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Razzia bei Wirecard

Wirecard im Visier der Ermittler: Am Freitag ließ die Staatsanwaltschaft München I Geschäftsräume des Dax-Konzerns durchsuchen. Die schlimmsten Ängste der Anleger kochen hoch, die Aktie sackt im nachbörslichen Handel ab.

Die Staatsanwaltschaft München ermittelt unter anderem gegen den Vorstand der Wirecard AG wegen Verdachts der Marktmanipulation. In dem Zusammenhang fand auch eine Durchsuchung der Firmenzentrale des Dax-Konzerns in Aschheim statt. Ausgelöst wurde die Razzia durch eine Strafanzeige der Finanzaufsicht Bafin. Im Visier stehen neben Firmenchef Markus Braun auch seine drei Vorstandskollegen, Finanzchef Alexander von Knoop, der fürs operative Geschäft zuständige Jan Marsalek und Vorständin Susanne Steidl. Das Unternehmen erklärte, „vollumfänglich“ mit den Ermittlungsbehörden zu kooperieren. Man sei zudem „zuversichtlich, dass der Sachverhalt sich aufklären wird und die Vorwürfe sich als unbegründet erweisen werden.“

Damit scheinen sich nun die schlimmsten Albträume der Wirecard-Anleger zu bestätigen, sie reagieren besorgt auf die Nachricht: Die Aktie verliert im Frankfurter Späthandel am Freitag prompt mehr als zwölf Prozent. Zuvor hatten die Papiere den regulären Handel 0,2 Prozent im Plus bei 95,88 Euro beendet.

Monatelang hatte die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG geprüft, ob bei Wirecard alles mit rechten Dingen zugeht. Konkret ging es um die Bücher der Jahre 2016 bis 2018. Während die Prüfung noch lief, hatte Wirecard über zwei Adhoc-Mitteilungen im März und im April den Eindruck vermittelt, dass die Prüfer bis dato zu einem Ergebnis gekommen seien, das Wirecard entlaste. Die Bafin ist der Ansicht, dass diese Veröffentlichungen womöglich irreführend waren, was eine Marktmanipulation darstellen würde.

Denn tatsächlich wurde Wirecard durch KPMG gerade nicht entlastet, wie sich infolge der Veröffentlichung des Prüfberichts Ende April herausstellte. Die Prüfer von KPMG hatten ihre Arbeit nach sechs Monaten zwar beendet, aber zu zentralen Punkten fehlte ein Ergebnis, weil zu viele Informationen nicht zur Verfügung standen. So konnte KPMG etwa nicht bestätigen, dass milliardenschwere Transaktionen tatsächlich stattgefunden haben, die Wirecard über Partnerfirmen abgewickelt haben will. Nicht mal die Existenz von Treuhandkonten mit einem Guthaben von rund einer Milliarde Euro konnten sie zweifelsfrei verifizieren. Zu allem Übel warfen die Wirtschaftsprüfer dem Unternehmensvorstand vor, Untersuchungen behindert zu haben. Die Anleger reagierten sofort, Wirecards Aktienkurs stürzte um mehr als 30 Prozent ab.

Manager der Fondsgesellschaften Union und Deka, zwei Schwergewichte, forderten personelle Konsequenzen: „Wir fordern den Rücktritt von Markus Braun“, sagte Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei der Deka, der WirtschaftsWoche am 6. Mai. Braun sei der Hauptverantwortliche für den Vertrauensverlust am Kapitalmarkt, so Speich weiter. „Dieser lässt sich nur reparieren, indem ein anderer den Chefposten übernimmt“, teilte er unserer Redaktion mit.

Die Untersuchung von KPMG geht auf Veröffentlichungen der britischen Wirtschaftszeitung „Financial Times“ zurück. Sie hatte dem Zahlungsdienstleister unter anderem vorgeworfen, seine Bilanz zu manipulieren. Wirecard hatte daraufhin die Wirtschaftsprüfer von KPMG im vergangenen Oktober beauftragt, das Zahlenwerk einer Sonderanalyse zu unterziehen.

Zu diesen Zweifeln an den Geschäftspraktiken kam dann erst vor wenigen Tagen eine weitere Hiobsbotschaft hinzu: Die WirtschaftsWoche berichtete, dass Wirecard nun auch noch unter Ratingdruck steht. Die Ratingagentur Moody’s kündigte am Dienstag an, ihre Bonitätseinstufung für den Konzern auf den Prüfstand zu stellen. Ein Analyst sah sogar die „Banklizenz in Gefahr“.

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