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Renault will mit neuen E-Autos zurück in die Mittelklasse

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Der neue Chef Luca de Meo will den französischen Hersteller wieder dahin bringen, wo er lange erfolgreich war: ins Herz der Mittelklasse. Helfen sollen dabei zwei neue E-Modelle.

Luca de Meo hat keine Angst vor ausgefallenen Locations: Eine etwas mitgenommene alte Luftschiffhalle in der Nähe von Paris wählte der CEO von Renault, um Donnerstagnachmittag zwei neue E-Autos des französischen Herstellers vorzustellen. Die ausgeschlagenen Scheiben und verbogenen Fensterrahmen der Halle hätten Anlass zu dummen Witzen bieten können, aber das ängstigte den neuen Chef nicht, der im Juli angefangen hat.

Die neuen Modelle sind für den CEO der Anlass, seine Strategie für den Autohersteller zu erläutern. Der Hangar war als erste Halle für Luftschiffe weltweit Ende des 19. Jahrhunderts technische Avantgarde – und das zu werden beansprucht de Meo auch wieder für Renault.

Megane heißt das neue E-Mobil, das auf einer reinen Plattform für elektrische Autos steht, auf der Renault und Nissan „eine ganze Familie von Fahrzeugen aufbauen werden“, wie De Meo versicherte. Die Produktion soll Ende 2021 aufgenommen werden.

Im Vorfeld von De Meos Amtsantritt als CEO hatte es viele Gerüchte gegeben, welche Modelle Renault einstellen werde, unter anderem über den Megane. Stattdessen wird es nun das erste Renault-Mobil für die Mittelklasse, mit einem goldenen „e“ am Ende.

Genau in die Mittelklasse zielt De Meos Strategie für Renault: „Renault darf nirgendwo eine Marke des Einstiegspreises sein, sondern gehört in die Mitte des Marktes, das ist die Arbeit, die wir jetzt leisten müssen“, sagte der von Seat zu Renault gewechselte Italiener nach der Produktvorstellung bei einem Pressegespräch.

„Marge statt Menge“

Renault werde mit seinen Modellen da sein, wo der Hersteller eine gute Marge erzielen könne. Dasselbe gelte für die regionalen Märkte. „Unsere ganze Philosophie ist Marge statt Menge“, fasste De Meo es in einen Satz.

Mit dem Megane habe der Hersteller mit dem vom Künstler Victor Vasarely gezeichneten Rhombus als Logo – De Meo spricht von einem Diamanten – gezeigt, dass er ins Herz der Mittelklasse gehen könne „mit einem Angebot, das wir heute nicht mehr haben, aber wir sind dabei, das zu korrigieren: Ich bin sicher, dass wir ein starkes Angebot im C-Segment (Mittelklasse) haben werden.“

Das war die Botschaft, die De Meo am Donnerstag rüberbringen wollte, und deshalb hatte er es offenbar auch so eilig: Der E-Megane ist bislang nur ein Showcar, das zwar in die Halle fahren konnte, aber erst 2021 in Produktion gehen soll. Solange wollte der Italiener nicht warten, um Renaults Anspruch anzumelden: „Der Megane ist der Konkurrent für Volkswagen.“

Gleichzeitig gab es in der zugigen Halle den ersten E-Dacia zu sehen, „Spring“ getauft. Im Frühjahr wird er ausgeliefert, zunächst nur an Carsharing-Unternehmen, im Herbst dann an jedermann. Das Auto wird in China gebaut, ist aber in Technik und Ausstattung auf den europäischen Markt ausgerichtet. Es steht auf einer konventionellen Plattform, hat einen 33-kW-Motor und eine Batterie mit 28 KWh, die für 225 Kilometer Reichweite sorgen soll.

„In der Stadt werden im Schnitt nur 31 Kilometer pro Tag gefahren, da reicht die Autonomie des Spring bei Weitem“, führte Denis le Vot aus, der für Dacia zuständig ist. Den Preis will Renault noch nicht mitteilen, „aber es ist sicher, dass er das günstigste E-Auto sein wird, ein echter Dacia“, versicherte der Manager.

De Meo will die als Billigmarke gestartete Baureihe zu einer vollwertigen Marke „mit 360 Grad machen, die gläserne Decke, die es bislang gab, entfernen wir“. Er will das Unternehmen voll auf die E-Mobilität konzentrieren, „da haben wir viel Erfahrung“. Bei der Senkung der CO2-Emissionen sieht er das eigene Unternehmen so weit über Plan, dass es mit anderen Herstellern über den Verkauf von Emissionsrechten verhandele.

Ob und welche Modelle er einstellen will, ließ er sich am Donnerstag nicht entlocken. Der Sportwagen Alpine, der ebenfalls als Abschusskandidat gehandelt wurde, wird aufgewertet: Sein Name wird künftig die Formel-1-Autos zieren. „Alpine kann Renault insgesamt nach oben ziehen“, meint De Meo. Man bleibe realistisch, werde nicht zum Porsche-Konkurrenten, doch zeige das Auto, was Renault technisch draufhat, und werde in Verbindung mit der Formel 1 für Aufmerksamkeit sorgen.

Vielleicht nicht genau die Art von Werbung, die man mit Blick auf Nachhaltigkeit will. Aber die steuert das Unternehmen an und denkt voraus an die nächste Generation von Batterien. Bislang werden sie von den asiatischen Marktführern zugekauft.

Keine Angst vor Tesla

Doch Gilles Normand, bei Renault für E-Autos zuständig, sagte dem Handelsblatt, dass Renault mit Deutschland und Frankreich über einen möglichen Einstieg in das Batterie-Konsortium rede. Dort ist bislang nur der Konkurrent PSA (Peugeot-Citroen) vertreten. „Wenn es um die kommende Generation von Solid-State-Batterien gehen sollte, interessiert uns das, darüber reden wir“, gab Normand preis.

Derzeit forscht Renault selber mit einem Start-up in Boston an Feststoff-Batterien auf Keramik- und Polymerbasis. Der Vorteil: Sie sind leichter und nicht so störanfällig wie Lithium-Ionen-Akkus, die Flüssigkeit enthalten und sich entzünden können.

De Meo gab die Marschrichtung vor: „Wir können ganz vorne mitspielen bei der E-Mobilität.“ Schließlich war man lange weltweit Marktführer – bis Tesla kam. Das US-Unternehmen fürchtet De Meo nicht: „Auf den reifen europäischen Markt zu kommen, das wird nicht einfach für Tesla.“