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Rückschlag für Franziskus? – Was es mit den Rücktritten bei der Finanzaufsicht des Vatikans auf sich hat

Binnen einer Woche sind im Vatikan zwei Mitglieder der Finanzaufsicht zurückgetreten – und ein neuer Immobilien-Skandal bahnt sich an. Was ist da los?

Wenn der Papst von seiner Reise zurückkehrt, warten zahlreiche Probleme auf ihn. Foto: dpa

Am Dienstag kommt Papst Franziskus von seiner Reise nach Thailand und Japan zurück nach Rom. An dem Tag soll der Name des neuen Präsidenten der Finanzaufsicht des Vatikans (AIF) bekanntgegeben werden. In einer dürren Mitteilung wurde dem bisherigen Chef, dem Schweizer Finanzexperten René Brülhart, für seine Arbeit gedankt und angekündigt, dass der Nachfolger ein „hohes professionelles Profil und Kompetenzen auf internationalem Niveau habe”.

Die Jobbeschreibung trifft exakt auch für Brülhart zu, der postwendend mitteilte, dass er es sei, der gehe. Der Vatikan dagegen spricht vom Auslaufen des Vertrags nach fünf Jahren. Insider staunen, dass es keine Verlängerung für den hoch geschätzten Experten für die Bekämpfung von Geldwäsche gegeben hat. Einen Tag später trat auch der deutsch-französische Finanzexperte Marc Odendall von seinem Posten im fünfköpfigen Verwaltungsrat der Finanzaufsicht zurück.

Vor sieben Jahren hatte der Papst den 47-jährigen Schweizer Anwalt Brülhart berufen, erst als Berater, dann als Präsidenten der AIF. Er war der erste Laie, also Nicht-Kleriker, an der Spitze der Finanzaufsicht. Seine Aufgabe war es, die Einführung und Befolgung internationaler Standards in der Finanztransparenz des Vatikans durchzusetzen und Geldwäsche zu bekämpfen.

„Der Vatikan ist kein kommerzieller Finanzplatz, sondern ein ganz spezielles und eingeschränktes Umfeld“, sagte Brülhart dem Handelsblatt. „Es gibt keine kommerziell tätigen Banken, keine Börse, keine Versicherungsunternehmen, keine Treuhänder und keine Anwälte, die im Finanzbereich zuständig sind.“ Und deshalb könne man zur Bekämpfung der Geldwäsche auch nicht einfach etwa das deutsche Aufsichtssystem der Bafin aufsetzen. „Wir müssen ein maßgeschneidertes System haben, das funktioniert und nachhaltig ist.“

Das ist ihm gelungen. Unter seiner Führung wurden im Vatikan die internationalen und europäischen Standards in der Finanztransparenz eingeführt. Brülhart schuf ein Meldesystem für verdächtige Transaktionen und startete eine interne Bereinigung bei der Vatikanbank IOR, seitdem wurden rund ein Viertel der Konten geschlossen. Seit einem Jahr gehört der Vatikanstaat auch zum europäischen Zahlungsraum SEPA und hat eine eigene IBAN für Zahlungen in Euro – eine Revolution für den verschwiegenen Kirchenstaat, der lange Jahre keine Bilanzen veröffentlichte.

Doch jetzt droht ein Rückschritt bei den Reformbemühungen des Papstes, der seit seiner Wahl 2013 versucht hat, die undurchsichtigen Finanzstrukturen zu durchleuchten. Wenn die AIF nicht mehr handlungsfähig sei, sei auch der letzte Versuch gescheitert, den internationalen Kontrollinstitutionen Garantien für Transparenz zu bieten, meint ein Insider, der seinen Namen nicht nennen will.

Schon gibt es erste Konsequenzen. Brülhart hatte den Vatikanstaat auch in die Egmont-Gruppe gebracht, in der Finanzbehörden von 130 Staaten Informationen über den Kampf gegen Geldwäsche und Terrorfinanzierung austauschen. Doch jetzt kam die Nachricht, dass dem Vatikan vorerst kein Zugang mehr zum gesicherten Kommunikationsnetzwerk gewährt wird.

