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Global Risk Report: Risikoexperten fürchten neue Ansteckungswelle

Die Risiken der Pandemie sind vielfältig, zeigt der Global Risk Report des WEF. Auch Cybersicherheit und das Klima beschäftigt die Risikomanager.

Besonders eine zweite Ansteckungswelle könnte der Wirtschaft schwer schaden. Foto: dpa

Die Sorge über eine lange wirtschaftliche Rezession mit hoher Arbeitslosigkeit und sozialen Unruhen sowie die Angst vor einer zweiten Ansteckungswelle der Corona-Pandemie bestimmen weltweit die Zukunftserwartungen von Entscheidungsträgern aus Wirtschaft und Politik.

Das sind die wichtigsten Ergebnisse eines Sonderberichts des World Economic Forum (WEF), der dem Handelsblatt exklusiv vorliegt. Dazu hat das WEF in Zusammenarbeit mit der Beratungsfirma Marsh & McLennan und der Zurich Versicherung weltweit rund 350 Risikoexperten befragt.

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Zwei Drittel von ihnen halten eine lange globale Rezession in den nächsten 18 Monaten für sehr wahrscheinlich. Ein Großteil befürchtet, dass damit Firmenpleiten insbesondere bei mittelständischen Unternehmen sowie eine Konsolidierungswelle in vielen Branchen verbunden sein werden.

Nicht nur die wirtschaftlichen Folgen bereiten den Managern und Politikern Sorgen, auch die Angst vor einer zweiten Ansteckungswelle ist groß. Gemessen an den möglichen Folgen halten 40 Prozent eine neue Pandemie für die größte Bedrohung, der sich die Welt im Moment gegenübersieht.

Bei den Risikoexperten der Unternehmen sind es 35 Prozent, die eine neue globale Infektionswelle als größte Gefahr für ihre wirtschaftliche Zukunft sehen. „Regierungen, die einen erneuten Ausbruch und Versorgungsengpässe befürchten, könnten langfristig versuchen, ihre Abhängigkeit von Lebensmittelimporten oder der Einfuhr medizinischer Güter durch harte Handelsschranken zu minimieren“, warnen die WEF-Experten vor wachsendem Protektionismus.

Der Schutz des Klimas und der biologischen Vielfalt sei eng mit einem Teufelskreis verbunden, der das Risiko künftiger Pandemien mit sich bringe. Es gebe immer mehr Anzeichen dafür, dass großflächige Ausbrüche von Infektionskrankheiten häufiger werden könnten, wenn in Permafrostböden oder Polareisschilden gespeicherte Viren aufgrund der globalen Erwärmung freigesetzt würden.

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Schon früh Warnung vor Pandemie

Normalerweise legt das WEF Anfang jeden Jahres seinen „Global Risk Report“ zu den größten Risiken für die Weltwirtschaft vor. Darin hat das Forum immer wieder vor den Gefahren einer Pandemie gewarnt. So wies die Genfer Organisation in ihrem jüngsten Jahresbericht Mitte Januar darauf hin, dass die Gesundheitssysteme in vielen Ländern auf eine globale Infektionswelle nicht vorbereitet seien.

„Wir kennen die Risiken, nehmen sie aber oft nicht ernst genug“, hatte WEF-Präsident Børge Brende jüngst in einem Handelsblatt-Interview gemahnt. Angesichts der katastrophalen Folgen der Coronakrise sieht sich das WEF jetzt gezwungen, seine Risikowarnungen zu erneuern.

Der Schock der Pandemie hat nach Aussagen des Forums die Schwachstellen vieler Volkswirtschaften offengelegt: „Wir sind nicht bereit für die Dominoeffekte weitreichender ökologischer, gesellschaftlicher und technologischer Folgen der Pandemie“, heißt es in dem Sonderbericht. Zu den größten Schwachstellen zählt die Genfer Organisation die Cybersicherheit.

Bei den Unternehmen steht die Angst vor Cyberattacken und Datenmissbrauch nach den unmittelbaren wirtschaftlichen Folgen der Pandemie an dritter Stelle. „Eine größere Abhängigkeit von der Technologie hat die Cyberrisiken erhöht“, schreibt das Forum. Nach Ansicht von 38 Prozent der befragten Risikoexperten bieten neue Arbeitsmuster wie zum Beispiel das Homeoffice Angriffsflächen für Cyberattacken und Datenbetrug.

Die enormen Hilfsprogramme für die Wirtschaft werden nach Meinung des WEF die öffentliche Verschuldung in vielen Ländern deutlich erhöhen. Allein in den entwickelten Industrieländern werde die durchschnittliche Schuldenquote in diesem Jahr von zuvor 105 auf 122 Prozent steigen, betont das Forum. Zugleich würden die Auslandsinvestitionen um bis zu 40 Prozent einbrechen. Fast 40 Prozent der befragten Risikoexperten machen sich über die Auswirkungen der Pandemie auf die öffentlichen Haushalte die größten Sorgen.

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Machtverschiebung zwischen Wirtschaftsregionen

Die wirtschaftlichen Folgen könnten auch zu einer Machtverschiebung zwischen den großen Wirtschaftsregionen führen, wobei die Euro-‧Zone vermutlich am härtesten getroffen werde. Anders als die meisten G20-Länder könne China zumindest noch mit einem Wirtschaftswachstum in diesem Jahr rechnen. „Solche Verschiebungen können den globalen Einfluss neu verteilen und eine stärkere Regionalisierung fördern“, warnen die WEF-Experten. Geoökonomische Spannungen könnten zudem die wirtschaftliche Erholung erschweren.

Ian Bremmer sieht die Pandemie auch als einen Stresstest für die internationale Politik: „Länder mit starken Führungspersönlichkeiten, die das Coronavirus schon früh ernst nahmen und die Autorität und die Ressourcen hatten, um darauf zu reagieren, gehören sicherlich zu den Gewinnern. Unter den großen Volkswirtschaften sind dies Südkorea und Deutschland“, sagte der Chef der New Yorker Risikoberatung Eurasia Group.

Die beiden Großmächte China und USA sieht Bremmer dagegen eher auf der Verlierer‧seite: „Peking hat alle möglichen Fehler bei der Reaktion nach Ausbruch des Virus gemacht. Die Gefahren wurden unterschätzt und vertuscht.“ Dennoch profitiere China von dem geopolitischen Vakuum, das die USA und andere Länder zugelassen hätten.

Auch wenn Peking nicht willens oder fähig sei, in die Fußstapfen Amerikas zu treten, sei das Land durch seine dominierende Position im Handel, im Kreditwesen und bei den internationalen Wertschöpfungsketten in der Lage, die Standards für die meisten Volkswirtschaften mit niedrigem und mittlerem Einkommen zu setzen.

Das WEF sieht in der Coronakrise jedoch auch eine Chance, schon vor der Pandemie erkennbare Defizite zu beseitigen. „Der Ausbruch hat gezeigt, dass es entscheidend ist, existenzielle Risiken im Blick zu behalten, und der Klimawandel ist eines davon“, sagte Peter Giger, Chief Risk Officer bei Zurich. Veränderungen in den Arbeitsgewohnheiten und in der Einstellung gegenüber Reisen, Pendeln und Konsum hätten neue Wege aufgezeigt, um eine kohlenstoffärmere und nachhaltigere Zukunft zu erreichen.

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