Deutsche Märkte geschlossen

Reiche Luxemburger, teures Dänemark

Statistiker haben Europa vermessen: Die geringste Jugendarbeitslosigkeit gibt es in Deutschland. Die Dänen bekommen viel Gehalt – doch wegen der Lebenshaltungskosten bleibt wenig davon übrig. Europa unter der Lupe.


Nirgendwo finden junge Europäer so leicht einen Job wie in Deutschland. Mit einer Jugenderwerbslosenquote von rund 7,1 Prozent liegt die Bundesrepublik auf dem Spitzenplatz in der EU. Das sei der beste deutsche Wert seit Beginn der Neunzigerjahre, wie das Statistische Bundesamt (Destatis) am Freitag bei der Präsentation des Statistischen Jahrbuchs 2017 in Berlin mitteilte.

Düster bleibt dagegen das europäische Gesamtbild: EU-weit blieb 2016 für fast jeden fünften 15- bis 24-Jährigen die Jobsuche erfolglos (19 Prozent). Zwar sank der Wert erstmals seit 2010 wieder unter die psychologisch wichtige 20-Prozent-Marke (Vorjahr: 20,3 Prozent). Allerdings, so Destatis-Statistikerin Susana Garcia Diez: „Vor allem im Süden bleibt Jugendarbeitslosigkeit weit verbreitet.“

So hatten beispielsweise in Griechenland rund 47 Prozent der Jüngeren keine Arbeit. Schwierig war die Lage demnach auch in Spanien (44 Prozent) und Italien (38 Prozent). Als erwerbslos gelten Jugendliche, die keine Stelle haben, aber aktiv danach suchen und sofort zur Verfügung stünden. Die Arbeitslosenquote der gesamten EU gibt Destatis für 2015 mit 8,6 Prozent an.

Mit einem durchschnittlichen Bruttomonatseinkommen von 3045 Euro lagen die Deutschen 2016 laut Destatis im europäischen Vergleich auf Platz acht. Mehr verdienten vor allem die Luxemburger (4206 Euro), die Dänen (4194 Euro) und die Iren (3778 Euro). Jedoch wies Diez darauf hin: „Mit einem Euro lässt sich im bulgarischen Sofia mehr kaufen als in Paris.“ Unter Berücksichtigung der Kaufkraft bleiben Luxemburg, Irland und Dänemark zwar weiterhin Spitzenreiter – aber Deutschland landet nicht mehr auf Platz acht, sondern vier.


Denn die Lebenshaltungskosten in der Bundesrepublik liegen niedriger als etwa in Finnland, das beim nicht bereinigten Bruttomonatsverdienst mit rund 3232 Euro auf dem fünften Platz liegt. In zehn EU-Staaten lag das Preisniveau 2016 über dem deutschen, in 17 darunter. Den Spitzenplatz belegt hier Dänemark, wo die Preise rund 34 Prozent höher liegen als in Deutschland; Schlusslicht ist Bulgarien, mit Preisabschlägen von rund 58 Prozent im Vergleich hierzulande.

„Im sozialen Bereich sind im europäischen Vergleich deutliche Unterschiede erkennbar“, sagte Destatis-Vizepräsident Georg Thiel. Das zeige sich vor allem bei den Bruttomonatslöhnen, wo die Spanne zwischen 431 Euro (Bulgarien) und rund 4206 Euro (Luxemburg) unter den EU-Mitgliedsstaaten augenfällig groß ist.


16 Prozent der Deutschen sind durch Wohnkosten überbelastet

Einen großen Teil ihres Einkommens geben die Europäer laut Statistischem Jahrbuch für Nahrungsmittel und Wohnkosten inklusive Wasser, Strom und Gas aus – rund 36 Prozent des Gehalts sind es im EU-Durchschnitt. Dabei liegt Deutschland mit einem Gehaltsanteil von 11 Prozent für Lebensmittel leicht unter dem EU-Durchschnitt, während der Anteil für Wohnkosten mit 24 Prozent dem Durchschnitt exakt entspricht. Deutlich höher waren die Lebensmittelausgaben im vergangenen Jahr in Rumänien, Litauen und Estland, während Briten, Luxemburger und Iren nur acht bis zehn Prozent ihres Gehalts für Lebensmittel ausgaben.

Allerdings verdeckt der Blick auf die Durchschnittswerte, dass es auch in Deutschland durchaus Bevölkerungsgruppen gibt, die einen deutlich höheren Anteil ihres Einkommens für Essen und ein Dach über dem Kopf investieren müssen. So gaben 2016 rund 16 Prozent der deutschen Haushalte mehr als 40 Prozent ihres Gehalts fürs Wohnen aus – ein bedenklicher Wert, der seit Jahren konstant bleibt. Häufiger betrifft das Schicksal der „Überbelastung durch Wohnkosten“, wie das Phänomen im Fachjargon heißt, allerdings Bulgaren (21 Prozent) und mit großem Abstand auch Griechen (41 Prozent).


Destatis-Direktorin Sibylle von Oppeln-Bronikowski erklärte in Berlin: „Bei den Messungen kommt es nicht darauf an, ob Menschen zur Miete oder in den eigenen vier Wänden wohnen.“ Entscheidend sei die monatliche Belastung, die auch durch die Rückzahlung von Immobilien-Krediten entstehen könne.


