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Real-Rettung wird zum Himmelfahrtskommando

Die Aufteilung der Handelskette verzögert sich, jetzt verliert auch die Real-Führung die Geduld. Es tauchen sogar Zweifel auf, ob der potenzielle Investor langfristig dabei bleiben will.

Der Kaufabschluss zwischen Metro und Redos hängt von vielen Unwägbarkeiten ab. Foto: dpa

Aus dem offenen Brief an die Bundesregierung spricht Verzweiflung. „Das was sich bei Metro und Real abspielt unter den Managern und Aktionären ist schlimmer als ein Spielcasino und das auf Kosten von 34.000 Menschen und ihren Familien“, klagen die Autoren aus dem Umfeld des Betriebsrats an, die sich „Solis von Real“ nennen. „Wir wollen endlich Klarheit und wissen, wie es weiter geht“, fordern sie. Die Familien der Mitarbeiter litten unter dem Druck der Ungewissheit, ob sie im Jahr 2020 ihre Arbeitsplätze noch haben werden oder nicht.

Doch die Hoffnung ist gering, dass die unendliche Geschichte um den geplanten Verkauf rasch zu einem guten Ende kommt. Vor fast 14 Monaten hat Olaf Koch, der Chef des Handelskonzerns Metro, die angeschlagene Tochter aktiv zum Verkauf gestellt. Seit einem halben Jahr befindet sich Metro in exklusiven Verhandlungen mit dem Immobilieninvestor Redos. Doch von einem unterschriftsreifen Vertrag sind die Beteiligten immer noch weit entfernt – trotz aller gegenteiligen Beteuerungen.

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Ursprünglich wollte Koch sogar schon im Frühjahr zu einem Abschluss kommen, doch die Angelegenheit entpuppte sich als viel komplexer als gedacht. „Mit diesen Ansagen hat er sich unnötig selbst unter Druck gesetzt“, heißt es in der Branche. „Die Verhandlungen mit Redos werden mit Hochdruck fortgeführt, um diese möglichst in den kommenden Wochen abzuschließen“, heißt es jetzt vage von Metro-Seite. Redos will auf Anfrage überhaupt keinen möglichen Zeitpunkt nennen.

Mittlerweile verliert selbst die Geschäftsführung von Real die Geduld mit dem Eigentümer. „Die Verhandlungen über einen Verkauf von Real ziehen sich hin“, klagt Real-Geschäftsführer Patrick Müller-Sarmiento im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Vor allem im Sinne unser Mitarbeiter wäre es wünschenswert, dass hier rasch ein Ergebnis erzielt werden kann“, sagt er.

Das größte Problem: Die Unsicherheit über die Zukunft des Unternehmens schlägt mittlerweile auch auf das Geschäft von Real durch und verschlechtert die ohnehin schwierige Situation weiter. Details dazu wollte Müller-Sarmiento auf Nachfrage nicht nennen, aber er betont: „Auch für das operative Geschäft und unsere Geschäftspartner ist es wichtig, dass der Verkaufsprozess rasch abgeschlossen wird.“

Wie das Handelsblatt aus dem Umfeld des Unternehmens erfuhr, sind es insbesondere die Lieferanten aus der Konsumgüterindustrie, die auf Distanz gehen. Viele seien nicht mehr bereit, die gleichen Konditionen wie in der Vergangenheit zu bieten. „Gerade die Industriepartner sehen jetzt die Möglichkeit, sich ihre Erträge wieder zurückzuholen“, sagt ein Insider. Unternehmenskreisen zufolge soll das das Unternehmen bereits einen zweistelligen Millionenbetrag gekostet haben. Das drückt direkt auf die Gewinnmargen.

