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Rekordverluste im vergangenen Jahr: Coronakrise zwingt Öl-Multis zur radikalen Wende

Witsch, Kathrin Kort, Katharina
·Lesedauer: 7 Min.

Corona wirkt als Beschleuniger für den Strukturwandel der Ölindustrie. Die Unternehmen stellen sich neu auf. Nicht alle setzen allerdings auf Erneuerbare.

Die Ölbranche steckt in der schlimmsten Krise ihrer Geschichte. Foto: dpa
Die Ölbranche steckt in der schlimmsten Krise ihrer Geschichte. Foto: dpa

2020 dürfte als das schlimmste Jahr in die Geschichte der Ölindustrie eingehen. Die weltweite Pandemie hat bei den einst erfolgsverwöhnten Konzernen für einen Rekordverlust nach dem anderen gesorgt. Negativer Spitzenreiter ist bislang der US-Riese Exxon Mobil, der mit einem Verlust von 22,4 Milliarden Dollar noch knapp den britisch-niederländischen Konkurrenten Royal Dutch Shell unterboten hat.

Es ist das erste Mal seit vier Jahrzehnten, dass Exxon ein Jahr in den roten Zahlen abschließt. Insgesamt kommen die vier größten westlichen Ölkonzerne – Exxon, Shell, BP und Chevron – auf ein Minus von fast 70 Milliarden Dollar – das gab es noch nie.

Selbst zu Zeiten der Ölpreiskrise vor sieben Jahren hatte es „Big Oil“ geschafft, wenigstens ein paar Milliarden Gewinn zu machen. Der ist jetzt allerdings noch nicht einmal in Sichtweite. „Der Nachfrageeinbruch in der zweiten Covid-19-Welle ist nicht ganz so heftig wie beim ersten Mal“, erklärt Ölexperte Walter Pfeiffer von dem Beratungsunternehmen Roland Berger. „Aber insgesamt ist die Situation düster, auch wenn der Ölpreis angezogen hat.“

Jahrelang galten die sogenannten Supermajors als Garant für hohe Dividenden, stetig wachsenden Umsatz und milliardenschwere Gewinne. Von 1999 bis 2017 wuchs die weltweite Erdölproduktion von 73 Millionen Barrel pro Tag auf einen Spitzenwert von über 100 Millionen Barrel pro Tag. 2018 und 2019 pendelte der Wert um diese Marke, bevor die Produktion 2020 zeitweise auf unter 80 Barrel absackte.

Dass der Trend zu Elektroautos, strombetriebenen Heizungen, immer mehr Erneuerbaren und strengeren Klimazielen dem Boom irgendwann ein Ende setzen würde, haben zwar auch die Ölkonzerne geahnt – und sich mit unterschiedlichen Strategien darauf vorbereitet. Die Corona-Pandemie wirkt allerdings wie ein Brandbeschleuniger für den unausweichlichen Wandel.

„Das neue Normal lässt sich als sich beschleunigter Trend zur Dekarbonisierung charakterisieren, bei dem durch den Gesetzgeber immer ambitioniertere Ziele gesetzt werden“, sagt Pfeiffer. „Wenn das in der Geschwindigkeit so weitergeht, kann das sehr negative Effekte für die Branche haben, vor allem wenn die Ziele auch wirklich hart eingefordert werden.“

Lockdowns, Homeoffice und Reisebeschränkungen haben die weltweite Kraftstoffnachfrage im vergangenen Frühjahr um mehr als ein Drittel einbrechen lassen. Zwar hat sich der Verbrauch mittlerweile wieder etwas erholt, er bleibt aber auf deutlich niedrigerem Niveau als noch vor einem Jahr.

Der Ölpreis reagierte empfindlich, rutschte zwischendurch für die US-Ölsorte WTI sogar ins Minus. Mittlerweile hat er sich bei etwas über 50 Dollar wieder eingependelt und sogar dieser Tage einen kleinen Höhenflug auf 59 Dollar pro Barrel der Nordseesorte Brent gemacht. Dass er es langfristig noch einmal auf ein Niveau von teilweise bis zu 80 Dollar und mehr schafft, glauben aber nicht einmal mehr die Ölkonzerne selbst.

Die Milliardenverluste von Big Oil sind dafür der beste Beweis. Der britische Konzern BP senkte im zweiten Quartal 2020 seine langfristige Prognose: Für den Zeitraum von 2021 bis 2050 geht BP nun von einem Durchschnittspreis von 55 US-Dollar pro Barrel für die Ölsorte Brent aus. Das sind rund 30 Prozent weniger als bisher angenommen.

Damit sank auch der prognostizierte Wert der Ölbestände, der Konzern musste 17,5 Milliarden Dollar an Vermögenswerten abschreiben. Auch Shell, Chevron, Exxon Mobil und Co. haben ihre Prognosen angepasst und Milliarden abgeschrieben.

Die Konzerne erwarten, dass die Wirtschaft sich in Zukunft stärker und vor allem schneller auf klimafreundlichere Energiequellen konzentrieren wird als bisher angenommen. Zwar rechnet die Internationale Energieagentur (IEA) damit, dass die langfristige Ölnachfrage in Regionen wie Asien, Indien und Afrika zusammen mit der Bevölkerung weiter wachsen wird. Aber mit Europa und den USA laufen zwei der Hauptmärkte der Ölbranche Gefahr, in den kommenden Jahren deutlich kleiner zu werden.

Während europäische Größen wie Shell, BP, Total und Eni einen radikalen Wandel hin zu klimafreundlicheren Energien einläuten, haben sich US-Unternehmen wie Exxon, Chevron und Conoco Phillips kaum auf die Zeit nach dem Öl umgestellt und alternative Energien vernachlässigt.

