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"Protestkultur ist für alle da"

·Lesedauer: 9 Min.

Aktuell kann die Welt mehr denn je gute Vibes gebrauchen. Auf seinem neuen Album "Earth, Wind & Feiern" singt Jan Delay mit Club-Songs gegen die Sorgen an. Im Interview spricht der Musiker über musikalische Nostalgie, "Querdenker-Vögel" und seine große Liebe zum Wasser.

Egal ob HipHop, Reggae, Soul, Funk oder Rock: Als Künstler bleibt Jan Delay maximal vielseitig. Der 1976 geborene Hamburger bringt mit
Egal ob HipHop, Reggae, Soul, Funk oder Rock: Als Künstler bleibt Jan Delay maximal vielseitig. Der 1976 geborene Hamburger bringt mit "Earth, Wind & Feiern" nach sieben Jahren Pause am 21. Mai wieder eine Solo-Platte auf den Markt. (Bild: Thomas Leidig)

Wenn der Bass drückt, ist Jan Delay glücklich, wenn die Sonne scheint auch. Ersteres ist aufgrund der Pandemie-Lage samt verwaister Tanzflächen vorerst nicht möglich, immerhin Zweiteres ist dem 45-jährigen Hamburger am Interview-Tag vergönnt - da darf die ohnehin charakteristische Sonnenbrille natürlich nicht fehlen. Bereits im Intro-Song seiner am 21. Mai erscheinenden Platte "Earth, Wind & Feiern" kündigt das Deutschrap-Urgestein an, "Sonne dabei" zu haben. 

Jan Delay: Maske tragen, Abstand halten, Impfen

Gemeint ist ein positiver Vibe, der sich auf dem fünften Solo-Album des Beginner-Mitglieds aus Disco-, Trap-, Dub- und weiteren musikalischen Einflüssen speist. Tanzbein schwingen statt Trübsal blasen. Dabei gäbe es für politische Menschen wie Jan Philipp Eißfeldt, der nie einen Hehl aus seinen Sympathien für linke Bewegungen gemacht hat, auch abseits der Corona-Krise durchaus Gründe für sorgenvolle Zwischentöne.

teleschau: "Earth, Wind & Feiern" ist ein sehr positives Album. Warum beginnt es trotzdem mit der Zeile "Es sind finstere Zeiten"?

Jan Delay: Diese Zeile stammt noch aus einer Zeit vor der Pandemie. Doch es waren auch vor Corona schon finstere Zeiten. Man denke an die Klimakatastrophe und den weltweiten Rechtsruck. Es sind auch Songs in der Corona-Zeit entstanden. Aber erstens hatte ich einfach keinen Bock, darüber zu singen, und zweitens ist das wie eine Dubstep-Snare: Die Pandemie ist eng mit dem Zeitgeist verbunden, und alles, was so stark mit dem Zeitgeist verbunden ist, ist danach genauso schnell wieder weg, wie es kam. Wenn man dann in einem Jahr auf Konzerten tanzt, will doch niemand mehr etwas von Corona wissen.

teleschau: Wie nehmen Sie als politischer Mensch die Proteste gegen die Corona-Maßnahmen wahr?

Jan Delay: Protestkultur gehört ja niemandem. Die ist für alle da, nicht nur in einer Demokratie. Für mich ist Protest erst einmal gewaltfrei. Es geht darum, irgendwie zu zeigen, dass man mit dem Status Quo nicht zufrieden ist und das ist eine wichtige und gute Sache. Protestbilder sind bei vielen Menschen mit einer linken Kultur verbunden, weil wir so damit aufgewachsen sind. Nun ist die Situation anders, beispielsweise findet sich bei diesen Querdenker-Vögeln alles an komischen Gestalten zusammen: rechts, links, durchgeknallt, Flat-Earth und Hohlerde (lacht). Aber eben leider auch sehr gut organisierte rechte Gruppen.

Als Mitglied der dreiköpfigen Rap-Gruppe Beginner wurde Jan Philipp Eißfeldt, der als Solo-Artist den Künstlernamen Jan Delay trägt, deutschlandweit bekannt. Auf eine Reggae-, Funk-, Soul- und Rock-Platte folgt nun ein Album, welches sich keinem spezifischen Genre zugehörig fühlt. (Bild: Thomas Leidig)
Als Mitglied der dreiköpfigen Rap-Gruppe Beginner wurde Jan Philipp Eißfeldt, der als Solo-Artist den Künstlernamen Jan Delay trägt, deutschlandweit bekannt. Auf eine Reggae-, Funk-, Soul- und Rock-Platte folgt nun ein Album, welches sich keinem spezifischen Genre zugehörig fühlt. (Bild: Thomas Leidig)

 

"Auf einmal sahen die Nazis aus wie der schwarze Block"

teleschau: Wann haben Rechte angefangen, linke Protestformen zu kopieren?