In den wichtigen Konditionenverhandlungen für das kommende Jahr herrscht noch keine echte Klarheit, welche Märkte an Wettbewerber abgegeben werden und welche Standorte in der Kerngesellschaft von Real verbleiben. Auch wie viele Märkte tatsächlich unter der Marke Real weitergeführt werden und wie hoch dann das künftige Umsatzvolumen von Real sein wird, ist von den Verhandlungen mit dem möglichen Investor Redos abhängig.

Profitable Standorte wecken die größten Begehrlichkeiten

Real-Geschäftsführer Müller-Sarmiento bestätigte kürzlich auf einer Pressekonferenz, dass weiterhin geplant sei, 60 der insgesamt 277 Märkte in Eigenregie weiterzuführen. Darunter seien die vier Vorzeigemärkte in Krefeld, Braunschweig, Aschaffenburg und Bahlingen, die bereits zu Markthallen umgerüstet wurden, und ein großer Teil der 35 Standorte, die bereits mit Modulen dieses Markthallenkonzept modernisiert wurden. Dazu komme das eigene Fleischwerk und das Digitalgeschäft mit dem Onlinemarktplatz real.de.

Eine Garantie dafür gibt es jedoch nicht. „Wir können, solange wir uns weiterhin im Verkaufsprozess befinden und die notwendigen Entscheidungen nicht gefallen sind, leider keine Aussagen zu einzelnen Standorten und deren Zuteilung treffen“, erklärte eine Metro-Sprecherin auf Anfrage. Es sei das gemeinsame Ziel von Metro und Redos, einen starken Kern von Standorten unter der Marke Real weiterzubetreiben. Auch Redos sagt, eine Festlegung, welche Standorte unter der Marke Real fortgeführt würden, sei noch nicht erfolgt.

Das Problem: Die modernisierten und profitablen Standorte, die Müller-Sarmiento gerne behalten würde, wecken natürlich auch die größten Begehrlichkeiten bei den Konkurrenten. Edeka hat die geplante Übernahme von 87 Märkten bereits beim Bundeskartellamt angemeldet. Um welche Standorte es sich dabei genau handelt, ist nicht bekannt. Die Wettbewerbshüter prüfen das jetzt sorgfältig. Das Dilemma: Ein echtes Bild über die künftige Wettbewerbssituation kann sich das Amt erst bilden, wenn auch andere Konkurrenten sich erklären. Doch die halten sich bisher zurück.

Kaufland teilte dem Handelsblatt auf Nachfrage kürzlich mit: „Wir haben kein Angebot abgegeben.“ Rewe und Globus sollen Redos unverbindliche Angebote gemacht haben, aber dabei soll es sich jeweils nur um eine einstellige Zahl an Märkten handeln. Auch mit regionalen Supermarktbetreibern wie beispielsweise Bünting soll der Investor im Gespräch sein.

Doch all das könnte nicht reichen: Da die Schließung von rund 40 unprofitablen Märkten im Konzept vorgesehen ist, müsste Redos fast 180 Standorte an Konkurrenten übergeben. Wie das angesichts der schleppenden Nachfrage funktionieren soll, ist zurzeit völlig unklar. Und außerdem muss jeder einzelne Verkauf vom Kartellamt geprüft werden.

Doch genau von diesen Unwägbarkeiten hängt der Kaufabschluss zwischen Metro und Redos ab. Denn der Vertrag soll erst unterschrieben werden, wenn klar ist, wer die Standorte übernimmt, die nicht in der Kerngesellschaft verbleiben sollen.
Das bestätigt auch Metro. „Erst im Anschluss an die Prüfungen können die finalen Zuordnungen von Real-Standorten erfolgen, sowohl bezüglich der Abgaben an Händler als auch des verbleibenden Real-Kerns“, sagte die Metro-Sprecherin. Damit aber ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es in diesem Jahr nicht mehr zu einem Verkauf kommt.

