Blogs auf Yahoo Finanzen:

Jetzt reden die DDR-Wirtschaftsbosse

AKTUELLER KURS

SymbolKursVeränderung
VLKAY53,010,26
DDR16,970,11

Berlin (dapd-bln). Fast ein Vierteljahrhundert haben sie geschwiegen: Nun geben ehemalige DDR (NYSE: DDR - Nachrichten) -Wirtschaftsbosse erstmals Einblick in ihr Leben und ihre Arbeit. Früher hießen sie Generaldirektoren. Heute wären sie vergleichbar mit Managern von Großkonzernen. Denn sie leiteten riesige Unternehmen, Kombinate genannt, mit Tausenden Mitarbeitern. Doch während Lebensgeschichten von West-Unternehmern eine große Leserschaft finden, sind die ostdeutschen Wirtschaftslenker vergessen. Katrin Rohnstock, Inhaberin des Berliner Biografie-Unternehmens Rohnstock-Biografien, will das ändern.

In monatlichen Erzähl-Salons lädt sie nun ehemalige DDR-Wirtschaftschefs ein, um rückblickend zu berichten. Gemeinsam mit dem Verein für lebensgeschichtliches Erinnern und dem Berliner Wirtschaftshistoriker Jörg Roessler will sie so deren Lebenserinnerungen festhalten.

VW-Motoren aus Chemnitz

Am Donnerstag spricht in Berlin der frühere Generaldirektor des Außenhandelsbetriebs AHB Industrieanlagen-Import, Herbert Roloff. Der heute 76-Jährige hat Interessantes zu erzählen. Zum Beispiel wie einst die zwei deutschen Staaten trotz der ideologischen Gegnerschaft wirtschaftlich gelegentlich gemeinsame Sache machten. So handelte Roloff unter anderem mit aus, dass das frühere VEB IFA Kombinat Karl-Marx-Stadt Automotoren für den westdeutschen Volkswagen (Other OTC: VLKAY - Nachrichten) -Konzern sowie für die DDR-eigenen Automarken Wartburg und Trabant bauen sollte.

"Wir haben die gesamte Dokumentation gemeinsam erarbeitet, die für die Fertigung gebraucht wurde", sagt Roloff. Außerdem sei sein Betrieb als Vertragspartner aufgetreten, "denn DDR-Betriebe durften ja keine direkten Verträge mit dem Ausland schließen". Insgesamt waren mehrere Jahre Vorbereitung für das Ost-West-Autoprojekt nötig. 1988 liefen die ersten VW-Motoren in Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz, vom Band.

Nach Roloff werden in diesem Jahr noch andere, einst einflussreiche DDR-Manager zu Wort kommen: Unter ihnen der ehemalige Chef des volkseigenen Gießerei-Werks Gisag Leipzig, Lothar Poppe, der Ex-Manager des Schwermaschinenkombinats Sket Magdeburg, Eckhard Netzmann, und der ehemalige Chef des Energieunternehmens Gaskombinat Schwarze Pumpe, Herbert Richter.

"Die Partei saß immer mit am Tisch"

Für Rohnstock ist die DDR-Wirtschaft "so spannend wie ein Krimi" und wie ein "großes Experiment, das nach dem Prinzip Versuch, Irrtum, neuer Versuch funktionierte". Keiner der volkseigenen Betriebe habe dem anderem geglichen. Und diejenigen, die am besten wussten, wie die Ökonomie der untergegangenen DDR im Detail wirklich aussah, "waren die Generaldirektoren", ist sich die Nachwende-Unternehmerin sicher.

Unter ihnen habe es ganz verschiedene Charaktere gegeben, "vom hemdsärmeligen Krisenmanager bis zum feinsinnigen Analytiker", sagt Rohnstock. Sie ist überzeugt davon, dass die Generaldirektoren "mehr Gestaltungsraum hatten, als man denkt". Deren "Erfahrungswissen festzuhalten und dem Vergessen zu entreißen", sei Ziel ihrer aktuellen Erzähl-Salons.

Dafür braucht Rohnstock Fingerspitzengefühl. Um die DDR-Manager dazu zu bringen, aus ihrem Leben zu berichten, sei langwierige Überzeugungsarbeit nötig gewesen. Denn die meisten von ihnen hätten sich zurückgezogen oder resigniert, weil gegen die einseitige Meinung über die DDR-Ökonomie als "Miss-, Mangel- und Kommandowirtschaft" schwer anzukommen sei, sagt die Biografin zur Begründung.

