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Renten am Morgen: Auf dem Weg in die Transferunion?

Dirk Gojny
·Lesedauer: 6 Min.

(Bloomberg) -- Die deutsch-französischen Vorschläge zur Ausgestaltung eines Wiederaufbaufonds haben die Investoren auch am Dienstag beschäftigt. Obwohl die Überlegungen umstritten bleiben und ihre Implementierung aufgrund der notwendigen Zustimmung aller Staaten der Europäischen Union einige Zeit beanspruchen wird, setzten die Anleger darauf, dass die unterbreiteten Ideen die Basis für einen Kompromiss innerhalb der Europäischen Union sein werden.

In einer Woche wird die EU-Kommission dann ihr Dokument vorlegen. Hierzu gibt es inzwischen weitere Wünsche aus Italien. Der italienische Ministerpräsident will laut Informationen des Corriere della Sera ein größeres Volumen für den Fonds als die vorgeschlagen 500 Milliarden Euro fordern.

Bevor die Überlegungen der Kommission auf dem Tisch liegen, dürfte es einen weiteren Vorschlag geben, der unter der Führung Österreichs erarbeitet wird. Dieser wird wahrscheinlich keine Transfers vorsehen. Österreich weigert sich zusammen mit einigen anderen EU-Ländern, in eine, wenn auch zeitlich befristete Transferunion einzusteigen.

Nichtsdestoweniger konnten die Kurse der Staatsanleihen der Länder, die von dem deutsch-französischem Modell vermutlich am meisten profitieren werden, am späten Montagnachmittag aber noch nicht deutlich zulegten, am Dienstag ihre Underperformance gegen die italienischen Staatsanleihen ein wenig eingrenzen.

Griechische Staatspapiere führten die Gewinnerliste vor den Bonds von der iberischen Halbinsel an. Neben Italien sind aus dem Euroraum Griechenland, Portugal und Spanien von der Pandemie besonders hart getroffen. Zugleich gehören die Länder zu der Gruppe mit den schwächsten Kreditqualitäten und den höchsten Verschuldungsquoten gemessen am Bruttoinlandsprodukt in der EU.

Entsprechend attraktiv wären Transfers im Vergleich zu einer zusätzliche Aufnahme von Krediten, selbst wenn dazu die deutlich günstigeren Konditionen in Anspruch genommen würden, die der ESM über seine Kreditlinien anbieten kann.

Da Deutschland aufgrund seiner Wirtschaftskraft den größten Teil zur Refinanzierung des Wiederaufbaufonds und damit der Transfers über den EU-Haushalt beitragen müssten, zeigten die Bunds gegen ihre Peers am Dienstag ein Underperformance. Die Renditen österreichischer oder niederländischer Staatspapiere gaben am langen Ende der Zinskurve deutlicher nach

US-Notenbankchef Jerome Powell äußerte am Dienstagnachmittag wieder Altbekanntes vor dem Bankenausschuss des Senats. Auch in der Frage- und Antwortrunde ließ er sich keine neuen Aussagen entlocken, sondern betonte die anhaltende Handlungsbereitschaft der Fed, sich gegen die Auswirkungen der wirtschaftlichen Folgen der Pandemie zu stemmen.

Die Vorgaben aus dem asiatischen Handel mit überwiegend etwas verbesserten Aktienmarktnotierungen sowie steigenden US-Aktienfutures und kaum geänderten Kursen der Treasuries sprechen für einen etwas schwächeren Handelstart für Anleihen aus den Kernländern.

Bund sollten tendenziell underperformen, da die Fondspläne weiterhin nachwirken. Die Aufstockung der aktuellen 10-jährigen Bundbenchmark sollte ebenfalls etwas belasten. Die Peripherie sollte ihre Kursgewinne vom Dienstag halten können.

Konjunkturdaten - Mittwoch

Im Verlauf des Mittwochs werden keine Wirtschaftsdaten veröffentlicht, die die Bondmärkte bewegen könnten. Bei den Preisdaten aus dem Euroraum handelt es sich um die endgültigen April-Werte. Die diversen Leistungsbilanzdaten sind aus dem März. Dementsprechend werden sie ebenfalls keine Beachtung finden.

Lediglich die Schnellschätzung für das Konsumentenvertrauen der Europäischen Kommission für den Mai dürfte etwas mehr Aufmerksamkeit erhalten. Die von Bloomberg gefragten Volkswirte gehen von einem weiteren Rückgang aus. Allerdings dürfte selbst eine Stimmungsverbesserung kaum auf die Bondkurse durchschlagen. Der Weg zur Erholung der Wirtschaft ist noch weit.

Am Nachmittag äußern sich mit Raphael Bostic und James Bullard (stiimberechtigt) zwei US-Notenbanker. Neue Botschaften dürfte es nach Jerome Powells Auftriit am Vortag nicht geben. Auch die Veröffentlichung des Protokolls der letzten Tagung des Offenmarktausschusses wird nichts Neues an Informationen beinhalten.

