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Remdesivir zeigt positive Wirkung bei Covid-19-Patienten

Der Wirkstoff von Gilead zeigt erstmals auch in einer großen Studie positive Resultate. Diese könnten Fortschritte in der Corona-Therapie bedeuten.

Das Medikament hilft, ist aber kein Wundermittel. Diese Bewertung zeichnet sich für den bislang wichtigsten Hoffnungsträger im Kampf gegen Covid-19, den vom US-Biotechkonzern Gilead entwickelten Wirkstoff Remdesivir ab.

Das amerikanische Nationale Institut für Allergien und Infektionskrankheiten (NIAID) hat am Mittwochabend erste vorläufige Daten aus einer großen, plazebo-kontrollierten klinischen Studie mit fast 1100 Patienten publiziert.

Covid-19-Patienten, die stationär behandelt wurden, haben sich danach unter Remdesivir im Schnitt schneller erholt als Patienten, die nur ein Scheinmedikament (Plazebo) erhielten. Sie konnten die Klinik im Durchschnitt nach elf Tagen verlassen, während das den Patienten der Vergleichsgruppe erst nach 15 Tagen möglich war.

Zudem deutete sich laut NIAID auch ein Überlebensvorteil für die mit Remdesivir behandelten Patienten an. Von ihnen starben acht Prozent, wogegen die Mortalität in der Vergleichsgruppe bei 11,6 Prozent lag. Detailliertere Daten aus der Studie will das NIAID in den nächsten Tagen veröffentlichen.

NIAID-Direktor Anthony Fauci bewertete die Daten ungeachtet der vordergründig nur moderaten Ergebnisse als großen Erfolg und „sehr wichtigen proof of concept“ – also als Beleg dafür, dass das Mittel in der Lage ist, Infektionen mit dem Virus abzubremsen. „Das öffnet die Tür, um weitere Therapiemöglichkeiten zu entwickeln“, sagte Fauci.

Parallelen zur Entwicklung von Aidsmedikamenten

Remdesivir wird sich seiner nach Erwartung nach als Behandlungsstandard etablieren, der nach und nach durch weitere Medikamente ergänzt wird. Fauci zog dabei Parallelen zur Entwicklung von Aidsmedikamenten in den 80er und 90er Jahren. Damals wurden ausgehend von den ersten Erfolgen mit dem Wirkstoff ACT nach und nach eine ganze Fülle weiterer Wirkmoleküle entwickelt, wodurch die Therapie immer besser wurde.

Experten gehen davon aus, dass Remdesivir nun relativ schnell eine Zulassung durch die US-Arzneimittelbehörde FDA erhalten könnte. Auch Fauci deutete an, dass die Behörde sehr schnell dafür sorgen dürfte, das Mittel für Patienten, die es benötigen, verfügbar zu machen.

Gilead hat bereits angekündigt, bis Oktober genügend Wirkstoff für 500.000 Behandlungen zu produzieren. Bis Jahresende will das Unternehmen in der Lage sein, eine Million Patienten zu behandeln. Rund 1800 Patienten wurden bisher zudem außerhalb der regulären Studien im Zuge von Härtefall-Regelungen mit dem Mittel behandelt. Die Gilead-Aktie, die am Mittwoch bereits um knapp sechs Prozent zugelegt hatte, stieg nachbörslich noch moderat um etwa zwei Prozent.

Remdesivir gilt schon seit gut zwei Monaten als einer der wichtigsten Hoffnungsträger im Kampf gegen Covid-19. Das Mittel wurde ursprünglich gegen Ebola entwickelt und wurde auf dem Gebiet bereits in kleineren klinischen Studien getestet, bevor es ins Rampenlicht der Corona-Forschung geriet.

Bei dem Wirkstoff handelt es sich um ein so genanntes Nukleotidanalog. Er blockiert ein Enzym, das Viren zur Vermehrung benötigen. Ähnliche Wirkstoffe werden zum Beispiel in der Aids-Behandlung eingesetzt, wo Gilead führender Anbieter ist.

Auch enttäuschende Resultate

Remdesivir zeigte nach Angaben von Gilead in Tierversuchen relativ breite antivirale Wirkung, unter anderem auch gegen Sars- und Mers-Infektionen, für die ebenfalls Coronaviren verantwortlich sind. Bereits mehrfach wurden dem Mittel positive Effekte gegen Covid-19 bescheinigt. Doch handelte es sich dabei in der Regel um kleinere Testreihen, bei denen häufig zudem eine Vergleichsgruppe fehlte.

Solche Studien gelten in der Medizin als nur begrenzt aussagefähig. Zudem gab es auch enttäuschende Resultate. Eine in dieser Woche publizierte chinesische Studie an Covid-19-Patienten etwa zeigte keine statistisch signifikanten Vorteile für den Wirkstoff. Diese Testreihe wurde allerdings auch vorzeitig abgebrochen, weil man nur rund die Hälfte von ursprünglich geplanten rund 450 Patienten rekrutieren konnte. Zudem ging es in diesem Fall um besonders schwer erkrankte Patienten, bei denen das Mittel womöglich zu spät eingesetzt wurde.

Die NIAID-Resultate haben relativ zu den bisher publizierten klinischen Daten besonderes Gewicht, weil sie die ersten sind, die auf einer großen, randomisierten Studie basieren. Die Ergebnisse sind daher statistisch wesentlich aussagefähiger.

Insgesamt sind in der Datenbank clinicaltrials.gov inzwischen 19 Studien im Bereich Covid-19 gelistet, bei denen Remdesivir zum Einsatz kommt. Interessant wird nun sein, ob und inwieweit sich in den nächsten Tagen und Wochen die Ergebnisse der NIAID-Studie in weiteren großen, randomisierten Tests bestätigen.

Dazu gehören unter anderem auch die von der WHO initiierte Studie Solidarity und die vom französischen Forschungsinstitut Inserm koordinierte Studie Discovery. Beide Studienprogramme testen die Medikamente Chloroquin/Hydroxychloroquin, Remdesivir, Kaletra und das Multiple-Sklerosemittel Beta-Interferon untereinander und im Vergleich zur Standardbehandlung.