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Proteste und unzufriedene Investoren: Der Druck auf Siemens-CEO Kaeser wächst

Auf der Hauptversammlung attackieren Aktivisten den Manager. Aber auch die Investoren sparen nicht an Kritik – und fordern eine baldige Nachfolgeregelung.

Wenn Siemens-Chef Joe Kaeser abtritt, will er seinem Nachfolger einen zukunftsfähigen Konzern übergeben – aber auch eine Verpflichtung. Der Umbau sei mit der Aufspaltung in diesem Jahr noch lange nicht abgeschlossen, sagte Kaeser auf der Hauptversammlung in München.

Die drei börsennotierten Unternehmen, in die er Siemens dann aufgeteilt haben wird – Healthineers, die neue Siemens Energy und die verbleibende Siemens AG mit den Digitalgeschäften –, müssten „Hauptdarsteller des Endspiels in ihrer jeweiligen Branche“ sein. „Nur dann werden die nachfolgenden Generationen stolz, selbstbewusst und dankbar eine Geburtstagsparty im Jahr 2047 geben, dem 200. Geburtstag von Siemens!“

Bis 2047 ist es aber noch eine lange Zeit, die Investoren interessiert die Gegenwart – und mit der sind nicht alle zufrieden: „Der Plan, mit der Aufspaltung von Siemens zusätzlichen Wert für die Aktionäre zu schaffen, ist richtig, aber es hapert an der konsequenten Umsetzung“, bemängelte Vera Diehl, Portfoliomanagerin bei Union Investment. Kaesers Umbauprogramme „Vision 2020“ und „Vision 2020+“ hätten nicht gezündet.

„Was zählt, sind nicht Visionen, sondern handfeste Fakten wie Margenausweitung und Cashflow-Generierung“, sagte Diehl. Eine nachhaltige Verbesserung der Ergebnisse könne sie nicht erkennen.

Noch steht der wichtigste Umbauschritt zwar bevor: Etwa Ende März soll das Energiegeschäft, das für immerhin 40 Prozent der Umsätze steht, abgespalten werden und im Herbst an die Börse kommen. Es entsteht ein neuer Konzern von Dax-Format mit 30 Milliarden Euro Umsatz.

Doch das Megaprojekt steht derzeit unter keinem guten Stern. Die Zahlen im Kraftwerksgeschäft und bei den erneuerbaren Energien sind mau. Das zeigte der Start ins neue Geschäftsjahr.

Zudem leidet das Image von Siemens Energy unter dem Streit über das Kohleminenprojekt Adani in Australien. Zwar ist Siemens nur mit einem kleinen Auftrag für die Bahntechniksparte beteiligt. Doch richten Klimaaktivisten inzwischen ihren Fokus auf das gesamte Geschäft von Siemens, mit fossilen Energien wie zum Beispiel Gasturbinen oder Technologie für Kohlekraftwerke – und das macht einen großen Teil des Geschäfts von Siemens Energy aus.

Podium für Klimaaktivisten

Als die Aktionäre am frühen Morgen von den Parkplätzen und der U-Bahn zur Olympiahalle zogen, wurden sie schon von Klimaaktivisten empfangen. „Klimakiller Siemens“ stand auf Transparenten. Auch auf dem Podium ergriffen die Aktivisten bei dem Aktionärstreffen das Wort.

Aufsichtsratschef Jim Hagemann Snabe appellierte zwar: „Wir können die Nachhaltigkeit der Welt nicht heute hier in der Hauptversammlung lösen.“ Die Redner sollten sich auf Fragen zur Tagesordnung beschränken.

Doch die Klimaaktivisten nutzten die öffentliche Bühne. Es sei eine Schande, dass Siemens den Adani-Auftrag unterzeichnet habe, während Australien brenne, kritisierte die 17-jährige Australierin Varsha Yajman.