Dort dürften sich die Argumente für die zahlreichen geldpolitischen Maßnahmen finden lassen, die von den Notenbankern in den vergangenen Wochen immer wieder erläutert wurden. Außerdem dürften die Fed-Vertreter ihre Handlungsbereitschaft signalisiert haben, sollten sich die wirtschaftlichen Perspektiven in den USA weiter verschlechtern - nichts Neues also.

Konjunkturdaten - Donnerstag

Die wichtigsten Wirtschaftsdaten der Woche werden jedoch am Donnerstag veröffentlicht: Die Schnellschätzungen für die Markit Einkaufsmanagerindizes für das verarbeitende und das Dienstleistungsgewerbe aus Deutschland, Frankreich, dem Euroraum und am Nachmittag den USA.

Die von Bloomberg befragten Volkswirte erwarten durchweg erhebliche Stimmungsverbesserungen, was auf die das allmähliche Anfahren der wirtschaftlichen Aktivität im Euroraum zurückzuführen ist. Die Daten dürften jedoch weiterhin anzeigen, dass die rezessiven Tendenzen anhalten werden. Entsprechend sollte auch die leichte Aufhellung der wirtschaftlichen Perspektiven das Niedrigzinsumfeld tendenziell stützen.

Außerdem wird die Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosenunterstützung veröffentlich, die auf 2,4 Millionen gesunken sein soll. Sofern diese Größenordnung sich als zutreffend erweisen sollte, befände sich der US-Arbeitsmarkt immer noch im freien Fall mit den entsprechenden Auswirkungen auf den privaten Verbrauch. Die Daten sollten die Kurse der Treasuries am Donnerstag tendenziell stützen.

Primärmarkt

Auch am zweiten Tag wurde die BTP Italia von den Privatanlegern sehr gut nachgefragt. Insgesamt kamen Orders von rund 4,8 Milliarden Euro am Dienstag zusammen, so dass das gesamte Auftragsvolumen bereits bei rund 8,8 Milliarden Euro liegt.

Damit dürfte dem italienischen Staat ein Emissionsvolumen im zweistelligen Milliardenbereich sicher sein, denn auch bei den institutionellen Kunden, die ihre Aufträge am Donnerstag abgeben dürften, wird der Bond aufgrund seiner Konditionen auf großes Interesse stoßen. Heute können die Privatkunden noch einmal zeichnen.

Am Mittwoch und am Donnerstag wird es durch die geplanten Kapitalmarkttransaktionen von Deutschland, Frankreich, Lettland und Spanien wieder reich neues Material zu verdauen geben - auch ohne weitere Emissionen via Syndikat.

Die deutsche Finanzagentur wird am Mittwoch die Aufstockung der aktuellen 10-jährigen Benchmark um 4 Milliarden Euro vornehmen. Die Nachfrage dürfte trotz des jüngsten Renditeanstiegs überschaubar ausfallen.

Die Rendite liegt tief im negativen Bereich. Zugleich droht über einen weiteren Nachtragshaushalt für die Finanzierung des angekündigten Konjunkturprogramms, das Anfang Juni vorgestellt werden soll, die erneute Ausweitung der Inanspruchnahme der Kapitalmärkte.

Frankreich wird den Anlegern die Aufstockung von vier Kuponbonds und drei Linkern anbieten. Die Linker sollen mit Laufzeiten 2025, 2030 und 2036 bis zu 1,25 Milliarden Euro bringen.

Mit den Kuponbonds, die zusammen bis zu 10 Milliarden Euro in die französische Staatskasse bringen sollen, wird mit Laufzeiten von Februar/Mai 2023, November 2025 und Februar 2026 auf den kurzen bzw. mittleren Teil der Zinskurve gezielt. Das sollte bis zum Ende der Platzierung zu einer leichten Underperformance gegen die Peers führen. Erschwerend kommt das Fehlen der Unterstützung durch Fälligkeiten hinzu.

Lettland wird das Volumen eines bis März 2022 laufenden Papiers erhöhen. Das Volumen dürfte im niedrigen bis mittleren zweistelligen Millionenberich liegen, was problemlos zu verdauen sein wird.

Das portugiesische Schatzamt wird den Geldmarkt mit zwei Papieren mit Laufzeiten von sechs und zwölf Monaten anzapfen. Das Emissionsvolumen für beide Kurzläufer wird bis zu 1,75 Milliarden Euro betragen.

Am Mittwochabend wird das US-Treasury mit der Emission von 20 Milliarden Dollar eines 20-jährigen T-Bonds Neuland betreten. Die Anleger dürften im Vorfeld der Transaktion versuchen, Druck auf das lange Ende der US-Zinskurve auszuüben.

Außerdem geht am Donnerstag Spanien mit insgesamt vier Aufstockungen an den Start. Es sollen bis zu 7 Milliarden Euro platziert werden. Das Angebot erstreckt sich dabei sowohl auf das kürzere Ende der spanischen Zinskurve - Laufzeiten bis Juli 2023 und Januar 2025 - als auch auf das lange bzw. ultra-lange Ende mit Laufzeiten Oktober 2030 und Juli 2066.

Die Emissionen werden am Donnerstag, möglicherweise bereits am Mittwochnachmittag, zu einer Underperformance spanischer Staatsanleihen gegenüber ihren Peers bis zum Abschluss der Transaktionen beitragen.

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