große Leidenschaft – nicht mehr auf die Beine.“

Ganz anders der Sohn: Roland Berger machte sich in der Nachkriegsgeschichte der deutschen Wirtschaft einen Namen wie kaum ein anderer. Am Montag vergibt seine Stiftung den Roland Berger Preis für Menschenwürde 2019. Die Bühne der Feier wird das Jüdische Museum in Berlin.

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