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"Mit dem Rücken zur Wand" - Chefs von Kik, Thalia und S. Oliver protestieren vorm Kanzleramt für mehr Hilfen

·Lesedauer: 5 Min.
Die Chefs und Mitarbeiter von Einzelhändlern wie Thalia, Kik und S.Oliver bei der Protestaktion vorm Kanzleramt.
Die Chefs und Mitarbeiter von Einzelhändlern wie Thalia, Kik und S.Oliver bei der Protestaktion vorm Kanzleramt.

Es passiert nicht alle Tage, dass vier Geschäftsführer der größten Einzelhandelsketten Deutschlands aktiv an Protesten teilnehmen. Am Mittwoch trafen sich die CEOs von S.Oliver, KiK, der Buchhandelskette Thalia sowie dem Textildienstleisters Katag gemeinsam mit Mitarbeitenden aus dem Einzelhandel vor dem Berliner Bundeskanzleramt, um für staatliche Hilfen und Lockerungen für den Handel zu demonstrieren.

"Hilfen für den Handel! Jetzt!" steht auf dem Mottowagen im Karnevalsstil des Künstlers Jacques Tilly, vor dem sie posieren. Er zeigt einen Händler, der vom "Dauerlockdown" in Ketten gelegt wurde. Mit der Aktion wollen die Einzelhändler, die sich gemeinsam mit 50 anderen großen Unternehmen in der Initiative "Das Leben gehört ins Zentrum" in der Pandemie organisieren, ein Zeichen des Protests setzen und auf ihre Lage aufmerksam machen. "Wir erwarten nicht, dass die Kanzlerin persönlich erscheint", sagte Busch. Kurzzeitig kam aber immerhin Staatsministerin Dorothee Bär vorbei.

"Es droht ein Fiasko", sagt der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland (HDE), Stefan Genth, der ebenfalls vor Ort war. "Die Obergrenzen bei den Hilfen müssen endlich weg. Ansonsten haben größere Handelsunternehmen, die die Fußgängerzonen bundesweit mit ihren vielen Filialen beleben, keine Chance." Laut einer Umfrage des HDEs könnten durch die Corona-Krise um die 120.000 Geschäfte in den deutschen Innenstädten verschwinden.

Von links nach rechts: Patrick Zahn (CEO Kik), Claus-Dietrich Lahrs (S.Oliver), Michael Busch (Thalia), Stefan Genth (HDE), Daniel Terberger (Katag)
Von links nach rechts: Patrick Zahn (CEO Kik), Claus-Dietrich Lahrs (S.Oliver), Michael Busch (Thalia), Stefan Genth (HDE), Daniel Terberger (Katag)

Die Initiative fordert einen Rettungsschirm und höhere Fördergrenzen. Derzeit liegt die Obergrenze der staatlichen Hilfe für alle Unternehmen bei zwölf Millionen Euro — für mittelständische und große Firmen reicht dies oft nicht einmal für die Fixkosten. Konkret geht es den Händlern darum, eine Schadensregulierung nach EU-Recht zu erreichen, womit die Deckelungssumme von zwölf Millionen umgangen werden könnte. Die EU-Kommission ist laut Genth und Brancheninsidern bereits seit längerem einverstanden, das Wirtschaftsministerium sei es auch, nun liege die Entscheidung nur noch bei Finanzminister Olaf Scholz (SPD). Dieser hat scheinbar auch schon Bereitschaft signalisiert, wie es dem Vernehmen nach heißt. Erst wenn er final zustimmt, wird die Bundesregierung den entsprechenden Antrag bei der EU stellen können. Wie es aus dem Branchenumfeld heißt, gab es in den vergangenen Wochen Terminfindungsschwierigkeiten seitens des Finanzministeriums, einige Händler unterstellten Scholz' gar eine Hinhaltetaktik.

