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Psychologie der Selbsttäuschung: Mit welchen vier Strategien ihr euch ständig selbst belügt

·Lesedauer: 5 Min.

Es gibt Sachen, von denen man meint, dass sie immer nur andere Menschen betreffen – einen selbst aber nicht. Riskant Auto fahren zum Beispiel. Oder bei der Urlaubsplanung nur an den eigenen Komfort, statt an die Umwelt zu denken. Oder aber, sich eigene Fehler konsequent schönzureden. Kennt ihr auch? Es gibt Menschen, die wahre Meister darin sind, sich selbst zu belügen. Wo doch jeder, der von außen objektiv auf die Situation schaut, erkennt: Das ist pure Selbsttäuschung.

Und schon sind wir mittendrin im Thema. Denn Selbsttäuschung, das ist die harte Wahrheit, gehört zum Leben eines jeden Menschen dazu. Genauso, wie wohl jeder schon mal zu schnell Auto gefahren ist oder sich bei der Urlaubsplanung gegen die Bahn und fürs Flugzeug entschieden hat. Alles jeweils aus den allerbesten Gründen. Natürlich.

Jetzt sagt ihr vielleicht: Das würde ich doch merken? Denn schließlich versucht ihr immer, ehrlich mit euch selbst zu sein. Das Perfide an der Selbsttäuschung aber ist: Sie schleicht sich einfach in eure Gedanken hinein – und oft merkt ihr daher nicht einmal, dass sie gerade am Werk ist. Vier typische Strategien der Selbsttäuschung gibt es dabei, das haben Francesco Marchi von der Universität Antwerpen und Albert Newen von der Ruhr-Universität Bochum analysiert. Im Fachjournal „Philosophical Psychology“ beschreiben die beiden, wie genau sie funktionieren.

„Alle Menschen täuschen sich selbst, und zwar gar nicht so selten“

„Alle Menschen täuschen sich selbst, und zwar gar nicht so selten“, sagt Albert Newen. Die Selbsttäuschung zeichne aus, dass Menschen bei einer bestimmten Überzeugung blieben – obwohl es eigentlich handfeste Gegenbeweise gebe.

Eine der vier Strategien ist die sogenannte „Reorganisation der Überzeugungen“. Stellt euch vor: Ein Vater glaubt, dass sein Sohn ein guter Schüler ist. Was wird er denken und sagen, wenn sein Sohn am Anfang des Schuljahres in Mathe zwei oder drei schlechte Noten nacheinander mit nach Hause bringt? Wahrscheinlich sei, erklären Newen und Marchi, dass der Vater die schlechten Noten seines Kindes wegerkläre: zum Beispiel damit, dass der Lehrer nicht gut sei und den Stoff nicht vernünftig erklärt haben könne. Seine Interpretation der Fakten folgt also seiner Überzeugung, obwohl die Beweise eher dagegen sprechen. Statt seine Überzeugung also anzupassen, behält der Vater die Überzeugung bei und organisiert sich eine Interpretation, die das zulässt.

Eine zweite Strategie ist das „Auswählen von Tatsachen“. Das bedeutet, dass Menschen gern Fakten auswählen, die ihre Überzeugung stützen, und umgekehrt gern alles vermeiden, was ihre Überzeugungen torpedieren könnte. Um bei dem Beispiel zu bleiben: Zum Elternsprechtag mit der Mathelehrerin wird der Vater wahrscheinlich eher nicht gehen – warum auch? Schließlich liegen die schlechten Noten aus seiner Sicht klar an der Lehrerin. Und warum sollte er sich mit einer schlechten Lehrerin streiten? Anders aber sähe es aus, wenn der Vater der Überzeugung wäre, dass sein Sohn nun mal leider kein Mathe-Ass ist. Dann könnte er am Elternsprechtag die Lehrerin um ihre Sicht auf die Dinge und um Unterstützung bitten.

