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Rassismus: Warum der Tod von George Floyd eine internationale Bewegung auslöste

Auch in vielen deutschen Städten, wie hier in Berlin, gab es spontane Demonstrationen und Kundgebungen zur Unterstützung der "Black Lives Matter"-Bewegung. (Bild: Sean Gallup/Getty Images)

Es ist zum Verzweifeln, wenn sich die gleiche, furchtbare Geschichte immer und immer wiederholt. Doch die weltweiten antirassistischen Proteste nach dem Tod von George Floyd wirken nun wie ein Wendepunkt.

Auf unzähligen internationalen Accounts tauchten am Dienstag in den sozialen Medien schwarze Quadrate auf, die Profilbilder ersetzten. Es war die online fortgeführte Unterstützung für die antirassistischen Proteste, die seit einer Woche zunächst in den USA und dann auch in vielen europäischen Länder Menschen dazu bewegten, auf die Straße zu gehen. Der Auslöser der Empörung war der Tod von George Floyd in Minneapolis. Der 46-jährige schwarze US-Amerikaner wurde ohne Gegenwehr festgenommen und starb dann unter den Augen der umstehenden Menschen durch die brutale Behandlung der vier weißen Polizisten. Der Vorwurf war ein nichtiger: Floyd habe mit einem gefälschten 20-Dollarschein bezahlt. Nur wenige Wochen vorher war der junge schwarze US-Amerikaner Ahmaud Arbery von einem weißen Ex-Polizisten und dessen Sohn beim Joggen erschossen worden. Auch dieser Fall hatte zu zahlreichen Protesten und viel Solidarität für die “Black Lives Matter”-Bewegung geführt. Doch die Täter wurden erst nach Tagen verhaftet, nachdem neues Videomaterial sie schwer belastete und der öffentliche Druck wuchs.

Auch im Fall George Floyds dauerte es, bevor neben dem hauptbeschuldigten Polizisten, dem inzwischen "Mord zweiten Grades" zur Last gelegt wird, auch gegen die weiteren drei Polizisten Haftbefehle wegen Beihilfe zu einem Tötungsdelikt ausgestellt wurden. Es ist traurige Gewohnheit, dass solche Taten ohne Konsequenzen für die Täter enden. Viele verstecken sich hinter einer eisernen Mauer aus polizeilichem Korpsgeist und starken Gewerkschaftsverträgen, die Polizisten schützen sollen. So kommt es oft nicht einmal zu einer Anklage. Auch gegen die Polizisten im Fall Floyd lagen zahlreiche vorherige Beschwerden wegen gewalttätiger Einsätze vor, die ohne ernsthafte Konsequenzen blieben.

Im Berliner Mauerpark hat ein Künstler George Floyd mit einem Graffiti ein Denkmal gesetzt. Daneben dessen letzte Worte: "I can't breathe." (Bild: Omer Messinger/NurPhoto via Getty Images)

Es war sicherlich auch die Brutalität und die hohe Symbolkraft der Videobilder, die den Tod von George Floyd so erschütternd machten. Über acht Minuten kniete der weiße Polizist Derek Chauvin auf dem Hals eines wehrlosen, unbewaffneten schwarzen Mannes, der um sein Leben flehte. Die Brutalität dieser Aufnahmen lässt sich schlicht nicht ohne den Hintergrund jahrhunderterlanger Unterdrückung und rassistischer Ungerechtigkeit betrachten. Es erklärt auch, warum sich nicht nur Trauer und Verzweiflung in Form von friedlichen Demonstrationen zeigt, sondern auch eine Menge aufgestaute Wut und Frustration. An vielen Orten kam es zu gewalttätigen Plünderungen, auf die heftige Polizeieinsätze folgten.

Im Tod George Floyds manifestiert sich die immer wieder vorkommende rassistische Polizeigewalt. Dies alles passiert vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie, die überproportional schwarze US-Amerikaner betroffen hat, ebenso wie die wirtschaftlichen Folgen und die Arbeitslosigkeit die schwarze Bevölkerung deutlich härter treffen. Dazu ist mit Donald Trump ein Präsident im Weißen Haus, der nur die martialische Sprache der Macht und Gewalt als Antwort parat hat.

