Deutsche Märkte öffnen in 9 Minuten

Der riskante Alleingang des Degussa-Chefs

Blume, Jakob
·Lesedauer: 7 Min.

Der große Goldhändler Degussa hat zuletzt einen Rekordumsatz erzielt. Doch der umstrittene Chef Markus Krall hat sich für eine ungewöhnliche Strategie entschieden.

Markus Krall ist ein Mann der Zahlen. Vor seinem Antritt als Degussa-Chef Mitte September 2019 hat er über zwei Jahrzehnte Banken im Risikomanagement beraten. Auf seinen zahlreichen Vorträgen präsentiert er nun gern Zahlen, wie die Banken „uns bilanztechnisch an der Nase herumführen“ und „so tun, als wäre die Ertragslage besser, als sie ist“. Umso gespannter blickt die Edelmetallbranche auf die erste Bilanz, die der Goldhändler Degussa unter Kralls Führung vorgelegt hat.

2019 hat das Unternehmen ihren Umsatz gegenüber dem Vorjahr um 85 Prozent gesteigert, von 1,4 Milliarden auf knapp 2,6 Milliarden Euro, wie aus den kürzlich im Bundesanzeiger veröffentlichten Zahlen hervorgeht. Das ist der höchste Umsatz in der Geschichte des Unternehmens.

Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich: Die Margen stehen unter Druck, und bei der Profitabilität hinkt Deutschlands größter bankenunabhängiger Edelmetallhändler Wettbewerbern wie Pro Aurum hinterher. Zudem stieg die Verschuldung deutlich an. Im Sommer 2020 gewährte der Degussa-Eigner August von Finck junior dem Unternehmen zusätzlich eine Eigenkapitalspritze. Krall ließ Fragen des Handelsblatt unbeantwortet.

Die Branche blickt auch deshalb gespannt auf die Bilanz der Degussa, da ihr Chef so stark polarisiert wie kein anderer Goldhändler. Lockt das die Massen an – oder stößt es sie eher ab? Krall hatte bereits kurz nach seinem Amtsantritt mit markigen Worten für Aufsehen gesorgt: Auf der Münchener Edelmetallmesse im November 2019 bezeichnete er die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank als den „Maschinenraum des Völkerselbstmords“. Seine Bücher, in denen er ein Zusammenbruch des Euros und eine schwere Wirtschafts- und Finanzkrise prognostiziert, landeten in den Bestsellerlisten.

In den vergangenen Monaten beschäftigte sich Krall auf dem Kurznachrichtendienst Twitter, wo er mehr als 33.000 Follower hat, praktisch mit jedem kontroversen politischen Thema. Er verbreitete dort Thesen, wonach US-Präsident Donald Trump nur mit massiver Wahlfälschung aus dem Amt gedrängt worden sei („Trump hat verloren. Nicht weil der Wahlbetrug nicht beweisbar gewesen wäre, sondern weil er die Beweise nicht vorlegen durfte.“).

Oder er stellte die rasante Verbreitung des Coronavirus infrage („Woran erkennen wir, dass es gar keine echte Pandemie gibt? An der Tatsache, dass der Staat die Angst vor dem Virus mit der Angst vor Strafe ersetzen muss, um die Leute zu angeblich ‚vernünftigem‘ Verhalten zu zwingen.“).

Dabei sind es gerade die Edelmetallhändler, die von der Coronakrise profitieren, denn Gold gilt als sicherer Hafen. Die Deutschen kauften zuletzt so viel davon wie noch nie. Wie stark Degussa diesen Boom für sich nutzen konnte, wird erst die Bilanz für das Geschäftsjahr 2020 zeigen. Aber schon im Bericht 2019 zeigte der Trend nach oben, darin heißt es: „Umsatz und Rohergebnis der Degussa Goldhandel GmbH haben sich gegenüber dem Vorjahr deutlich erhöht“ – und das nach „einem vergleichsweise schwachen ersten Halbjahr“.

Ein Effekt, den viele Goldhändler beobachteten: Im Dezember 2019 strömten Edelmetallfans in Scharen in die Filialen von Degussa, Pro Aurum und Co. um sich noch mit Gold einzudecken, bevor im Januar 2020 die Bargeldobergrenze für einen anonymen Goldkauf von 10.000 Euro auf 2000 Euro abgesenkt wurde.

Ein genauer Blick in die Bilanz legt jedoch nahe, dass es nicht ausschließlich das margenstarke Geschäft mit Privatkunden gewesen sein kann, mit dem die Degussa ihren Umsatz gesteigert hat. Denn dann hätte das Wachstum des Rohergebnisses, also Umsatz abzüglich der Materialkosten, mit dem Umsatz Schritt halten müssen. Doch während der Umsatz um 85 Prozent stieg, legte das Rohergebnis aus dem Handelsgeschäft nur um 56 Prozent zu.

Kennziffer sorgt für Verwunderung

Die Degussa selbst schreibt in ihrer Bilanz: „Neben den Umsatzerlösen ist dabei insbesondere die Rohmarge der Geschäfte, als finanzieller Leistungsindikator, maßgeblich für die Ertragslage der Gesellschaft.“ Doch genau diese ist gefallen, von 1,65 auf rund 1,4 Prozent. Wettbewerber Pro Aurum erreichte im gleichen Geschäftsjahr 2,3 Prozent, wie sich aus der im Bundesanzeiger veröffentlichten Bilanz herauslesen lässt. Und noch eine Kennziffer sorgt in der Branche für Verwunderung: der gemessen am Umsatz von fast 2,6 Milliarden Euro geringe Jahresüberschuss der Degussa von 5,8 Millionen Euro. Zum Vergleich: Pro Aurum hat rund sieben Millionen Euro Gewinn gemacht – bei der Hälfte des Umsatzes.

