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Rachel Empey – Die empathische Analytikerin bei Fresenius

Mit ihrer Erfahrung in der Telekommunikationsbranche bereichert die Britin die strategische Diskussion bei Fresenius. Als Finanzvorständin setzt sie auf Transparenz.

Rachel Empey stellt sich auf ihre Gesprächspartner ein. Dieser Ruf eilt der 43-jährigen Britin voraus, und sie bestätigt ihn im Wortsinne: In ihrem Büro fährt sie als Erstes ihren Stehtisch in die für den Besucher passende Höhe, bevor sie das Gespräch eröffnet. Seit zwei Jahren und vier Monaten ist Empey Finanzchefin beim Dax-Unternehmen Fresenius. Und hat die wohl unruhigsten zwei Jahre des Konzerns seit Langem miterlebt.

Die Milliardenübernahme der US-Pharmafirma Akorn, die noch rechtzeitig zurückgenommen werden konnte, bevor sie zum verheerenden Fehlschlag für das Unternehmen wurde, gehörte ebenso dazu wie das Revidieren der Jahres- und schließlich der Mittelfristziele.

Schwere Kost für die Märkte, die doch über Jahre gewohnt waren, dass es bei Fresenius wie am Schnürchen läuft. Denn das Unternehmen mit zuletzt 33,5 Milliarden Euro Umsatz ist breit im krisensicheren Gesundheitsmarkt aufgestellt: Zu Fresenius gehören die ebenfalls im Dax notierte Dialysetochter Fresenius Medical Care, der Klinikkonzern Helios, die Medikamente- und Ernährungssparte Kabi sowie der Klinikdienstleister Vamed.

Schonfrist hatte Rachel Empey bei ihrem Einstieg bei Fresenius nicht: Der Fall Akorn, der als Rechtsstreit noch bis vor das oberste US-Gericht ging, band viele Kapazitäten von Konzernchef Stephan Sturm. „Mir war klar, dass ich mich ganz schnell in die CFO-Aufgaben einarbeiten musste, um Stephan Sturm – der zu dem Zeitpunkt CEO und CFO war – möglichst viel Arbeit abzunehmen“, sagt sie.

Auch in der Kommunikation mit Investoren und Analysten übernahm Empey zügig eine wesentliche Rolle. „Sie hat sich schnell in die Themen reingearbeitet. Positiv fällt auf, dass sie das direkte Gespräch und den Austausch sucht“, sagt Volker Braun, der als Aktienanalyst beim Bankhaus Lampe das Unternehmen beobachtet.

Als Fresenius Ende vergangenen Jahres erstmals seit Langem die Konzernziele reduzierte, legte die Finanzchefin Wert darauf, einen guten Überblick zu geben. „Es ist nicht immer einfach, wenn man erklären muss, dass etwas nicht so läuft, wie man es möchte. Aber man muss es erklären“, sagt die Mathematikerin mit Zusatzausbildung in Wirtschaftsprüfung.

Zusätzliche Roadshows gemeinsam mit CEO Sturm, Telefongespräche mit Investoren und eine viel tiefer als zuvor gehende Erläuterung der Geschäftsmodelle und -perspektiven scheint die Investoren in den vergangenen Monaten wieder mehr von Fresenius überzeugt zu haben: Die Aktie, die sich von ihrem Tiefpunkt im vergangenen Dezember wieder erholt hat, wird aktuell überwiegend zum Kauf empfohlen.

Bei den Analysten kommt Empey an. „Rachel Empey ist sehr kompetent. Sie geht die Dinge wie Stephan Sturm sehr analytisch an. Man merkt, dass beide auf einer Wellenlänge schwimmen“, meint Oliver Metzger von der Commerzbank.

Einzige Frau im Vorstand

Sehr analytisch, sehr empathisch und dabei authentisch, so hatte Thorsten Dirks, ihr früherer Chef bei Telefónica Deutschland und heute CEO von Eurowings, Empey einmal im Gespräch mit dem Handelsblatt beschrieben. Um im neuen Unternehmen besser ins Gespräch zu kommen, lernte sie innerhalb kürzester Zeit Deutsch.

