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Der rätselhafte Absturz eines deutschen Wunderläufers

Mohamed Mohumed ließ sich kurz nach dem Zieleinlauf zu Boden fallen und küsste die Tartanbahn des Münchner Olympiastadions.

Wie nach jedem Rennen führte der gläubige Moslem sein Ritual durch - doch genau wie bei der WM in Eugene war dies nicht gleichbedeutend mit einem Erfolgserlebnis.

„Ich habe schon früh im Rennen gemerkt, dass nichts geht. Es ist leider sehr bedauerlich“, sagte der derzeit beste deutsche Mittel- und Langstreckenläufer im Gespräch mit SPORT1.

Es war der Vorlauf über 1500 Meter, den er in 3:45.53 Minuten auf dem 13. und letzten Platz beendet hatte. Für einen wie ihn, der den Ruf eines deutschen Wunderläufers hat, und im Frühjahr sogar Olympiasieger Jakob Ingebrigtsen an den Rande einer Niederlage brachte, war es der nächste schwere Rückschlag nach der WM.

Mohumed: „Das kann ich mir nicht erklären“

„Ich hatte auf jeden Fall mit einer Medaille geliebäugelt, was jetzt passiert ist, das kann ich mir erstmal nicht erklären“, sagte der Athlet der LG Olympia Dortmund.

Mohumeds rätselhafter Absturz begann nach den Deutschen Meisterschaften in Berlin Ende Juni. In der Hauptstadt hatte der 23-Jährige einen Doppelstart über 5000 Meter und 1500 Meter gewagt und die Plätze 1 und 2 belegt.

Er ging noch einmal ins Höhentrainingslager nach Sankt Moritz und fühlte sich für die beiden Großveranstaltungen in Eugene und München bestens vorbereitet, wie er Mitte Juli im SPORT1-Interview offenbarte.

Dann setzte er sich in den Flieger nach Oregon - und plötzlich ging die Form den Bach herunter. Statt, wie angekündigt, ein Wörtchen auf der großen Bühne mitzureden, schied er sang- und klanglos im 5000-Meter-Vorlauf aus.

Beim anschließenden Interview irritierte Mohumed mit der Aussage, es könne sein, dass er Corona habe - einen Test habe er aber nicht gemacht.

Den holte er nach dem Rennen nach, doch der gefürchtete Strich tauchte nicht auf. Die Frage blieb offen: Warum konnte er auf einmal keine Leistungen mehr abrufen?

„Mein Trainer (Pierre Ayadi, d. R.) hatte eine Corona-Infektion, doch ich wurde die ganze Zeit negativ getestet“, sagte der 23-Jährige nun. „Ich habe mich auch schon ärztlich beraten lassen, ob es trotzdem einen Zusammenhang geben könnte, weil ich mich seit diesem Zeitpunkt nicht mehr gut fühle.“

Hatte Mohumed doch Corona?

Mohumed vermutet, dass er sich trotz aller negativer Tests doch angesteckt haben könnte. „Das kann ja eigentlich kein Zufall sein, dass die Form mit einem Schlag weg ist.“

Also bleibt ihm nur eine Erklärung: „Ich saß während des Langstreckenfluges in die USA neben meinem Coach und auch danach bei den Autofahrten – so lange, bis er gemerkt hat, dass er krank ist. Seitdem ging es nach unten mit meiner Leistung.“

Dass die Form nach der WM nicht wiederkam, merkte Mohumed schnell: „Nach Eugene haben wir sehr vorsichtig trainiert, aber ich hatte immer das Gefühl, dass es nicht mehr so ist wie zu Saisonbeginn.“

Mit einem unguten Gefühl ging der gebürtige Mönchengladbacher auch in die Leichtathletik-EM. „Heute morgen dachte ich mir schon, dass es schwer werden würde. Ich habe mich nicht gut gefühlt. Wenn ich ehrlich zu mir gewesen wäre, hätte ich mir eingestehen müssen, dass ich nicht konkurrenzfähig bin. Dass ist sehr bedauerlich, bei einer EM im eigenen Land. “, sagte er nun.

Beendet Mohumed die Saison vorzeitig?

Eine Nacht hatte Mohumed im Anschluss Zeit, um seine Pläne möglicherweise über den Haufen zu werfen. „Jetzt muss ich wirklich darüber nachdenken, ob es sinnvoll ist, am Dienstag über 5000 Meter an den Start zu gehen. Es ist nicht mein Anspruch, hinterherzulaufen. Ich befürchte, dass eine gute Platzierung nicht drin ist.“

Und so überraschte es wenig, als der 23-Jährige seine Teilnahme für den 5.000-Meter-Lauf am Dienstag tatsächlich absagte. Aus dem deutschen Wunderläufer, der sich im Frühjahr aufmachte, Dieter Baumanns Uralt-Rekord zu knacken, ist ein paar Monate später ein zweifelnder Athlet geworden.

Echte Sorgen macht sich der 23-Jährige aber dennoch nicht - auch wenn ihm wohl nichts anderes bleibt, als die aktuelle Saison abzuschreiben.

„Ich muss jetzt vielleicht mal auf die Bremse treten, mich ausruhen und nächstes Jahr wieder angreifen. Das ist traurig, aber ich bin nicht der Erste, dem so etwas passiert. Da mache ich mir keine Sorgen.“