Die Degussa gehört auf Vergleichsportalen wie www.gold.de eher zu den teuren Anbietern. Ein Krügerrand kostete dort Mitte Januar mehr als sechs Prozent Aufschlag auf den Spotmarktpreis pro Unze. Wettbewerber verlangten zwischen 3,5 und vier Prozent.

Im Umkehrschluss bedeutet das: Ein Teil des Umsatzplus dürfte auf margenschwächeres Geschäft mit großen institutionellen Kunden zurückgehen. Alternativ könnte die Degussa gezwungen gewesen sein, Ware bei Konkurrenten zu kaufen, weil das Lager leer war. Für möglich halten es Branchenkenner auch, dass die Substantia AG, das Family Office der Degussa-Eigentümerfamilie von Finck, Goldkäufe über den eigenen Händler abgewickelt hat.

Ein Museum als Millionengrab

Der Eigner, Milliardär August von Finck junior, stützt die Gesellschaft seit Jahren mit Eigen- und Fremdkapital – und von beidem braucht die Degussa offenbar viel. 2019 haben sich die Verbindlichkeiten gegenüber den Gesellschaftern nahezu verdoppelt, von 27,6 auf 52,5 Millionen Euro. Nachdem 2019 die Eigenkapitalquote gesunken war, schoss von Finck neun Millionen Euro Stammkapital nach, wie aus einem Eintrag im Handelsregister von Juni 2020 hervorgeht.

Ein Grund für den hohen Kapitalbedarf dürfte die Goldkammer sein, ein von Degussa betriebenes Goldmuseum im feinen Frankfurter Westend. Das Museum wurde noch vor Kralls Amtsantritt eröffnet, im Mai 2019. Der Bau entwickelte sich zum Millionengrab.

Statt geplanter 25 Millionen Euro soll er 44 Millionen gekostet haben, berichten mehrere Insider übereinstimmend. Zudem blieben die Besucherzahlen deutlich hinter den Erwartungen zurück: Insider berichten lediglich von einer niedrigen zweistelligen Zahl von Besuchern, die vor dem Lockdown täglich die Goldkammer besuchten.

Seit dem Lockdown kommt niemand mehr – doch die Kosten laufen weiter. „Wir gehen davon aus, dass die Goldkammer Frankfurt das Gesamtergebnis der Gesellschaft auch im Geschäftsjahr 2020 beeinflussen wird“, heißt es in der Degussa-Bilanz. Kralls Vorgänger im Vorstand hatten versucht, gegenüber den Eignern durchzusetzen, dass die Belastungen durch die Goldkammer nicht der Degussa aufgebürdet werden – ohne Erfolg.

An den internen Strukturen hat er bereits einiges verändert, so tauschte er den kompletten Vorstand aus: Spätestens ab Juni 2020 verließ Arnd Gollan die Degussa, seit Weihnachten ist nach Handelsblatt-Informationen auch Finanzvorstand Markus Weiß nicht mehr dabei. Beide Manager waren für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Auch sonst hat Krall aufgeräumt. So beendete er die Zusammenarbeit mit einem Dienstleister aus der Bankenbranche, wie Eingeweihte berichten. Der Dienstleister hatte jahrelang die komplette Logistik für die Degussa abgewickelt, vom Gold-Versand in die Filialen bis zum Verpacken von Paketen für Käufer des Onlineshops.

Seit dem Frühjahr letzten Jahres macht die Degussa nun alles selbst in ihrem Logistikzentrum in Rödermark im Kreis Offenbach. Ob sich das lohnt, muss die Bilanz 2020 zeigen. In Bankkreisen, so ist zu hören, sei man jedoch nicht unglücklich darüber, dass die Zusammenarbeit beendet ist – angesichts der Schlagzeilen, die der Degussa-Chef regelmäßig macht.

Wochenlang ohne Ware?

Zudem berichten Konkurrenten, die Degussa habe sich weitgehend aus dem Handel zwischen den Goldverkäufern zurückgezogen. Der ist zwar ebenfalls margenschwach, kann aber mitunter wichtig sein, um in Zeiten hoher Nachfrage lieferfähig zu bleiben.

Das zeigte sich beim ersten Höhepunkt der Coronakrise, wie ein Konkurrent berichtet: Während des Lockdowns im März 2020 brachen die globalen Gold-Lieferketten zusammen. „Die Degussa war praktisch fünf Wochen ohne Ware“, spottet der Rivale.

Im Webshop der Degussa waren, wie bei einigen anderen Wettbewerbern auch, im März und April ungewöhnlich lange Lieferzeiten angegeben. Allerdings hat Krall Darstellungen, nicht liefern zu können, seinerzeit öffentlich zurückgewiesen.

Entscheidend dürfte am Ende sein, ob die internationalen Lieferanten der Degussa die Treue halten. Dazu zählen etwa der Schweizer Barrenhersteller Valcambi, die südafrikanische Rand Refinery oder Perth Mint aus Australien.

Die Perth Mint, Australiens größter Barrenhersteller, teilte auf Anfrage mit, die Medienberichte zur Degussa aufmerksam zu verfolgen. Sie würden standardmäßig „von unserem Risiko- und Compliance-Team geprüft“. Sollten die Partner abspringen, wäre auch der Wachstumskurs der Degussa gefährdet.