Im EU-Vergleich zeigt sich: Deutschland ist das Mieterland unter den Mitgliedsstaaten. Mit einem Anteil von 48 Prozent leben hierzulande so viele Menschen in Mietverhältnissen wie in keinem anderen EU-Land, wo der Durchschnitt lediglich 31 Prozent beträgt. Schlusslicht oder, je nach Perspektive, Spitzenreiter ist Rumänien: Dort leben rund vier Prozent der Bevölkerung zur Miete, 96 Prozent in einem Eigenheim. Einen ähnlich hohen Wert wie Deutschland erreichte nur Österreich, wo 44 Prozent der Bevölkerung zur Miete leben.

Anlässlich des Europäischen Statistiktags zog Destatis-Vizepräsident Thiel das Fazit: „Wenn über die Zukunft der EU diskutiert wird, sind solche Vergleichsdaten zu den Lebensbedingungen eine wichtige Grundlage.“ Bei den vielen Krisen, die die EU durchleide – Wirtschaftskrise, Flüchtlinge, Brexit –, komme der „Blick auf das alltägliche Leben der Bürger“ manchmal zu kurz. So könne es sich trotz sonst guter Wirtschaftsdaten jeder fünfte Deutsche nicht leisten, einmal pro Jahr in den Urlaub zu fahren. In Rumänien und Kroatien ist es jeder Zweite.

KONTEXT

Die Arbeitslosendaten für Mai 2017

Arbeitslosigkeit

Die Zahl der arbeitslosen Menschen hat von April auf Mai um 71.000 auf 2.498.000 abgenommen. Saisonbereinigt ergibt sich ein Rückgang von 9000 im Vergleich zum Vormonat. Gegenüber dem Vorjahr waren 166.000 weniger Menschen arbeitslos gemeldet. Die Unterbeschäftigung, die auch Personen in entlastenden arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen und in kurzfristiger Arbeitsunfähigkeit mitzählt, hat sich saisonbereinigt um 13.000 verringert.

Unterbeschäftigung

Insgesamt belief sich die Arbeitslosigkeit im Mai 2017 auf 3.526.000 Personen. Das waren 24.000 weniger als vor einem Jahr. Damit ist die Unterbeschäftigung im Vorjahresvergleich weniger stark gesunken als die Arbeitslosigkeit. Das liegt daran, dass die Entlastung durch Arbeitsmarktpolitik insbesondere für geflüchtete Menschen gegenüber dem Vorjahr ausgeweitet wurde. Die nach dem ILO-Erwerbskonzept vom Statistischen Bundesamt ermittelte Erwerbslosigkeit belief sich im April auf 1,78 Millionen und die Erwerbslosenquote auf 4,2 Prozent.

Erwerbstätigkeit

Die Erwerbstätigkeit hat im Vergleich zum Vorjahr weiter kräftig zugenommen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes ist die Zahl der Erwerbstätigen (nach dem Inlandskonzept) im April saisonbereinigt gegenüber dem Vormonat um 31.000 gestiegen. Mit 43,98 Millionen Personen fiel sie im Vergleich zum Vorjahr um 652.000 höher aus.

Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte

Der Anstieg der Zahl der Erwerbstätigen geht vor allem auf mehr sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zurück. Diese hat nach der Hochrechnung der BA von Februar auf März saisonbereinigt um 48.000 zugenommen. Insgesamt waren im März nach hochgerechneten Angaben 31,93 Millionen Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt, 734.000 mehr als ein Jahr zuvor.

Arbeitskräftenachfrage

Die Nachfrage nach Arbeitskräften bewegt sich weiter auf sehr hohem Niveau. Im Mai waren 714.000 Arbeitsstellen bei der BA gemeldet, 60.000 mehr als vor einem Jahr. Saisonbereinigt hat sich die Nachfrage gegenüber dem Vormonat um 5.000 erhöht. Der Stellenindex der Bundesagentur für Arbeit (BA-X) - ein Indikator für die Nachfrage nach Arbeitskräften in Deutschland - blieb im Mai 2017 unverändert bei 231 Punkten. Im Vorjahresvergleich fällt der Abstand mit einem Plus von 15 Punkten weiterhin sehr deutlich aus.

Geldleistungen

Insgesamt 699.000 Personen erhielten im Mai 2017 Arbeitslosengeld, 53.000 weniger als vor einem Jahr. Die Zahl der erwerbsfähigen Leistungsberechtigten in der Grundsicherung für Arbeitsuchende (SGB II) lag im Mai bei 4.418.000. Gegenüber Mai 2016 war dies ein Anstieg von 97.000 Personen. 8,1 Prozent der in Deutschland lebenden Personen im erwerbsfähigen Alter waren damit hilfebedürftig.

Ausbildungsmarkt

Die Situation am Ausbildungsmarkt zeigt sich im Beratungsjahr 2016/17 stabil. Von Oktober 2016 bis Mai 2017 meldeten sich bei den Agenturen für Arbeit und den Jobcentern 467.000 Bewerber für eine Ausbildungsstelle. Das waren 3.000 mehr als im Vorjahreszeitraum. Gleichzeitig waren 480.000 Ausbildungsstellen gemeldet, 2.000 mehr als vor einem Jahr.