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Das Ende der Zurückhaltung

Wie hier in London gingen in Großstädten auf der ganzen Welt tausende Demonstranten auf die Straße. (Bild: REUTERS/Toby Melville)

Momentan aber geschieht etwas Ungewöhnliches. Denn selbst viele Polizeibeamte distanzierten sich von dem rassistischen Verhalten ihrer Kollegen. Es gab Bilder von in Solidarität knienden und mitdemonstrierenden Polizeibeamten aus dem ganzen Land. Und auch viele weiße Prominente, Schauspieler, Entertainer, Politiker solidarisieren sich mit der Protestbewegung. Und sie geben schwarzen Stimmen Raum, ihre Erfahrungen zu teilen. Die bekanntesten Talkshow-Hosts luden schwarze Bürgerrechtler, Politiker und Schauspieler ein, um mit ihnen zu sprechen. Seth Meyers überließ in seiner “Late Night Show” die Eröffnung seiner schwarzen Autorin Amber Watts, die von ihren Erfahrungen mit der Polizei berichtete. Es war berührend, wie hilflos und solidarisch CBS-Host James Corden per Videocall der Verzweiflung seines Freundes und Bandleaders Reggie Watts gegenüberstand, als dieser in Tränen ausbrach. Es scheint so, als würden viele weiße Menschen nun zum ersten Mal dieser kollektiven Erfahrungswelt ihrer schwarzen Mitmenschen richtig zuhören. Die Macht, mit der sich diese Trauer und Wut nun Bahn bricht, reicht weit über die Grenzen der USA hinaus. Ob in Paris, London, Auckland oder Rio de Janeiro: Überall gehen Menschen auf die Straße, um ihre Haltung gegen den Rassismus zu zeigen.

“Warum liebt uns Amerika nicht?”

Hatte es noch hohe Wellen geschlagen, als der Footballspieler Colin Kaepernick zum Zeichen seines friedlichen Protestes gegen Polizeigewalt während der Nationalhymne kniete, scheinen viele Prominente jetzt den drohenden Karriereknick nicht mehr zu fürchten. Zu groß ist die Wut und Enttäuschung über ein System, das sich immer wieder gegen schwarze Menschen richtet und ihnen auch 155 Jahre nach dem Ende der Sklaverei keinen gleichberechtigten Platz in der Gesellschaft einräumt. NBA-Superstar LeBron James fasste das Gefühl vieler schwarzer US-Amerikaner in seinem Tweet zusammen und fragt sich: “Warum liebt uns Amerika nicht genauso?”

Selbst Dirk Nowitzki, sonst wie viele Sportler eher zurückhaltend mit politischen Äußerungen, nahm eine klare Position ein. “Wir brauchen den Wandel jetzt!”, schrieb der deutsche NBA-Star.

Der englische Hollywoodstar John Boyega sprach es in seiner Wut noch wesentlich deutlicher auf seinem Instagram-Account aus. Ihm sei es egal, wenn seine Karriere nach seinen Äußerungen beendet sein sollte. Bei “Black Lives Matter”-Demonstrationen in London trat der “Star Wars”-Schauspieler ebenfalls als Sprecher auf.

Auch Ex-Präsident Barack Obama, der sich in den bisherigen Trump-Jahren bemerkenswert aus der tagesaktuellen Politik zurückgehalten hat, meldete sich zu Wort, mit einer Botschaft über gesellschaftlichen Zusammenhalt und Veränderung, die man sich eigentlich von einem amtierenden Präsidenten erwartet hätte.

Die Anteilnahme hat viele Gesichter. Die Spieler des FC Liverpool knieten solidarisch im Kreis zum Trainingsauftakt, Bundesligaspieler zeigten auf Shirts und Armbinden ihre antirassistische Haltung. Und Stars von Beyoncé, Lady Gaga, Billie Eilish bis hin zu Justin Bieber nutzen ihre Prominenz, um ihre Solidarität zu zeigen. Führende Politiker von Kanadas Premier Justin Trudeau bis zu Bundeskanzlerin Angela Merkel und sogar der sonst Trump-freundliche britische Premierminister Boris Johnson verurteilten den anhaltenden Rassismus. So zeigt die große Bandbreite der Reaktionen auch, wie relevant und dringlich das Thema Rassismus immer noch ist.

Kein “amerikanisches Problem”

Klar ist aber auch, das es sich keineswegs um ein auf die USA beschränktes System handelt. Überall auf der Welt haben People of Color (POC) Repression durch die Polizei und Sicherheitskräfte zu befürchten. Die jeweiligen Umstände in den Ländern mögen sich unterscheiden, das Problem, aufgrund der Hautfarbe anders behandelt zu werden, als weiße Menschen, ist ein universelles. Und eines, dem die weiße Mehrheit zuhören und Aufmerksamkeit schenken sollte, um den Wandel selbst mit voranzutreiben. Mit einem Hashtag und einem Profilbild wird das allerdings nicht geschehen. Es braucht ein Umdenken, ein sich selbst in Frage stellen und auch ein Aufbrechen rassistischer Strukturen. Am kommenden Wochenende sind auch in Deutschland wieder in vielen Städten Demonstrationen angekündigt.

Es ist nicht das erste Mal, dass eine Welle von antirassistischen Bewegungen über die USA schwappt. Ob sich die anhaltenden, auch internationalen Proteste dieses Mal in einem wirklichen gesellschaftlichen Wandel und einer Veränderung der fest verankerten Polizeikultur widerspiegeln werden, wird spätestens die Präsidentschaftswahl im November zeigen.

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