Nicht zuletzt dank der schützenden Hand des ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump, der sie mit Deregulierung und Bohrgenehmigungen unterstützte, konnten sie ihr altes Geschäftsmodell der fossilen Brennstoffe weiterführen. Damit haben sie den Anschluss an die neue Energiewelt verpasst.

Nun kündigen sie halbherzige Initiativen an. Sie wollen in alternative Energien und die Speicherung von CO2 investieren. So will Exxon etwa gerade einmal drei Milliarden in diese Bereiche investieren. Aber auch das geschieht weniger aus Überzeugung als auf Druck der Investoren und einer deutlich klimafreundlicheren Regierung unter Trumps Nachfolger Joe Biden.

Gemessen an einem Gesamtinvestitionsvolumen von 21,4 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr ist die angekündigte Summe von Exxon verschwindend gering. Aber auch die vermeintlich geläuterten Fossilkonzerne aus Europa tun sich mit dem Wandel schwer. Die Ankündigungen sind groß, die Investitionen fließen aber weiter fast ausschließlich in Öl und Gas.

Chemie und Gas als Alternativen

„Die Ölkonzerne müssen ihr angestammtes Geschäft am Laufen halten und die dafür erforderlichen erheblichen Investitionsmittel bereitstellen. Gleichzeitig müssen sie immer mehr Kapital aus den fossilen Geschäftsfeldern abziehen, um den Umbau zu finanzieren. Das ist ein Balanceakt“, erklärt Experte Pfeiffer.

Während die einen wie BP die Ölproduktion in den nächsten Jahren deutlich runterfahren wollen, um mehr auf Erneuerbare und Gas zu setzen, wetten andere auf das Geschäft mit der Chemie. So kaufte Saudi Aramco erst 2020 den saudischen Chemiekonzern Sabic. Und auch der österreichische Konzern OMV baut sein Chemie-Geschäft weiter aus.

Die IEA rechnet damit, dass die Petrochemie und vor allem die Kunststoffproduktion „die größte Wachstumsquelle für den Ölverbrauch“ in den kommenden zehn Jahren sein wird. Sie verweist dabei vor allem auf das weitere Wachstum der Plastik-Nachfrage in Asien hin: „Selbst wenn sich die weltweiten Recyclingquoten für Kunststoffe verdoppeln würden, würden dadurch nur etwa 1,5 Millionen Barrel pro Tag von den prognostizierten Zuwächsen von mehr als fünf Millionen Barrel pro Tag eingespart.“

Die Zahlen scheinen den Experten recht zu geben. Der Geschäftsbereich mit Chemikalien war immerhin das einzige Segment, in dem Exxon Mobil 2020 nicht nur ein Plus machte, sondern seinen Gewinn sogar fast verdreifachen konnte.

Dafür ist zum einen der niedrige Ölpreis verantwortlich, bei dem sich der Einkauf für die Chemiebranche mehr als rentiert. Zum anderen hat die Pandemie durch Masken, Handschuhe, Verpackungsmaterial und Co. für eine erhebliche Erhöhung der Kunststoffnachfrage gesorgt. Dafür braucht es nun mal Erdöl als Grundstoff.

Zwar arbeitet auch die Chemie intensiv an Lösungen zur Dekarbonisierung. „Aber selbst wenn fünf bis zehn Prozent wegfallen, braucht die wachsende Weltbevölkerung mehr Kunststoff. Weltweit gesehen ist das ein stabiler Markt, gerade wenn man nach Asien schaut“, glaubt deswegen auch Pfeiffer.

Die Intensivierung der Gas-Sparte ist ein zweites Standbein, das sich viele Ölkonzerne über die Jahre aufgebaut haben. Besonders Shell ist mit seinem Geschäft für Flüssigerdgas (LNG) einer der Marktführer und profitiert derzeit von der steigenden Nachfrage, besonders in Asien. Auch wenn der Absatz 2020 leicht zurückgegangen ist – über die vergangenen fünf Jahre konnte das britisch-niederländische Unternehmen die Menge an verkauftem LNG immerhin mehr als verdoppeln.

Die Aussichten auf dem Gasmarkt dürften, im Gegensatz zum Treibstoff-Geschäft zumindest noch ein paar Jahrzehnte positiv sein. Viele Länder setzen beim Wechsel von fossilen zu erneuerbaren Energien auf Erdgas als Übergang. Vor allem Länder und Regionen wie China, Indien, Südostasien und der Mittlere Osten dürften die Gasnachfrage in den nächsten Jahren nach oben treiben.

„Es herrscht ein enormer Druck auf die Mineralölindustrie, weil große Abnehmer andere Wege beschreiten und bei der Dekarbonisierung nun schneller vorankommen wollen“, beobachtet Pfeiffer. Auch die Finanzwelt beschäftige sich immer mehr mit der Frage, wie lange Öl-Assets „wirklich noch was wert sind“.

Für die Ölindustrie gibt es also drei Optionen: Voll auf Erneuerbare setzen, sich mehr auf Chemie zu spezialisieren oder in den Ausbau ihres Gasgeschäfts zu investieren. Die meisten setzen hauptsächlich auf Chemie und Gas und ein bisschen auf Erneuerbare. Spätestens nach 2020 ist aber eines klar: die Zeiten von „Big Oil“ sind vorbei.

Besonders für die Herstellung von Kunststoff ist Erdöl als Grundstoff oftmals noch unerlässlich. Foto: dpa
Besonders für die Herstellung von Kunststoff ist Erdöl als Grundstoff oftmals noch unerlässlich. Foto: dpa