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RAG-Stiftung beteiligt sich an Bieterkonsortium für Thyssen-Aufzüge

Die Kohle-Stiftung hat sich Insidern zufolge mit Finanzinvestoren verbündet. Am Mittwoch hat sich der Aufsichtsrat von Thyssen-Krupp mit den Geboten befasst.

Für Bernd Tönjes, Chef der Essener RAG-Stiftung, verlief die vergangene Woche ausgesprochen erfreulich. Erst am Montag erzielte die Kohlestiftung einen Erlös von mehr als 630 Millionen Euro aus dem Verkauf von Evonik-Anteilen. Damit allein ist die Finanzierung der Ewigkeitslasten aus dem deutschen Bergbau, für die die Stiftung 2007 gegründet wurde und deren Kosten 2019 bei rund 300 Millionen Euro lagen, für die nächsten zwei Jahre gesichert.

Auch für die Zeit danach hat Vorstandschef Tönjes schon viele Milliarden Euro beiseitegelegt. Die müssen gewinnbringend investiert werden. Ein interessantes Ziel dafür hat sich die RAG-Stiftung nun ausgeguckt: Zusammen mit den Finanzinvestoren Advent und Cinven bietet sie für die Aufzugsparte von Thyssen-Krupp, wie Insider berichten.

Schon mehrmals war die Stiftung als Retterin für den notleidenden Industriekonzern im Gespräch. Diesmal gehe es aber vor allem ums Geschäft, erklärten mit der Sache vertraute Personen. Demnach könnte die Stiftung im Konsortium einen Betrag von weniger als einer Milliarde Euro beisteuern. Eine beherrschende Stellung im Konsortium strebe die Stiftung damit nicht an, hieß es weiterhin.

Unklar blieb dabei allerdings, wie das Angebot der RAG-Stiftung darüber hinaus ausgestaltet ist. So wäre denkbar, dass die Stiftung selbst Anteile an Thyssen-Krupp Elevator übernimmt und somit zum direkten Teilhaber wird. Möglich ist aber auch, dass die RAG im Konsortium lediglich als Geldgeber fungiert – etwa als Kreditgeber oder Teilhaber eines Beteiligungsfonds.

Sowohl Thyssen-Krupp als auch die RAG-Stiftung wollten sich bislang nicht zu der Meldung äußern, über die die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ am Mittwochabend zuerst berichtet hatte.

Neben dem Konsortium aus Cinven, Advent und der RAG-Stiftung sind derzeit noch weitere Finanzinvestoren sowie die Konkurrenten Hitachi aus Japan und Kone aus Finnland an Thyssen-Krupps Aufzugsgeschäft interessiert.

Auch ein Börsengang oder Teilverkauf ist möglich, wenn auch zunehmend unwahrscheinlich. Analysten schätzen den Wert der kompletten Sparte auf rund 15 Milliarden Euro. Der Ruhrkonzern braucht das Geld dringend, um seine defizitären Geschäfte zu sanieren.

Trotz des arbeitnehmerfreundlichen Rufs der RAG-Stiftung will sich die IG Metall noch auf kein Urteil zum Angebot festlegen. Im Gespräch mit dem Handelsblatt sagte NRW-Bezirksleiter Knut Giesler: „Für uns ist jeder Finanzinvestor interessant, der langfristig Standorte und Beschäftigung sichert und ein Zukunftskonzept für den Elevator-Bereich vorlegt.“ Die Prüfung der Angebote durch die Arbeitnehmer werde im Januar und Februar erfolgen. Die Zustimmung der Arbeitnehmer ist eine wichtige Bedingung für einen erfolgreichen Verkauf.

Ähnlich äußerte sich NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP). „Mit Blick auf den globalen Erfolg der Aufzugsparte liegt es im Interesse des Landes, dass deren Innovationskraft erhalten bleibt und sich die neuen Eigentümer ihrer sozialen Verantwortung gegenüber der Belegschaft bewusst sind“, sagte er dem Handelsblatt.

Der Konzern will wieder fit für den Wettbewerb werden

Dabei ist für die Arbeitnehmer ein strategischer Investor derzeit wohl die riskanteste Option. Denn um bei einer Fusion nennenswerte Einsparungen zu erzielen, müsste ein Käufer wie der finnische Rivale Kone wohl erst einmal Stellen abbauen. Rund 50.000 Mitarbeiter beschäftigt Thyssen-Krupp Elevator weltweit, jeden zehnten davon in Deutschland.

Während der Aufsichtsrat von Thyssen-Krupp über die Angebote der Finanzinvestoren bereits am Mittwoch beraten hat, haben Kone und Hitachi länger Zeit, ihre Pläne vorzustellen. Eine Entscheidung im Bieterprozess hatte die Vorstandschefin des Ruhrkonzerns, Martina Merz, erst für den März angekündigt. Parallel dazu bereitet der Konzern auch einen Börsengang des Aufzugsgeschäfts vor, der aber mittlerweile eher als unwahrscheinlich gilt.

Mit dem Erlös will die Interimsmanagerin, deren Amtszeit regulär noch bis September läuft, einerseits die hohen Schulden des Ruhrkonzerns abbauen, andererseits milliardenschwere Pensionsverpflichtungen senken. Zudem hat der Konzern in einigen Geschäften einen hohen Investitionsbedarf, den er im Moment größtenteils nicht aus eigener Kraft stemmen kann.

Viele Milliarden muss der Konzern etwa in seine Stahlsparte stecken, um die in die Jahre gekommenen Anlagen im Ruhrgebiet wieder für den globalen Wettbewerb fit zu machen. Gleichzeitig sind im Anlagenbau sowie in der Komponentenfertigung hohe Abschreibungen zu erwarten. Beide Geschäftsbereiche stehen ganz beziehungsweise teilweise auf dem Verkaufszettel. Dabei sind sie mit höheren Werten in der Bilanz berücksichtigt, als sich durch einen Verkauf wohl erzielen ließe.

Je länger sich der Verkauf des Aufzuggeschäfts hinzieht, desto stärker wächst auch der finanzielle Druck auf Thyssen-Krupp. Das Gearing, also das Verhältnis zwischen Nettofinanzschulden und Eigenkapital, lag im abgelaufenen Geschäftsjahr bei 167 Prozent. Gleichzeitig stecken die Stahlsparte und der Anlagenbau tief in den roten Zahlen. Bei der Hauptversammlung in wenigen Wochen wird der Vorstand angesichts dessen eine Nulldividende vorschlagen.