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Raus aus dem Corona-Loch? Deutsche Industrie setzt auf den Aufschwung

Specht, Frank
·Lesedauer: 6 Min.

Die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland hängt entscheidend davon ab, wie schnell sich die Industrie aus der Coronakrise befreit. Eine DIHK-Umfrage gibt Anlass zu Optimismus.

Industrieunternehmen beurteilen die aktuelle Lage optimistischer als die Gesamtwirtschaft. Foto: dpa
Industrieunternehmen beurteilen die aktuelle Lage optimistischer als die Gesamtwirtschaft. Foto: dpa

Die schlechte Nachricht aus Wiesbaden: Um fast elf Prozent ist die deutsche Industrieproduktion 2020 im Vergleich zum Vorjahr gesunken, meldete das Statistische Bundesamt zu Wochenbeginn. Die gute Nachricht: Die Industrie hat nach dem Lockdown-Schock im Frühjahr im Jahresverlauf bereits eine Aufholjagd hingelegt.

Lag die Produktion im April und Mai noch um fast 30 beziehungsweise gut 23 Prozent unter dem jeweiligen Vorjahresmonat, so betrug der Rückstand im Dezember nur noch 1,5 Prozent.

Nach dem starken Wirtschaftseinbruch gebe es Zeichen der Hoffnung, kommentierte der Industrieverband BDI die Statistik: „Die Unternehmen schauen wieder optimistischer in die Zukunft.“ So hat sich der Ifo-Geschäftsklimaindex im Februar überraschend deutlich aufgehellt: „Die deutsche Wirtschaft zeigt sich trotz Lockdown robust – vor allem wegen der starken Industriekonjunktur“, sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest.

Gibt es also einen Silberstreif am Horizont? Kann das verarbeitende Gewerbe die deutsche Wirtschaft aus dem tiefen Corona-Loch ziehen? Klar ist: Ohne eine durchgreifende Erholung der Industrie wird es keinen nachhaltigen Aufschwung geben. Der Sektor steht hierzulande für fast 22 Prozent der Bruttowertschöpfung – deutlich mehr als in anderen OECD-Ländern.

2019 war Deutschland hinter China, den USA und Japan nach Umsatz viertgrößter Produzent von Industriegütern. Fast 6,4 Millionen Menschen sind in deutschen Industriebetrieben beschäftigt, Millionen weitere bei Rohstoffproduzenten oder Dienstleistern, die von ihr leben.

Insofern hängt viel davon ab, wie schnell das verarbeitende Gewerbe wieder aus dem Konjunkturtal herauskommt. Mut macht eine Sonderauswertung der jüngsten Konjunkturumfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt. Demnach schätzen Industrieunternehmen die wirtschaftliche Lage optimistischer ein als die Gesamtwirtschaft.

Ein knappes Drittel (31 Prozent) der knapp 8000 Industrieunternehmen, die zu Jahresbeginn an der Umfrage teilnahmen, beurteilen ihre Geschäftslage als gut. Im Herbst lag die Quote mit 23 Prozent deutlich niedriger. Der Anteil der Betriebe, die ihre Lage negativ einschätzen, ist von einem Drittel auf ein Viertel gesunken. Per Saldo wird die Lage aber immer noch deutlich schlechter beurteilt als Anfang 2020.

Exporterwartung so hoch wie lange nicht

Die Ergebnisse der DIHK-Befragung bestätigten die Einschätzung, dass sich die Geschäftslage zu Jahresbeginn weiter verbessert habe, sagt der Chefvolkswirt des Maschinenbauverbands VDMA, Ralph Wiechers. Sie liege in seiner Branche aber nach wie vor unter dem Durchschnitt der Industrie. „Für ein besseres Ergebnis waren die Einbußen infolge der Pandemie einfach zu groß.“

Nach der Autoindustrie mussten die Maschinenbauer 2020 mit fast 14 Prozent den zweitgrößten Produktionseinbruch verkraften. „Zudem halten sich Kunden angesichts der nach wie vor herrschenden Unsicherheit mit ihren Investitionen zurück“, sagt Wiechers. Der VDMA bleibe daher bei seiner Prognose, nach der die Produktion dieses Jahr preisbereinigt um vier Prozent zulegt.

Andere Branchen starten wieder durch: Ende 2020 habe das Chemiegeschäft wie erwartet angezogen, sagt der Chefvolkswirt des Branchenverbands VCI, Henrik Meincke. „Seit Jahresbeginn setzt sich der Trend fort, weil sich die globale Industrieproduktion weiter erholt.“ Viele Kundenindustrien füllten derzeit ihre Wareneingangslager. „Das führt in der Chemie dazu, dass sich die Auftragsbücher füllen und die Erzeugerpreise steigen“, sagt Meincke.