Kik-Chef kritisiert Wirtschaftsminister Altmaier in persönlichem Brief

Kik-Chef Patrick Zahn ging nun sogar Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) in einem persönlichen Brief scharf an. Business Insider liegt dieser Brief vor. In dem Schreiben geht Zahn auf folgende Aussage Altmaiers während des dfv-Kongresses „Zukunft Stadt“ Ende April ein. „Ich bin total beeindruckt von der Widerstandsfähigkeit des Einzelhandels", sagte der Minister damals. Dieses Lob sei "vergiftet", gar "zynisch", so Zahn. "Ja, die ganze Branche hat gekämpft, doch letztlich haben wir diesen Kampf allein geführt – gegen die und nicht mit der Politik und ohne finanzielle Unterstützung", schreibt er.

Er kritisiert, dass für die Industrie sowie die Messewirtschaft diverse Hilfen finanziell und organisatorisch umgesetzt werden, wogegen der Handel weggeschlossen und einseitig belastet werde. Die Politik wiederum verwies bei ihren Entscheidungen bislang auf wohlhabende Eigentümer oder die Beteiligung von Finanzinvestoren an diesen Unternehmen.

Zahn schreibe stellvertretend für den gesamten Einzelhandel: "Wir stehen mit dem Rücken zur Wand und kämpfen jeden Tag für den Erhalt unserer Unternehmen mit ihren hunderttausenden Arbeitsplätzen im Einzelhandel." Das Eigenkapital von KiK sei dramatisch geschrumpft. Allein die Mietkosten der 2.600 Filialen in Deutschland betragen demnach pro Monat 13,5 Mio. Euro. Auch der S.Oliver-Chef Claus-Dietrich Lahrs gab etwa an, dass der Textilhändler im Lockdown eine Million Euro pro Tag verliere.

Thalia-Chef: "Wir brauchen einen Marshall-Plan"

"Wir brauchen jetzt einen Marshall-Plan für den Einzelhandel, Gastronomie und Hotels, in dem zum einen wirtschaftliche Verluste kompensiert und zum anderen für die Zukunft in die Wiederbelebung der Innenstädte investiert wird", sagt Michael Busch, Geschäftsführer des Buchhändlers Thalia, im Gespräch mit Business Insider am Rande des Protests vorm Kanzleramt.

Er kritisiert, dass durch die Schließungen vor allem Plattformen wie Amazon profitieren. "Die europäischen und nationalen Champions, die in der Lage wären, mit Amazon und Co. auf Augenhöhe zu konkurrieren, lässt man in der Krise verrecken", so Busch. In den letzten vier Jahren habe Thalia in Deutschland Marktanteile von Amazon zurückgewinnen und den Online-Riesen überholen können, dank hoher Investitionen in die digitale Infrastruktur. Weitere Investitionen, um diesen Marktanteil zu halten, werden ohne staatliche Hilfen kaum möglich sein, so Busch, da das Unternehmen die Schulden aus der Corona-Krise abbauen müsse.

Zu Beginn der Pandemie habe Thalia keine Schulden gehabt, derzeit stehe das Unternehmen mit 100 Millionen im Minus. Konkret brauche der Buchhändler nun 30 bis 40 Millionen Euro, sagt Busch. In beiden Lockdowns habe Talia bisher 80 Millionen Euro verloren und gehe auf die 100 Millionen zu, erhalte aber nur sechs Millionen Euro an Hilfen. Davon habe Thalia laut Buschs Aussage drei Millionen wieder reinvestiert in die Aufstockung der Kurzarbeitsgehälter auf 100 Prozent.

Die Initiative forderte eine Perspektive für die vollständige bundesweite Öffnung von Geschäften sowie ein Ende der Testpflicht für den Einkauf bei Sieben-Tage-Inzidenzen von unter 100. Der Wert gibt an, wie viele Menschen pro 100.000 Einwohner sich innerhalb einer Woche mit dem Coronavirus infizieren. Laut dem Robert Koch-Institut lag der Wert im bundesweiten Durchschnitt am Mittwoch bei 72,8 mit einer sinkenden Tendenz. Laut des RKIs und Studien der TU Berlin ist der Einzelhandel außerdem kein Infektionsherd. Die Initiatoren der Krise verweisen auch auf die Zahlen aus dem durchweg geöffneten Lebensmittelhandel (LEH), die dies unterstützen. Sie fühlen sich gegenüber dem LEH benachteiligt und klagen zum Teil auch gegen den Grundsatz der Gleichberechtigung vor dem Bundesverfassungsgericht und in einzelnen Bundesländern.

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