Helena Marschall von „Fridays for Future“ sagte: „Die Adani-Mine in Australien ist nur die Spitze des Eisbergs.“ Im Kern gehe es um Siemens’ „unehrliche Inszenierung als Klimaschutz-Konzern“. Ein Konzern, der das Paris-Abkommen unterstütze, müsse jede Investition auf dieses Ziel hin ausrichten. „Alles andere ist Schönfärberei.“

Kaeser nannte es „fast schon grotesk“, dass ausgerechnet Siemens mit seinem vergleichsweise kleinen Auftrag zur Zielscheibe geworden sei. Er bekräftigte, dass der Konzern den Auftrag im Nachhinein lieber nicht angenommen hätte. „Daran ändert auch die Realität nichts, dass die von uns gelieferte Signaltechnikanlage für einen sicheren Zugverkehr für die Inbetriebnahme der umstrittenen Mine irrelevant ist.“

Kritik an einzelnen Staudamm- oder Kraftwerksprojekten hatte es auch in früheren Jahren bei Siemens immer wieder gegeben. Doch inzwischen hat das Thema eine neue Dimension erreicht. „Die globale Diskussion um den Klimawandel ist ein Zeichen dafür, dass eine neue Ära angebrochen ist“, drückte es Chefkontrolleur Snabe aus.

Auch Investoren sehen das Thema als geschäftsrelevant an. Diehl von Union Investment sprach von einem Reputationsschaden, der durch das Adani-Debakel entstanden sei.

Kritik gab es von Investoren insbesondere am Krisenmanagement. „Man hat die Affäre nicht gut aufgearbeitet“, sagte Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Der Dialog mit den Klimaschützern sei richtig. „Ob man diesen Kritikern aber gleich einen Posten im Unternehmen anbieten muss, ist schon fraglich.“

Kaeser hatte Klimaaktivistin Luisa Neubauer einen Aufsichtsposten bei der neuen Siemens Energy angeboten, zwischenzeitlich war sogar von einem Aufsichtsratsposten die Rede. Auch konzernintern glauben manche, dass Kaeser mit seinem Treffen mit Neubauer die Aufmerksamkeit der Kritiker noch stärker auf Siemens gezogen hat.

Aufsichtsratschef Snabe betonte, das Kontrollgremium begrüße den Vorschlag eines Nachhaltigkeitsgremiums auch mit externen Experten. Die Diskussionen hätten zumindest ein Gutes: „Wir sehen uns angespornt, den Wandel von Siemens in Richtung Nachhaltigkeit zu beschleunigen.“ Kaeser kündigte an, bis zu eine Milliarde Euro zusätzlich bereitzustellen, um Emissionen in der kompletten Wertschöpfungskette – also auch bei den Zulieferern – zu verringern. Details nannte er aber nicht.

Die Grundsatzentscheidung, den Konzern aufzuspalten, hat die Rückendeckung vieler Investoren. Diehl forderte sogar, Siemens müsse noch konsequenter auf fokussierte Einheiten setzen – also die Aufspaltung weiter vorantreiben. Auch nach der Abtrennung des Energiegeschäfts sei die verbleibende Siemens AG noch ein Gemischtwarenladen. Sie brachte auch eine Trennung von der Bahntechnik, der Mehrheitsbeteiligung an den Healthineers und der künftigen Beteiligung an Siemens Energy ins Spiel.


Investoren fordern rasche Kaeser-Nachfolge

Auch Fondsmanager Marcus Poppe von der DWS sieht in Sachen Bahntechnik Handlungsbedarf. Das Argument für die ursprünglich geplante, aber an den Wettbewerbshütern gescheiterte Fusion mit Alstom habe weiterhin Bestand: Der Wettbewerbsdruck aus China werde in den nächsten Jahren zunehmen. „Somit gilt es, gerade für die Zugfertigung eine Lösung zu finden, die Wettbewerbsfähigkeit dieses Bereichs zu erhöhen.“

Zudem kritisierte Poppe das Adani-Projekt: „Nicht zu erkennen, dass ein Reputationsschaden entstehen könnte, ein zwar genehmigtes, aber seit Jahren umstrittenes Kohleprojekt zu beliefern, war ein Fehler:“

Investoren forderten zudem eine rasche Nachfolgeregelung an der Siemens-Spitze. Kaesers Vertrag läuft nur noch bis Anfang 2021, doch der Aufsichtsrat will erst im Sommer über die Nachfolge entscheiden. Favorit auf die Nachfolge ist Vize Roland Busch.