Rohnstock weiß, dass ihr auch Kritik entgegenschlagen kann, wenn sie der früheren DDR-Wirtschaftselite nun eine Bühne bietet. "Uns geht es aber darum zu schauen, wie eine aufs Gemeinwohl ausgerichtete Ökonomie funktioniert hat, und wir versuchen, das von der Ideologie zu entblättern", erläutert sie.

Dennoch ist ihr klar, dass wirtschaftliche und politische Macht im DDR-Regime kaum von einander zu trennen waren. "Natürlich, die Partei saß immer mit am Tisch", betont die Rohnstock. Doch die Ex-Generaldirektoren berichteten heute offen über die Verbindungen zur Staatsführung.

Rohnstocks Erzählsalons sind allerdings nicht für jedermann zugänglich. Wer sich dafür interessiert, muss sich zuerst melden. Zuhörer werden dann persönlich eingeladen. Mit dieser Exklusivität soll den Erzählenden ein Schutzraum geboten werden.

Am liebsten würde sich die Biografie-Unternehmerin ein wissenschaftliches Forschungsinstitut als Partner an die Seite holen. Doch bislang hätten sich Historiker, Ökonomen oder Politologen kaum für die Berufsbiografien der Ex-DDR-Bosse interessiert. Klar ist aber, wer etwas vom Insiderwissen der einstigen DDR-Manager erfahren will, muss sich beeilen. Die meisten von ihnen sind heute zwischen 75 und 90 Jahre alt.

( http://www.rohnstock-biografien.de/ )

dapd

Meistgelesene Artikel - Yahoo Finanzen

  • «Der Professor»: Joachim Sauer wird 65
    «Der Professor»: Joachim Sauer wird 65 dpa - Fr., 18. Apr 2014 11:29 MESZ
    «Der Professor»: Joachim Sauer wird 65

    Angela Merkel steigt aus der Limousine, schreitet sogleich die Stufen des Weißen Hauses empor und hält plötzlich inne.

  • Flugzeug-Randalierer wieder auf freiem Fuß
    Flugzeug-Randalierer wieder auf freiem Fuß

    Zwei betrunkene Männer sollen 281 Mitreisenden den Flug in die Ferien vermiest haben. Nach einem kurzen Aufenthalt in Polizeigewahrsam dürfen sie nach Hause - wenn sie jemand mitnimmt.

  • Sechs Wochen nach Verschwinden keine Spur von MH370
    Sechs Wochen nach Verschwinden keine Spur von MH370

    Die Bilder sind scharf, allein es gibt nichts zu entdecken: Die U-Boot-Suche nach dem verschollenen Flug MH370 verläuft bisher erfolglos. Schon in der nächsten Woche könnte sie enden. Wie soll es dann weitergehen?

  • SPD-Verkehrsexperte: Helmpflicht bei E-Rädern vorstellbar
    SPD-Verkehrsexperte: Helmpflicht bei E-Rädern vorstellbar

    Der Vorsitzende des Verkehrsausschusses im Bundestag, Martin Burkert, hat eine Helmpflicht für Fahrer von Elektrorädern ins Gespräch gebracht. «Fahrradhelme sind Lebensretter», sagte der SPD-Politiker der Nachrichtenagentur dpa.

  • Modemarke Topman bringt Jacke mit Nazi-Symbolik auf den Markt Yahoo Finanzen - Mo., 14. Apr 2014 13:39 MESZ

    Das britische Street-Wear-Label „Topman“ hatte kürzlich eine Kapuzenjacke beworben, die stark an die Symbolik der Nationalsozialisten im Dritten Reich erinnert. Für umgerechnet 247 Euro konnten Kunden das Kleidungsstück online kaufen. Besonders ein Emblem schien dem Erkennungszeichen der NSDAP-Schutzstaffel (Abkürzung SS) nachempfunden …

 

Vergleichsrechner

  • Finanzglossar

    Finanzglossar

    Möchten Sie einen Finanzbegriff nachschlagen? Das Yahoo Finanzglossar hat die Antwort! … Mehr »