Die Glaubwürdigkeit der Quelle anzweifeln geht immer

Eine dritte Strategie ist das „Zurückweisen von Tatsachen“. Dabei diskreditieren Menschen Fakten, die ihnen die eigene Überzeugung kaputt machen könnten. Das geht ganz einfach: indem sie die Glaubwürdigkeit der Quelle anzweifeln. Der Vater des vermeintlich talentierten Sohnes etwa könnte einfach aufhören, bei den nächsten Mathetests nach den Noten zu fragen. Da die Lehrerin in seinen Augen unfähig ist, sagen die Tests ohnehin nichts über die Fähigkeiten seines Kindes aus.

Als vierte und letzte Strategie nennen Newen und Marchi das „Generieren von Tatsachen“. Das kann passieren, wenn es schwierig wird, die vorherigen Strategien aufrecht zu erhalten – etwa, weil die Mathelehrerin nun selbst auf den Vater zugeht. Versucht sie, dem Vater freundlich zu verstehen zu geben, dass der Sohn gerade nicht zurechtkommt, andere in der Klasse aber schon, dann könnte er die vorsichtige Beschreibung umdeuten. Zum Beispiel so, dass sein Sohn durchaus sehr schlau ist, und nur vorübergehend nicht seine volle Leistung zeigen kann.

Gründe dafür kann es ja jede Menge geben: Die Klasse kann laut sein, sodass er sich nicht konzentrieren kann. Oder der Mathe-Unterricht liegt immer in der ersten Stunde – was zu früh ist für den Sohn, der eher eine Nachteule ist. Oder in der letzten, wo die Luft nun mal schon raus ist. Wo immer Situationen mehrdeutig sind, schlägt diese Strategie dann zu und fischt sich die Erklärung heraus, die die eigene Überzeugung noch am meisten zu stützen vermag.

Überzeugungen sind Pfeiler, die das eigene Weltbild stabilisieren und schützen

Ihr seht: Bis ein Mensch seine Überzeugung ändert, muss einiges passieren. Vielleicht sind euch ein paar dieser Strategien auch kürzlich schon bei anderen begegnet: zum Beispiel bei Diskussionen dazu, ob die Corona-Impfungen wirken und notwendig sind. Aber warum halten Menschen so hartnäckig an ihren einmal gefassten Überzeugungen fest? „Es handelt sich dabei nicht um böswillige Vorgehensweisen, sondern einen Teil der kognitiven Grundausstattung des Menschen, um das bewährte Selbst- und Weltbild zu bewahren“, so Newen.

Unsere Überzeugungen sind wie Pfeiler, die das eigene Weltbild stabilisieren und schützen. Besonders wichtig dabei sind Überzeugungen, die das positive Bild stützen, das man von sich selbst oder anderen nahestehenden Menschen hat. Sie werden besonders hartnäckig verteidigt. Es geht dabei also nicht um die Fakten an sich – sondern darum, was sie über den Menschen aussagen, der sie vertritt.

Das ist nicht grundsätzlich schlecht. Im Gegenteil: Die Philosophen Newen und Marchi sagen, Selbsttäuschung sei kurzfristig weder unvernünftig noch nachteilig für Menschen. Die vier Strategien können im Gegenteil sogar dabei helfen, sich auch in schwierigen Situationen gut zu fühlen und motiviert zu bleiben. Nur wenn die Überzeugungen mittel- und langfristig völlig veränderungsresistent bleiben, wird es schwierig. Hält der Vater auch dann noch an seiner Überzeugung fest, wenn der Junge die Schule wechselt und wieder schlechte Mathenoten nach Hause bringt – dann entgeht ihm und seinem Sohn langfristig die Chance, dessen Leistungen in Mathe zu verbessern. Eine solche Haltung ist wohl immer schwierig. Besonders fatal aber sei sie, so Newen, „in Zeiten von radikal neuen Herausforderungen, die rasche Verhaltensänderungen erfordern“.

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