Es drohe die Gefahr, potenzielle Kandidaten bereits im Vorfeld einer Ernennung zu beschädigen, sagte Winfried Mathes von der Deka. „Um diese Situation zu vermeiden und das Reputationsrisiko für Siemens einzugrenzen, ist uns an einer zeitnahen Kommunikation der Nachfolge des Vorstandsvorsitzenden gelegen.“ Auch Diehl von Union Investment forderte: „Sorgen Sie endlich für klare Verhältnisse: Das gilt sowohl für die Konzernstruktur als auch für die Nachfolgeplanung!“

Siemens ohne Kaeser, das ist gar nicht so leicht vorstellbar – wahrscheinlich auch für ihn selbst nicht. In einem Monat werde er genau 40 Jahre bei Siemens sein, sagte Kaeser vor den Aktionären. „Siemens 1980 und Siemens 2020, das sind andere Welten und Generationen. Technologisch, wirtschaftlich, strukturell und kulturell.“

Nachfolgeentscheidung im Sommer

Und doch naht so langsam das Ende von Kaesers Amtszeit. Der Vorstandschef selbst behauptete, dass intern die Nachfolge kein Thema sei. Erstmals seit 15 Jahren habe Siemens wieder einen geordneten Nachfolgeplan, und dieser sei sehr gut.

Bei der Präsentation der Zahlen saß Vize Busch neben ihm und sprach zur weiteren Strategie. Kaeser hatte zwischenzeitlich damit kokettiert, im Notfall noch einmal zwei Jahre zu verlängern. Allerdings war er es nach eigenen Angaben selbst, der Buschs Beförderung zum Vize vorgeschlagen hatte.

Kurz vor Weihnachten erklärte er dann bei einer Mitarbeiterversammlung, Busch besitze seine volle Unterstützung. Wer glaube, dass man nicht auf einer Wellenlänge sei, liege „total falsch“.

Die offizielle Kür des Nachfolgers lässt aber weiter auf sich warten. In Aufsichtsratskreisen hieß es, das Gremium wolle am Fahrplan festhalten und im Sommer die Entscheidung über die Nachfolge treffen. Allerdings gilt es als gut möglich, dass der Wechsel dann etwas vorgezogen bereits im Spätherbst über die Bühne gehen könnte. Busch gelte als gesetzt, wird in Aufsichtsratskreisen betont. Viele im Unternehmen wünschen sich wieder einen Ingenieur an der Spitze des Konzerns.

Zwar gibt es im Konzern auch Skeptiker in der Frage, ob Busch dem CEO-Posten gewachsen wäre. Doch sei er in den vergangenen Monaten weiter in die Führungsrolle hineingewachsen, sagt ein Aufsichtsrat.

Offen ist noch, was aus Kaeser wird, wenn er den Vorstandsvorsitz abgegeben hat. In Aufsichtsratskreisen geht man davon aus, dass Snabe langfristig im Amt bleiben will. Er habe Spaß an dem Job und wolle weitermachen, solange er das Gefühl habe, Siemens weiterhelfen zu können. Damit bliebe für Kaeser als Option der Aufsichtsratsposten bei der neuen Siemens Energy. Hier müsste er rechtlich wohl keine Abkühlphase einhalten, da es sich nicht um dasselbe Unternehmen handelt.

Allerdings forderte Mathes von der Deka, auch hier eine Cooling-off-Periode von zwei Jahren einzuhalten, um „möglichen Interessenkonflikten entgegenzuwirken“. Auch im Siemens-Aufsichtsrat gibt es Stimmen, die es für besser hielten, wenn sich Siemens-Energy-Chef Michael Sen erst einmal freischwimmen könnte ohne einen Aufsichtsratschef Kaeser über sich. Doch noch ist alles offen.

Vielleicht, munkeln manche in München, werde Kaeser ja auch Aufsichtsratsvorsitzender bei Daimler. Bei dem Autobauer sitzt der Siemens-Chef im Kontrollgremium, Interessenkonflikte wären bei einem Wechsel an die Aufsichtsratsspitze in Stuttgart nicht zu erwarten.

Einen Erfolg konnte Kaeser am Mittwoch schon einmal verzeichnen: Zum Ende der Hauptversammlung entlasteten ihn die Aktionäre mit einer Zustimmungsquote von 95 Prozent.