Und im März steht die Inspektion des Moneyval-Komitees des Europarats im Vatikan an, bei der der Stand der Einhaltung der internationalen Standards gegen Geldwäsche und Terrorfinanzierung überprüft wird.

Transparenz-Pläne sind an Skandalen gescheitert

Es sieht nach internem Kompetenzstreit und nach einem neuen Aufflackern des alten Gegeneinanders von Reformern und Blockierern an der römischen Kurie aus. Und nach einem neuen Finanz-Skandal. Wie immer gibt es wenig Fakten, aber umso mehr Gerüchte und neue „Enthüllungsbücher“.

In einem davon steht sogar, dass der Vatikan vor der Staatspleite stehe. Monsignor Nunzio Galantino, der Präsident der Apsa, der Verwaltung der Immobilien des Heiligen Stuhls, dementierte umgehend. Es gebe keinen Crack und auch keinen Zahlungsverzug, sondern nur die Notwenigkeit, alle Kosten zu überprüfen – „und das tun wir gerade“, sagte er der katholischen Tageszeitung Avvenire. Und die Apsa habe keine geheimen oder Nummernkonten.

Ein Fakt ist, dass Anfang Oktober die Büroräume der AIF von der Gendarmerie des Vatikans durchsucht wurden. Computer und Dokumente wurden beschlagnahmt. Fünf Angestellte des Vatikans wurden vom Dienst suspendiert, darunter auch Tommaso Di Ruzza, der Direktor des AIF. Gegen ihn wird wegen Unregelmäßigkeiten beim Erwerb einer Immobilie in London durch das vatikanische Staatssekretariat ermittelt. Doch welche Vorwürfe ihm genau gemacht werden, wurde bisher nicht veröffentlicht.

Für die Immobilie in Chelsea, eine ehemalige Harrod’s-Filiale, die zu Luxuswohnungen umgebaut werden soll, hatte der Vatikan erst viel Geld bezahlt, von einem dreistelligen Millionenbetrag ist die Rede, und dann bei der Vatikanbank IOR um einen Kredit gebeten.

Brülhart stellte sich hinter seinen Direktor und erklärte, Di Ruzza habe sein vollstes Vertrauen. Seitdem soll Brülhart sich isoliert gefühlt haben. Er soll weder eine Begründung für die Durchsuchung beim AIF noch ein Inventar des beschlagnahmten Materials bekommen haben, schreiben die Vatikan-Insider in Rom.

„Die Kirche hat seit Jahrzehnten alle finanziellen Fragen an Banker delegiert, und die haben das IOR wie eine Bank wie alle anderen behandelt, dabei wären eher Buchhalter nötig gewesen“, sagt der Mailänder Ökonom Giulio Sapelli. Und das habe das Tor geöffnet für Finanzspekulationen. „Ein Fall wie das Immobiliengeschäft in London ist sehr schädlich für den Ruf der Kirche.“

Alle Pläne von Papst Franziskus, für mehr Transparenz bei den Finanzen zu sorgen, seien an Skandalen, Prozessen und Entlassungen gescheitert, meint ein anderer Insider. Auch die kürzliche Ernennung des neuen Präfekten des Wirtschaftssekretariats wird kritisch gesehen.

Als Nachfolger für Kardinal George Pell, der in seiner australischen Heimat wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt wurde und auf sein Berufungsverfahren wartet, ernannte der Papst vor ein paar Tagen den spanischen Jesuitenpater Juan Antonio Guerrero. Er habe keine Erfahrung im Vatikan und keine Finanzexpertise, heißt es. Das werde nicht zu einem neuen Aufbruch und Reformen beitragen. „Was das Wirtschaftssekretariat heute macht, weiß keiner”, schreibt ein Vatikanist.

Immerhin, eine andere wichtige Personalie gibt Grund zur Hoffnung auf mehr Aufklärung und Durchgreifen gegen Misswirtschaft: Neuer Präsident des vatikanischen Gerichts wird Giuseppe Pignatone. Der Untersuchungsrichter, der bis zu seiner Pension vor kurzem Oberstaatsanwalt in Rom war, ist einer der bekanntesten und erfolgreichsten Mafiajäger Italiens.