Jan Delay: In meiner Erinnerung ging das schon in den 90er-Jahren los, als ich zwölf oder 13 Jahre alt war und die sogenannten Asylbewerberheime brannten. Damals dachte man sich: "Oh fu..., die andere Seite kann auch mit dem Instrumentarium Protestkultur etwas anfangen." Die Rechten öffneten damals den Werkzeugkasten und bedienen sich seit 1991 fleißig daraus. Vor rund zehn Jahren ging das auch optisch los. Als auf einmal die Nazis auf Demos ganz bewusst aussahen wie der schwarze Block. Einerseits, weil sie vielleicht das Rebellische cool fanden, andererseits auch, weil sie merkten, dass sie da Wasser abgraben können und attraktiver für die Kids sind. Es gilt jedenfalls weiterhin, dagegenzuhalten.

teleschau: Bereits als Kind wurden Sie von Ihren Eltern auf Demos mitgenommen.

Jan Delay: Ja, die zwei großen Themen waren "Für Abrüstung" und "Gegen Atomkraft" - inklusive Friedenstaube und "Atomkraft, nein danke" (lacht). Zum Beispiel wurde gegen die Stationierung von amerikanischen Atomraketen in Deutschland protestiert. Außerdem gab es um Hamburg herum viele Atomkraftwerke. Die heftigsten Demos waren in Gorleben und Brokdorf. Dorthin durfte ich dann auch nicht mit, weil es so zur Sache ging. Tschernobyl war als Ereignis natürlich auch krass.

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 "Jeder, der Mucke macht, hasst das einfach"

teleschau: Ein musikalischer Blick zurück: Im Song "Gestern" thematisieren Sie Fans, die sich wünschen, dass Sie so wie früher klingen.

Jan Delay: Mir ist ganz wichtig, mich immer selbst zu reflektieren. Ich mag auch, was früher war, aber ich hänge das nicht an die große Glocke. Alte Musik hat auch mich inspiriert und wenn ich alte Musik auflege, bin ich immer noch geflasht. "Gestern" ist ein Lied für alle, die selbst Musik machen. Jeder, der über längere Zeit musikalischen Output hat, wird das kennen: Seit ich vor über 20 Jahren "Bambule" gemacht habe, kommen Leute zu mir und sagen: "Mach' doch mal wieder mehr wie früher."

teleschau: Und das nervt?

Jan Delay: Ich glaube jeder, der Mucke macht, hasst das einfach. Ich sage denen doch auch nicht: "Treff' dich doch mal wieder mit deiner Ex." Obwohl man nichts dafür kann, ist man in der Jugend dieser Leute verhaftet, und die wollen dann, dass das auch immer so bleibt und reproduziert wird. Ich finde es ja cool, dass du die alten Sachen von damals magst, aber deshalb muss ich die doch nicht für immer so machen. Natürlich ist es toll, zurückzublicken, aber es geht ja auch weiter und man muss nach vorne schauen.

teleschau: Im YouTube-Format "Früher" wird zurückgeblickt, da finden sich Schätze aus den Anfängen Ihrer Karriere.

Jan Delay: Die Anfänge sind ja auch wichtig, man darf nur nicht darauf hängenbleiben. Zu Beginn des Lockdowns habe ich den Schuhkarton mit meiner Kamera und einem Stapel Tapes geöffnet und die dann digitalisiert. Mein Kumpel Flo Kaiser, der schon seit 20 Jahren alles von mir filmt, hatte ebenfalls noch Material - und dann warfen wir das einfach zusammen. 

Wenig Hoffnung: Jan Delay dämpft Erwartung auf baldige Live-Auftritte

Fünf Jahre zuvor, als wir die Beginner-Platte herausbrachten, haben wir für ein Bonus-Mixtape auch noch einmal mit Denyo in die ganzen alten Sachen reingehört. Das war genau der Kram, den die Leute immer fordern. Wir hatten zwar keinen Bock auf die Flows, aber auf die Beats. Weil wir wollten, dass alles aus einem Guss ist, haben wir alle Beats genommen und alles nochmal eingerappt.