Als einzige Frau im Fresenius-Vorstand findet Empey schon, dass das Unternehmen noch mehr Frauen auf den oberen Führungsebenen haben könnte. Sie selbst hat kürzlich eine Investmentbankerin als neue Bereichsleiterin Finanzen eingestellt. „Ich schaue in meinen Teams immer auch auf Diversität in Bezug auf Geschlecht, Nationalität, Erfahrungshintergrund und so weiter“, sagt Empey. „Aber ich ziehe keine Frau vor: Ich nehme den besten Kandidaten oder die beste Kandidatin.“

Fresenius-Mitarbeiter schätzen ihre offene und zugleich verbindliche Art im Umgang. Und mit dem professionellen Du, das sie mit ihren Mitarbeitern pflegt, schlug sie im traditionell eher förmlichen Konzern neue Töne an. Auch im Aufsichtsrat hat sie ein gutes Standing. Sie mache ihre Sache gut, heißt es, und beziehe auch bei strategischen Fragestellungen Position.

Das ist nicht zuletzt für Konzernchef Stephan Sturm wichtig, der sich als neuen CFO einen Sparringspartner gewünscht hatte, jemanden, mit dem man Strategien diskutieren kann. Dass Empey und Sturm gut miteinander auskommen und einen offenen Austausch pflegen, ist bei ihren gemeinsamen Auftritten zu merken. Auch dass sich beide im vierten Stock des Fresenius-Gebäudes eins ein Vorzimmer und drei Assistentinnen teilen, die sie gemeinsam ausgewählt haben, zeigt die Team-Haltung.

Empey selbst sieht ihren Beitrag in den Diskussionen auf Managementebene unter anderem darin, die Perspektive der Disruption einzubringen, die sie aus der Telekommunikationsbranche nur zu gut kennt. Gesundheitsunternehmen steht sie noch bevor, auch wenn Fresenius signifikante Veränderungen wie den Wandel von stationärer zu ambulanter Behandlung jetzt bereits spürt.

An Komplexität gewöhnt

Auf der anderen Seite beschäftigt Empey das Thema Synergien – „finanziell, in der IT, strategisch oder medizinisch“, sagt sie. Bei der spanischen Kliniktochter Quironsalud etwa gibt es derzeit ein Modell, bei dem ein ganzer Stadtteil von der Klinikkette versorgt wird. Ähnliche Modelle könnten auch für andere Bereiche der Gesundheitsversorgung oder andere Länder relevant werden, meint sie.

In ihrem Kerngebiet, der Finanzberichterstattung, ist ihr Transparenz besonders wichtig. Das führt bei einem Unternehmen mit vier Teilkonzernen mittlerweile zu vielen Seiten Überleitungsrechnung in der Quartalsberichterstattung. Natürlich sei das Zahlenwerk komplex geworden, gibt Empey zu. „Aber wir wollen das Geschäft gut beschreiben, deswegen müssen wir auch die Sondereffekte genau erklären“, sagt sie.

Ein Beispiel: Wenn man nur die Gewinn- und Verlustrechnung betrachtet, dann gab es, den Verkauf von Sound eingerechnet, letztes Jahr einen Gewinnsprung, auf den in diesem Jahr ein Gewinnrückgang folgen wird. „Das bildet aber nicht ab, wie sich unser Geschäft wirklich entwickelt hat“, bemerkt sie.

Analyst Volker Braun ist nicht überzeugt: „Das Bemühen, das Zahlenwerk immer mit dem Vorjahr vergleichbar zu machen, führt mittlerweile zu so vielen Bereinigungen, dass die Transparenz nicht unbedingt erhöht wird. Der Wille, der dahintersteht, ist erkennbar. Aber ich zweifle, ob diese Komplexität wirklich hilfreich ist“, führt er aus.

Die nötige Erfahrung für die Königsdisziplin der strategischen Unternehmensführung, die Akquisitionen, erwarb sie unter anderem mit dem Kauf von E-Plus bei Telefónica. Insofern brauche sie diese Erfahrung für ihre persönliche Bilanz als CFO nicht mehr, sagt Empey. Gleichwohl geht sie fest davon aus, „dass Fresenius in Zukunft wieder eine große Akquisition machen wird“. So wie es das Unternehmen auch in der Vergangenheit immer wieder getan habe.

Aber es sei eine Frage des richtigen strategischen Ziels, des richtigen Zeitpunkts und des richtigen Preises. Da sei Fresenius bisher noch nicht fündig geworden, sagt Empey und ergänzt: „Aber eine solche Gelegenheit wird kommen, das ist nur eine Frage der Zeit.“