Der Immobilieninvestor x+bricks, der ebenfalls für Real geboten hatte, hatte Metro angeboten, Real im Paket zu übernehmen und sich anschließend um die Aufteilung der Märkte auf andere Betreiber zu kümmern. x+bricks hatte in einer Mitteilung betont, er verfüge über ein „detailliertes Konzept zur Sicherung der Einzelhandelsstandorte von Real, in dem diese über einen mehrjährigen Übergangszeitraum an erfahrene Partner im Einzelhandels- und Warenhausgeschäft wie Kaufland übergehen“.

Metro-Chef Koch hatte das Angebot abgelehnt. Als Begründung hatte er auf angebliche kartellrechtliche Risiken verwiesen, weil der Händler Kaufland sich vertraglich an das Konsortium um x+bricks gebunden hat. Doch auch die exklusiven Verhandlungen mit Redos haben sich immer wieder verzögert – nicht zuletzt wegen kartellrechtlicher Fragen.

Neue Unsicherheiten

Nun taucht ein weiteres Detail auf, das Fragen über die Zukunft von Real aufwirft. So heißt es in Verhandlungskreisen, Redos und seine Partner ECE und Morgan Stanley hätten bereits angekündigt, dass sie nicht beabsichtigen, langfristig als Investor an der Seite der Real-Kerngesellschaft zu stehen, sondern ihre Anteile schon nach zwei Jahren an einen neuen Investor weiterreichen wollen.

Auf die Frage, ob Redos ein vorzeitiges Ausstiegsrecht hat, reagiert Metro ausweichend. „Bitte haben Sie Verständnis, dass wir uns zu dieser Frage nicht äußern können“, erklärt die Sprecherin. Mit einer Beteiligung von nur noch 24,9 Prozent am verbleibenden Kern von Real wäre Metro nach einem Verkauf nicht mehr in einer Kontrollfunktion.

Auch Redos vermeidet eine klare Aussage, dass es sich für ein langfristiges Investment bei Real verpflichtet. „Unser Ziel ist es, gemeinsam mit dem Mitgesellschafter Metro und dem Management von Real den zukünftigen Kernbestand der Real-Märkte so auszugestalten und zu positionieren, dass eine zukunftssichere Aufstellung sichergestellt ist“, teilt ein Redos-Sprecher mit. Einen konkreten Zeitplan dafür gebe es nicht.

Im Schatten dieser Unsicherheiten versucht das Management von Real im Rahmen seiner Möglichkeiten, das Geschäftsmodell des Unternehmens auf eine bessere Basis zu stellen. So werden weiterhin Standorte modernisiert und nach dem neuen Markthallenkonzept umgebaut.

Zugleich bringt das Unternehmen innovative Formate auf den Weg. So hat Real unter dem Namen Emmas Enkel jetzt in Stuttgart einen kleinen Laden ohne Personal und herkömmliche Kassen eingerichtet. In dem Geschäft, das rund um die Uhr geöffnet ist, werden die Bestellungen der Kunden mit Hilfe von Robotik aus einem lokalen Lager zusammengestellt. Abgerechnet wird über eine App.

Den Webshop real.de hat das Unternehmen zu einem Marktplatz ausgebaut, auf dem auch andere Händler ihre Waren anbieten können. Die Umsätze über diese Plattform wachsen rasant und sind im abgelaufenen Geschäftsjahr auf 608 Millionen Euro gestiegen. Gut angelaufen ist auch eine Allianz mit drei weiteren Onlinemarktplätzen aus Frankreich, Italien und Rumänien. Dadurch hat real.de in kürzester Zeit 200 zusätzliche Händler gewonnen.

Der Real-Chef hofft, dass er dadurch das Unternehmen auch für Investoren attraktiver macht. „Das Management von Real glaubt an die Zukunft des Unternehmens und kämpft dafür“, bekräftigt Müller-Sarmiento. „Wir haben mit unseren neuen Store-Konzepten und den Fortschritten im Digitalgeschäft viel erreicht“, betont er und ergänzt: „Diese Erfolge sind in den Verkaufsverhandlungen sicherlich ein gewichtiger Faktor.“