"Wenn die Sonne auf der Oberfläche glitzert, ist das einfach das Schönste"

teleschau: Sie wohnen jetzt auch wieder in Hamburg. Warum ging es zurück in die Hansestadt?

Jan Delay: Meine Tochter wurde vor sechs Jahren in Berlin geboren und deshalb bin ich immer hin und hergefahren, dabei bin durch meinen Job ja sowieso viel unterwegs. In Hamburg habe ich mein Studio, und dann musste ich zurück nach Berlin, um Papa zu sein. Mir ging dieses Hin und Her immer ziemlich auf den Keks. Deshalb versuchte ich schon lange, meine Frau dazu überreden, dass die Kleine in Hamburg eingeschult wird. Die beiden haben dann eingewilligt. Schließlich war es so weit, dummerweise genau zu Corona - sie hatte vom ersten Schuljahr zwei bis drei Monate regulär Schule. Trotzdem ist sie sehr glücklich hier - und ich sowieso.

teleschau: Aufgrund der Nähe zum Wasser, auf das Sie auf "Earth, Wind & Feiern" ein Loblied singen?

Jan Delay: Speziell hier in Hamburg wimmelt es von Plätzen, die ich im Song "Wassermann" besinge: Ob das nun die Alster ist oder die Elbe, oder ob ich ein Stück raus an die Nordsee oder an die Ostsee fahre. Jeder Ort hat etwas Eigenes, etwas Besonderes, aber sie alle eint das Wasser. Wenn die Sonne auf der Oberfläche glitzert, ist das einfach das Schönste. Egal wo: Du findest mich am Wasser, da finde ich es einfach immer am besten und dort verbringe ich auch meinen Urlaub. Wir haben hier oben zwei wunderschöne Meere, die man im Sommer besuchen kann.

teleschau: Und wie sieht es mit Auftritten in diesem Sommer aus?

Jan Delay: Die normalen Festivals, die vor der Pandemie geplant und dann in dieses Jahr verschoben wurden, sind natürlich schon wieder abgesagt. Aber dafür haben wir Strandkorb-Konzerte geplant und ich hoffe sehr, dass die stattfinden dürfen. Das wäre auf einem Open-Air-Gelände, auf dem dann rund 1.000 Strandkörbe stehen. Das Publikum ist dadurch separiert, jeweils zwei Leute pro Strandkorb mit eigenem Bereich.

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teleschau: Muss man aktuell nach jedem Strohhalm greifen, was Live-Musik angeht?

Jan Delay: Also mit so etwas bin ich völlig cool. Da können mein Produzent Tropf und ich auch mal mit einer Lärmbeschränkung leben. Normalerweise spielen wir nicht dort, wo man leise sein muss. Aber was ich nicht machen würde, sind diese Autokino-Konzerte, die vor allem letzten Sommer ein Thema waren. Die finde ich ganz schlimm, da gibt es nicht einmal eine Anlage. Die Leute setzen sich in ihr Auto, machen das Radio an und haben nur da den Sound.

So bunt wie auf dem Cover seines neuen Albums
So bunt wie auf dem Cover seines neuen Albums "Earth, Wind & Feiern" hält Jan Delay es auch musikalisch: Unterschiedlichste Einflüsse finden auf seinem neuen Werk Platz, einzige Bedingung: Im Club müssen die Songs funktionieren! (Bild: Universal Music)

 

"Ich bin nicht so der Playlisten-Typ"

teleschau: Im Gegensatz zu Ihren früheren Solo-Platten ist der Sound auf dem neuen Album von vielen Einflüssen geprägt. Warum haben Sie sich diesmal nicht festlegen wollen?

Jan Delay: Die Einflüsse waren zwar auch zuvor immer da, aber ich ließ sie bei meinen bisherigen Solo-Platten nicht zu und wollte das trennen. Ich glaube, das jetzige Album ist einfach die natürliche Konsequenz daraus gewesen, dass man sich zuvor selbst ein Korsett zusammengeschneidert hat. Alles musste innerhalb dieses Korsetts stattfinden und nichts durfte abweichen. Diesmal haben wir gesagt: Wir machen einfach nur die Musik, auf die wir Bock haben. Dann entschieden wir uns dafür, alles zuzulassen. Der rote Faden war einfach: Egal wie alt die Musik ist, die wir uns vorknöpfen, die Produktionen müssen im Club laufen können.

VIDEO: Größtes Konzert seit Beginn der Pandemie: 47.000 Zuschauer füllen Stadion in Kalifornien