Auch im Fahrzeugbau, der 2020 den größten Produktionseinbruch verkraften musste, bessert sich die Lage. Bei der Einschätzung der aktuellen Geschäftslage sind die Optimisten in der DIHK-Umfrage in der Überzahl: Lag der Saldo aus positiven und negativen Rückmeldungen in der Vorumfrage noch bei minus 23 Punkten, so sind es jetzt plus sechs Punkte.

Anlass zur Hoffnung gibt vor allem der Außenhandel. Der Ifo-Index der Exporterwartungen ist im Februar auf den höchsten Wert seit September 2018 gestiegen. Auslöser sind demnach die gut laufende Konjunktur in China und die anziehende Produktion in den USA.

Von den vom DIHK befragten Industrieunternehmen mit Exportgeschäft rechnen 30 Prozent mit einer Zunahme der Ausfuhrtätigkeit, ein Fünftel erwartet Rückgänge. Das Auslandsgeschäft wird damit inzwischen sogar noch besser eingeschätzt als Anfang 2020 vor Beginn der Pandemie.

Unter dem Strich gehen 37 Prozent der Industrieunternehmen für die kommenden zwölf Monate von Umsatzzuwächsen aus, in der Gesamtwirtschaft sind es 27 Prozent. Der Anteil der Pessimisten, die mit Umsatzeinbußen rechnen, ist in der Industrie mit 23 Prozent geringer als über alle Wirtschaftsbereiche hinweg (28 Prozent).

Der verhaltene Optimismus spiegelt sich auch in den Personalplanungen. Zwar ist die Zahl der Beschäftigten im verarbeitenden Gewerbe 2020 um 2,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr gesunken – das erste Minus seit zehn Jahren. Doch scheint der Personalabbau in der Industrie an sein Ende zu kommen.

Beschäftigungslage entspannt sich

Darauf deutet das Ifo-Beschäftigungsbarometer hin, das auf einer Befragung von rund 9000 Unternehmen beruht und monatlich exklusiv für das Handelsblatt berechnet wird. Der Indikator für die Gesamtwirtschaft ist zwar im Februar zum dritten Mal in Folge auf 94,5 Zähler gesunken, nach 95,1 Punkten im Vormonat. Der aktuelle Lockdown trifft vor allem Einzelhändler und Dienstleister, die Einstellungspläne zurückschrauben oder gar Jobs abbauen.

„Gegen den Trend entspannt sich aber in der Industrie die Beschäftigungssituation“, sagt Klaus Wohlrabe, der beim Ifo-Institut für die Befragungen verantwortlich ist. Zwar ist der Teilindex noch leicht negativ; weiterhin gibt es also mehr Industriebetriebe, die Entlassungen planen als Neueinstellungen. Doch seit Mai 2020 geht es mit dem Industrieindikator beständig aufwärts.

Ein Selbstläufer ist der industrielle Wiederaufschwung trotz hoffnungsvoller Signale aber nicht. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) sieht durchaus Risiken. So könnten Grenzschließungen oder ein steiler Anstieg der Corona-Fälle in EU-Nachbarländern die fragilen Lieferketten gefährden, schreiben IW-Direktor Michael Hüther und seine Kollegen Hubertus Bardt und Michael Grömling in einer aktuellen Analyse.

Weil Firmen 2020 ausgefallene Lieferungen nachholten, würden zudem Transportkapazitäten knapp und teuer. Anlass zur Sorge bietet aber auch, dass die Nachfrage nach deutschen Industriegütern aus dem Euro-Raum zuletzt wieder spürbar zurückgegangen ist. Dafür lägen aber die Bestellungen von Inlandskunden seit Oktober 2020 wieder leicht oberhalb des Jahresdurchschnitts 2019.

Dennoch sehen noch gut sechs von zehn der vom DIHK befragten Industrieunternehmen in der Inlandsnachfrage ein Geschäftsrisiko, nur im Handel ist der Anteil größer. Ein Risiko für eine rasche Erholung stellen aber auch Liquiditätsengpässe dar, von denen gut jedes siebte Industrieunternehmen berichtet.

Entsprechend verhalten sehen die Investitionspläne aus. So wollen nach der DIHK-Umfrage 28 Prozent der Betriebe ihre Investitionstätigkeit zurückfahren. Von den Firmen, die unter sinkendem Eigenkapital oder Liquiditätsengpässen leiden, sogar jede zweite.